
04.02.2011, 19:21 Uhr | Spiegel Online
Egal ob Mietshaus oder Luxusvilla, die Nachfrage nach Immobilien ist in Deutschland gewaltig. Makler feiern erhebliche Umsatzsprünge und sprechen von einem beispiellosen Boom. Doch es gibt Anzeichen, dass eine Blase entsteht - die bald platzen könnte.
München, Hamburg, Berlin - egal, wo Immobilienmakler derzeit auf ihre Geschäfte angesprochen werden, die Antwort ist die gleiche: Es läuft bombig.
Engel & Völkers zum Beispiel, bundesweit spezialisiert auf das hochpreisige Segment, meldete kürzlich einen neuen Unternehmensrekord: 77,5 Millionen Euro an Courtage haben die Shops im vergangenen Jahr mit der Vermittlung von Wohnimmobilien in Deutschland verdient - eine Steigerung um mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Im weniger exklusiven Teil des Marktes feiert die Firma Großmann & Berger riesige Erfolge: Um 22 Prozent seien die Provisionen für Wohnimmobilien gestiegen, teilt Geschäftsführer Andreas Kunze mit.
Und natürlich München. Geht es um Stadthäuser und Eigentumswohnungen, steht die bayerische Hauptstadt seit langem an der Spitze der deutschen Metropolen - auch derzeit floriert der Absatz dort wie an kaum einem anderen Ort. Ein Grund ist die starke Wirtschaftsstruktur der Stadt, die hierzulande ihresgleichen sucht. Mit der Allianz, BMW, Linde, MAN, Infineon, Munich Re und Siemens haben gleich sieben DAX-Unternehmen ihren Hauptsitz an der Isar. Für den Immobilienmarkt bedeutet das: hohe Einkommen und viel Vermögen.
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"Gesucht wird häufig nach soliden Anlagen für mittlere sechsstellige Summen", sagt ein Nobelmakler aus dem Stadtteil Nymphenburg. Seit fast 30 Jahren ist der Makler im Geschäft - einen Umsatz wie 2010 hat er in all der Zeit noch nicht erlebt. "Angesichts der niedrigen Zinsen freuen sich die Kunden schon über Objekte, die rund drei Prozent Rendite bringen." Und davon gibt es in München eine ganze Menge.
Über die Gründe für das große Interesse sind sich die Makler einig: Die Zinsen sind enorm niedrig, viele Menschen sorgen sich, die Inflation könnte die Renditen ihrer Anlagen übersteigen - und schichten ihr Geld in Immobilien um. Es gibt kaum andere Anlagemöglichkeiten mit einem ähnlich verlockenden Rendite-Risiko-Profil.
"Immobilien als Kapitalanlage werden derzeit extrem stark nachgefragt", sagt Jürgen Michael Schick vom Branchenverband IVD. "Nach den schwachen Jahren 2008 und 2009 verzeichneten die Makler 2010 bundesweit Umsatzsteigerungen von bis zu 60 Prozent."
Besondere Dynamik entfaltete nach Angaben des Experten zuletzt das Geschäft mit Miethäusern, in einigen Regionen werden solche Objekte bereits knapp. Schick betreibt in Berlin ein Maklerhaus mit 25 Mitarbeitern, das genau auf dieses Segment spezialisiert ist. Sein Provisionszuwachs 2010: plus 170 Prozent. Aussichten: großartig. "2011 wird noch einmal ein Immobilienjahr", sagt er. "Die entscheidenden Rahmenbedingungen für den Boom bleiben."
Ganz so schwunghaft wie 2010 dürften die Geschäfte allerdings nicht weiterlaufen. Zwar gibt es tatsächlich Anzeichen für das Einsetzen einer stärkeren Geldentwertung. Die europaweite Inflationsrate lag im Dezember 2010 bei 2,2 Prozent, knapp über dem von der Europäische Zentralbank (EZB) angepeilten Wert von zwei Prozent. Gleichzeitig hält die EZB die Leitzinsen wegen der Schuldenkrise in Europa enorm niedrig, was die Inflation zusätzlich anheizt.
Doch die Konditionen für Immobilienfinanzierungen haben sich in den vergangenen Monaten merklich verschlechtert. Der Index der Finanzberatung Max Herbst (FMH) für Baufinanzierungen zeigt einen Anstieg der Hypothekenzinsen um beinahe einen Prozentpunkt seit Herbst 2010.
Das macht sich bei den Immobilienpreisen bemerkbar, wie ein Blick auf den HPX-Index des Berliner Finanzdienstleisters Hypoport zeigt: Der seit Monaten zu beobachtende steile Anstieg im Index für Eigentumswohnungen lässt mit steigenden Zinsen wieder nach. Auch der Gesamtindex für Wohnhäuser und Wohnungen war Ende 2010 erstmals seit langem rückläufig.
Das gleiche Bild zeigt der am Mittwoch erstmals veröffentlichte Wohn-Index Deutschland der Beratungsgesellschaft F+B. Insgesamt sind die Preise und Mieten von Wohnimmobilien 2010 in Deutschland um knapp drei Prozent gestiegen. Im vierten Quartal habe es jedoch eine leichte Abkühlung gegeben, was auf eine Normalisierung hindeute, schreiben die Experten.
Das deckt sich mit den Beobachtungen eines Maklers aus München. "Wir haben im Januar zwar immer noch eine überdurchschnittlich hohe Nachfrage", sagt er. "Doch auch das Angebot an Objekten ist zuletzt enorm gestiegen." Einige Eigentümer könnten bereits eine Preisblase befürchten - sie flüchteten, aus Angst, dass diese bald zerplatzt.
Quelle: Spiegel Online
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