19.02.2010, 09:15 Uhr | Financial Times Deutschland
Brasilien muss Benzin kaufen (Foto: imago)Brasilien importiert zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten wieder Benzin. Zwei Millionen Barrel (je 159 Liter) will die staatliche Ölgesellschaft Petrobras bis Ende Februar aus Venezuela einführen, berichtete die Zeitung "Estado". Die Kosten beliefen sich auf 140 Millionen Dollar. Petrobras bestätigte die Lieferauftrag und bezeichnete ihn als "guten Deal".
Die Südamerikaner reagieren damit einerseits auf einen steigenden Benzinverbrauch, andererseits aber auch auf eine schlechte Zuckerernte. In Brasilien wird im großen Umfang Ethanol - das aus Zucker gewonnen wird - als Treibstoff verwendet. 90 Prozent der Fahrzeuge können den Biosprit verarbeiten. Wegen der rückläufigen Produktion senkte die Regierung die Ethanol-Beimischung vor kurzem von 25 auf 20 Prozent. Die Entscheidung von Petrobras belegt, dass die Zeit der Benzinunabhängigkeit vom Ausland vorbei sein könnte.
Noch drückt das Überangebot die Preise
Für den Ölmarkt ist die Entscheidung bedeutsam: Sollte Brasilien dauerhaft als Nachfrager auftreten, würde das die Preise für Rohöl und Benzin nach oben treiben. Seit Wochen pendelt der Ölpreis zwischen 70 und 80 Dollar. Während der Konjunkturoptimismus für steigende Notierungen spricht, drückt das Überangebot und der Lagerüberhang in den westlichen Industriestaaten nach wie vor auf die Stimmung. Zuletzt kostete Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (US-Oel) rund 78 Dollar.
Das Wetter setzt Brasilien zu
Brasilien leidet stark unter dem Wetter. Der Ölausstoß verfehlte die Erwartungen, hauptsächlich aufgrund der rückläufigen Produktion von Biosprit. Diese schrumpfte 2009 um 7000 Barrel pro Tag – das erste Minus in einem Jahr seit 2001. Starke Regenfälle schmälerten die Zuckerrohrernte und reduzierten den Saccharose-Anteil.
Steigender Spritverbrauch
Gleichzeitig wächst die Ölnachfrage in dem Land stark. 2009 nahm sie mit einem Plus von 9,1 Prozent so stark zu wie noch nie im Jahresvergleich. Dieser Trend dürfte anhalten: Das US-Energieministerium erwartet, dass die Nachfrage über dieses und nächstes Jahr anziehen wird – von 2,6 Millionen Barrel pro Tag im vierten Quartal 2009 auf 2,7 Millionen im Schlussvierteljahr 2010 und 2,9 Millionen in den letzten drei Monaten 2011.
Experten sind sich nicht einig
Der Ausblick wird äußerst unterschiedlich eingeschätzt. Die Rohstoff-Analysten von Barclays Capital (siehe Barclays Group) schätzen, dass Brasilien 2010 das größte Potenzial für Produktionssteigerungen hat. Experten der Bank of America Merrill Lynch (siehe Bank of America) warnen allerdings, dass der Ausstoß von Öl und anderen Treibstoffen wie Biosprit von Nicht-Opec-Ländern wahrscheinlich 2011 bei rund 52,3 Millionen Barrel am Tag seinen Höhepunkt erreichen wird. "Danach sehen wir stetige Produktionsrückgänge, bis auf 51 Millionen Barrel am Tag 2015", heißt es in einer Studie.
Europas Bestände unter Druck
Brasilien könnte die Versorgungssituation bei Benzin durchaus beeinträchtigen. Starke Nachfrage aus Afrika - insbesondere Nigeria - und China stützt momentan die europäischen Benzinpreise. Laut dem Beratungshaus PJK International fielen die Vorräte in der Region Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen in der vergangenen Woche um 5,6 Prozent auf 980.000 Tonnen. "Es ist selten, dass europäisches Benzin auch in Richtung China geht", sagte Pieter Kulsen, Gründer von PJK. Die Benzin- und Gasölbestände, die auf Tankern lagern, fielen auf 57 Millionen Barrel gegenüber 80 Millionen Barrel im Dezember, hieß es in einer Analyse des Beratungshauses Poten & Partners.
Sinkender Benzinverbrauch in den USA
Anders sieht es in den USA aus. Dort ist der Verbrauch nach wie vor extrem schwach. Laut dem American Petroleum Institute kletterten die privaten Benzinvorräte in den Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche um 1,4 Millionen Barrel. Der historische Aufbau liegt durchschnittlich bei 0,5 Millionen Barrel. Über das nächste Jahrzehnt wird es nicht besser werden. Wegen einer höheren Energieeffizienz und einer wachsenden Verbreitung von Hybridautos werde der US-Benzinkonsum bis 2020 um 31 Prozent sinken, sagt das Beratungshaus JBC Energy voraus. Statt 8,3 Millionen Barrel würden in zehn Jahren nur noch 5,7 Millionen Barrel nachgefragt, sagte JBC-Energy-Direktor Johannes Benigni.
Analysten erwarten steigende Ölpreise
Ölprognosen für die kommenden Jahre weichen stark voneinander ab. Mittelfristig erwarten viele Analysten, dass die Ölnachfrage das Angebot übersteigen wird. Die Barclays-Capital-Experten gehen daher von einem Preisanstieg bis auf 137 Dollar je Barrel im Jahr 2015 aus. Die Analysten von Bank of America Merrill Lynch warnen allerdings vor großen Schwankungen: Bis 2014 könne sich der Ölpreis in einer Spanne von 50 bis 150 Dollar bewegen.