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Interview: Die Märkte stürzen ins Chaos

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"Der Markt stürzt ins Chaos"

24.08.2011, 19:38 Uhr | Spiegel Online

Börsen-Händler auf dem New Yorker Parkett (Foto: Reuters) (Quelle: Reuters)Börsen-Händler auf dem New Yorker Parkett (Foto: Reuters) Übertriebene Aufstiege, rasante Abstürze: Die Finanzmärkte sind nicht effizient, sagt der ehemalige Banker Paul Woolley. Im Interview mit T-Online-Kooperationspartner "Spiegel Online" erklärt er, warum die Fondsmanager immer nur kurzfristigen Trends hinterher rennen - und warum es Sache der Investoren ist, dieses Verhalten zu stoppen.

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Spiegel Online: Herr Woolley, Sie waren einst selbst ein Fondsmanager und haben dann ein Forschungsinstitut an der London School of Economics gegründet, an dem Wissenschaftler untersuchen, warum die Finanzmärkte immer wieder verrückt spielen. Jetzt wetten Spekulanten erneut gegen den Euro, die Aktienkurse großer Unternehmen fallen an einem Tag um 20 Prozent, um dann nach oben zu schießen. Was ist da los?

Woolley: Die Entwicklungen der vergangenen Wochen zeigen, dass die Märkte nicht funktionieren. Die Dinge geraten außer Kontrolle und sind potentiell gefährlich für die Gesellschaft. Es ist nur noch eine Bruderschaft Hoher Priester der Ökonomie, die im Zusammenhang mit den Finanzmärkten von Effizienz spricht. Zwar verfolgt jeder der Marktteilnehmer seine eigenen egoistischen Interessen. Trotzdem strebt der Markt nicht zu einem Gleichgewicht, sondern stürzt ins Chaos.

Spiegel Online: Sie haben die Finanzmärkte mit einem Krebsgeschwür verglichen. Was meinten Sie damit?

Woolley: Der Finanzsektor kann so lange wachsen, bis er den Rest der Wirtschaft überwuchert. Die Finanzindustrie kassiert in guten Jahren in den USA über 40 Prozent aller Unternehmensgewinne. Und in schlechten Jahren werden die Banken vom Steuerzahler gerettet. Die Akteure machen einen teuflisch guten Job, innovative und komplizierte Produkte zu entwickeln, die kein Mensch versteht. Das gibt ihnen die Gelegenheit, Überrenditen zu verdienen und die besten Talente anzuziehen. Die Akteure handeln ganz rational, aber das Ergebnis ist eine Katastrophe.

Spiegel Online: Dafür, dass Sie selbst einst mitgemischt haben, ist das ein ganz schön harsches Urteil.

Woolley: Ich war als Anlagemanager für einen großen Vermögensverwalter recht erfolgreich. Aber auch ich habe die Hälfte meiner Karriere damit zugebracht, den Herdentrieb der Anleger auszunutzen. Die meisten Fondsmanager folgen nur den neuesten Trends und verstärken sie noch. Auf kurze Sicht führt das zum Erfolg, langfristig aber zum Crash. Dieser Zusammenhang ist mir aufgegangen, als wir Ende der neunziger Jahre frühzeitig aus Technologieaktien ausgestiegen sind und die Anleger bei uns Gelder abgezogen haben. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000 kamen sie wieder zu uns, weil wir deutlich besser waren als der Markt insgesamt.


Spiegel Online: Warum sind Sie dann trotzdem 2006 aus der Finanzindustrie ausgestiegen?

Woolley: Ich wollte etwas sozial Nützliches machen. Wir wollen mit unserem wissenschaftlichen Institut die Finanztheorie revolutionieren. Sie müssen in den Modellen die Interessen der Banker und Vermögensverwalter berücksichtigen, an die die meisten Anleger ihre Anlageentscheidungen delegiert haben. Die Finanzindustrie ist geprägt durch viele Innovationen. Weil die Kunden die neuen Produkte gar nicht verstehen, erzielen die Banken Traumrenditen. Gleichzeitig gibt es eine moralische Versuchung: Wenn etwas schief geht, ziehen die Banker einfach zum nächsten Arbeitgeber. Die Verluste tragen die Banken oder im Fall ihrer Pleite der Staat.

Spiegel Online: Die Regierungen versuchen, der Finanzindustrie Fesseln anzulegen. Wie hoch sind die Chancen der Politiker?

Woolley: Ich bin da eher skeptisch. Es gibt hohe Anreize für die Banken, die Regeln zu umgehen. Sanktionen helfen auf längere Sicht nicht.

Spiegel Online: Sie setzen stattdessen auf die Einsicht der Anleger?

Woolley: Richtig. Die großen Investoren haben es in der Hand, ihren Dienstleistern, den Banken, Fondsmanagern und Händlern, die besseren Verhaltensweisen aufzuzwingen. Ich habe zehn einfache Regeln entwickelt, die die Großanleger schon aus Eigeninteresse durchsetzen sollten. Schließlich ging die Durchschnittsrendite beispielsweise von Pensionsfonds durch die vielen Zusammenbrüche auf den Märkten in den vergangenen Jahren immer weiter zurück.


Spiegel Online: Was sollte jeder Anleger beherzigen, welches sind die wichtigsten Ihrer zehn Regeln?

Woolley: Investoren sollten nicht den kurzfristigen Preisschwankungen hinterher rennen, sondern ihr Geld langfristig anlegen. Deshalb sollten sie den Investmentfonds verbieten, in einem Jahr mehr als 30 Prozent ihrer Anlagen umzuschichten, also etwa alte gegen neue Aktien zu tauschen. Sie sollten den Managern auch keinen Bonus dafür zahlen, dass sie den Wert des Fonds steigern. Das führt nur dazu, dass die Akteure voll auf Risiko setzen. Es ist sowieso unklar, ob die Renditen, die über dem Marktdurchschnitt liegen, tatsächlich der Klugheit der Manager oder ihrem Glück und ihrer Risikobereitschaft zu verdanken sind.

Spiegel Online: Was können Versicherer und andere Großanleger zusätzlich machen, um die Exzesse auf den Finanzmärkten einzudämmen?

Woolley: Sie sollten nicht in Hedge Fonds oder Private-Equity-Gesellschaften investieren. Deren Manager sind besonders gut darin, ihre hohen Kosten zu verstecken und sich selbst zu bereichern. Um überhaupt Renditen zu erwirtschaften, müssen sie deutlich höhere Risiken eingehen. Zudem sollten die Großanleger darauf beharren, dass ihr Geld nur über offizielle Börsen angelegt wird. Der Gewinn der Banken würde fast automatisch dramatisch sinken, wenn sie nicht mehr ihre undurchsichtigen strukturierten Produkte verkaufen könnten.

Das Interview führte Christoph Pauly.



Quelle: Spiegel Online

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