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Irland-Heimkehrer: Flucht von der grünen Insel

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Flucht von der grünen Insel

09.04.2009, 13:09 Uhr | Financial Times Deutschland, Claus Hecking

Die Krise zwingt viele deutsche Auswanderer in ihre Heimat zurück. (Foto: Imago)

Die Krise zwingt viele deutsche Auswanderer in ihre Heimat zurück. (Foto: Imago)

Zu Tausenden kamen junge Deutsche nach Irland, um Karriere in dem Boomstaat zu machen. Nun steht das Land am Rand des Bankrotts - und viele Auswanderer denken an die Rückkehr.

Neues Irland für zahlungskräftige Aufsteiger

"Da bewegt sich ja doch noch was!", ruft Henrike Schmidt und deutet auf das halb fertige Grand Canal Theatre. Zwei Arbeiter werkeln an den überlebensgroßen Stahlträgern des Gebäudes herum, das nach den Plänen des Stararchitekten Daniel Libeskind einmal 2000 Besucher fassen soll. Ansonsten ist die riesige Baustelle so gespenstisch leer wie alles in Dublins Docklands. Hier im alten Hafen sollte das neue Irland entstehen: ein Vorzeigeviertel voller Büropaläste, Designerhotels, Boutiquen und schicker Apartments für zahlungskräftige Aufsteiger. Ein Ort für Menschen wie Henrike Schmidt, die Einwanderin aus Deutschland.

Wieder weg von der Insel

Doch Schmidt wird nicht in den zugigen Geisterstadtteil umsiedeln. Im Gegenteil: Die Recruiterin eines großen Dubliner Personalvermittlers ist gerade auf dem Sprung. Sie plant, Irland nach vier Jahren zu verlassen. Weg von der Insel, auf der sie ihr Glück gefunden hat. Wo die junge, rothaarige Darmstädterin ihren Partner kennengelernt und weiße, einsame Strände zum Surfen entdeckt, wo sie Karriere gemacht und viel Geld verdient hat.

"Es ist nur noch deprimierend"

Nun ist alles anders: Die Wirtschaftskrise hat Irland ergriffen und Schmidts Auftragsbücher geleert. Plötzlich muss die 30-Jährige feuern statt heuern. "Es ist nur noch deprimierend", sagt sie. "Kürzlich habe ich mein gesamtes eigenes Team entlassen müssen." Und weil sie Angst hat, als Nächstes selbst dran zu sein, bewirbt sie sich weg. Noch ein paar Tage, dann hat sie ein Vorstellungsgespräch in München. "In Deutschland ist die Lage wesentlich stabiler als hier."

Deutsche im keltischen Wirtschaftswunder

Gehen oder bleiben? Diese Frage stellen sich gerade viele der rund 10.000 Deutschen in Irland. Zu Hunderten, Tausenden kamen sie nach der Jahrtausendwende auf die Insel des Aufschwungs: junge Berufseinsteiger, die dem ökonomischen Stillstand und der Aussicht auf ein Dauerpraktikanten-Dasein daheim entfliehen wollten. Sie nahmen teil am keltischen Wirtschaftswunder, sie machten Karriere bei Intel, Pfizer oder im boomenden Bankensektor.

Manche wollen Traum nicht aufgeben

Nun ist der Rausch vorbei. Irlands Wirtschaft steht vor dem Zusammenbruch - und die Einwanderer bangen, mitgerissen zu werden. Manche aus der Generation Goodbye sind schon in die Heimat zurückgekehrt, andere zögern. Sie haben Wurzeln geschlagen, wollen ihren Traum nicht aufgeben.

Im Visier der Headhunter

Auch Henrike Schmidt ist in Dublin durchgestartet. Als die damals 26-Jährige im Juni 2005 ankommt, ein Lehramtsstudium in der Tasche, gerät sie sofort ins Visier der Headhunter. "Ich war selbst überrascht", erzählt sie, "aber nach wenigen Tagen konnte ich zwischen mehreren Angeboten wählen."

Deutsche genießen exzellenten Ruf

Emsig, ehrgeizig, zuverlässig: Absolventen aus Deutschland genießen in Irland einen exzellenten Ruf, und die Arbeitgeber suchen in den Jahren nach qualifizierten Leuten. Pharma- und Textilunternehmen, IT-Giganten wie Microsoft, Ebay, Google oder Hewlett-Packard - sie alle bauen ab Mitte der 90er-Jahre ihre Europa-Hauptquartiere oder Fabriken in Irland auf. Zwischenzeitlich machen sie das einstige Agrarland zum größten Software-Exporteur der Welt.

Erhebungszeitraum 01.05.07 bis 10.08.07, Befragung von 1.410 deutschen Fach- und Führungskräften, die für einen unbefristeten Zeitraum im Ausland leben, Quelle: BMWi

Konkurrenzlos niedrige Steuern

Eine englischsprachige Bevölkerung, relativ niedrige Löhne und vor allem konkurrenzlos niedrige Steuern sind damals die Trümpfe des Standorts. Ganze 12,5 Prozent Körperschaftsteuer verlangt die Regierung den Firmen ab, für jeden neu geschaffenen Arbeitsplatz gibt sie ihnen Tausende Euro dazu. Die EU nährt den Boom mit großzügigen Fördergeldern, und so wird das alte Auswandererland zur Einwanderernation. Innerhalb von 15 Jahren steigt der Ausländeranteil von nahezu null auf zwölf Prozent.

Verantwortung auch ohne viel Erfahrung

Es sind die fetten Jahre - für Irland und die Gastarbeiter aus Germany. "Hier wurde einem von Anfang an etwas zugetraut", sagt Thomas Bornheim, Business Analyst bei Google, der 2006 nach Dublin kam. "Man durfte sofort Verantwortung übernehmen, auch wenn man noch nicht so viel Erfahrung hatte. Hierarchien wie in Deutschland gibt es hier es nicht." Und weil auch das Gehalt stimmt, ist es für den damals 30-Jährigen Nebensache, dass er und seine WG-Kollegen für ein Drei-Zimmer-Apartment 2500 Euro Monatsmiete zahlen müssen.

Steigende Preise für Wohnraum

Wohnraum wird knapper und knapper auf der Insel, Jahr für Jahr müssen 50.000 neue Zuwanderer untergebracht werden. Zwischen 1996 und 2003 vervierfacht sich der mittlere Quadratmeterpreis; selbst zugige Reihenhäuschen in grauen Dubliner Trabantensiedlungen kosten plötzlich 400.000 Euro. Hunderttausende Eigentümer nutzen die Wertsteigerungen, beleihen ihre Immobilien, konsumieren.

Irland hat eigene Katastrophenfälle

Auch Henrike Schmidt verdient damals prächtig mit: Ihr Hauptkunde, eine Dubliner Großbank, sucht im Hypothekenboom ständig neue Leute. Die vielen Provisionen verdoppeln Schmidts Gehalt. Jetzt muss sie wieder mit ihrem Basislohn auskommen. "In manchen Wochen vermittele ich gar niemanden mehr hierher", sagt die Deutsche, während sie durchs Finanzviertel geht, nur ein paar Hundert Schritte entfernt von den Docklands. Achtlos läuft sie an einem marmorverkleideten Gebäude vorbei - der Zentrale der Depfa, der Skandaltochter der deutschen Problembank Hypo Real Estate. Milliarden hat das Institut verzockt; doch darum schert sich hier niemand: Irland hat seine eigenen Katastrophenfälle. Die Bank of Ireland und die Allied Irish Bank wären ohne Kapitalspritzen der Regierung von rund elf Milliarden Euro sofort bankrottgegangen. Ihr Kreditportfolio war so aufgebläht wie alles hier im Finanzdistrikt. "Viele Institute haben Leute ohne ausreichende Qualifikation eingestellt und ihnen Zusatzausbildungen bezahlt, nur um überhaupt Personal zu haben", sagt Schmidt.

Spielwiese für Finanzinstitute

Mehr als 300 Finanzinstitute haben sich am Nordufer des Flusses Liffey angesiedelt, fast so viele wie in Frankfurt. Ihre Bilanzsumme ist zusammen fast zehnmal so hoch wie Irlands Wirtschaftsleistung. Laxe Regulierung und niedrige Steuern haben Dublin zur Spielwiese gemacht, für Institute wie die Depfa oder die Sachsen LB, die über eine Zweckgesellschaft Milliarden in hochriskanten US-Immobilienpapieren verjuxte.

Entlassungswelle überrollt Dublin

Noch im Sommer 2008 beschäftigt der Finanzplatz Dublin 25.000 Menschen. Heute folgt im Bankenviertel eine Entlassungswelle der nächsten. "Es gibt Tage, da werden im Distrikt 150 oder 200 Leute gefeuert", sagt ein Fondsmanager aus Süddeutschland. "Hier wurde alles in einem irren Tempo hochgezogen. Bergab geht es noch rasanter." Auch er bangt um seinen Posten, doch zurück in die Heimat kann er jetzt nicht: Seine Frau, eine Irin, erwartet ein Kind. "Notfalls fahre ich Taxi", sagt der 32-Jährige.

"Als würde die Welt um einen herum untergehen"

Doch selbst an einfache Jobs kommt man kaum noch heran. "Als neulich in der Nähe von Limerick ein McDonald's aufgemacht hat, haben sich mehr als 500 Bewerber auf 50 Jobs beworben", erzählt Schmidt, "darunter Fondsmanager, Anwälte, Bauingenieure." Der PC-Hersteller Dell schließt gerade sein Werk mit 1900 Beschäftigen in Limerick, verlagert es nach Polen. Microsoft, IBM und Apple haben ihre Präsenz auf der Insel reduziert - die Löhne sind mittlerweile zu hoch. Und nun gibt Irland auch den letzten Standortvorteil preis: Die Regierung wird am Montag wohl die Steuern erhöhen, um die Löcher im Staatshaushalt wenigstens zu kaschieren. "Es fühlt sich gerade so an, als würde die Welt um einen herum untergehen", sagt der deutsche Manager.

Abschwung ist überall spürbar

Man kann die Rezession nicht mehr übersehen. Um 7,5 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2008 eingebrochen. Nun ist der Abschwung überall: auf den Bussen, auf denen Burger King ein Double-Cheeseburger-Menü als "Recession Buster" bewirbt; in den Lebensmittelmärkten, die billige "Credit Cruncher"-Sandwiches feilbieten; in Dubliner Vororten wie Tallaght, wo Rohbauten von Luxushotels und leer stehende Bürotürme vor sich hin rotten; im Zentrum, wo gefühlt an jedem vierten Haus "For sale"-Schilder hängen. "Neulich musste ich zur Post und stand in einer langen Schlange", erzählt Henrike Schmidt. "Ich war die Einzige mit einem Brief in der Hand. Die anderen waren alles Arbeitslose, die sich ihre Unterstützung abholten."

Iren flüchten nach Kanada

Es stellt sich das alte Gefühl wieder ein. Die Iren beginnen wieder auszuwandern. Die Arbeitsvisa für Kanada sind bereits fürs gesamte Jahr vergriffen. Laut einer Umfrage in Dublins größter Uni will die Hälfte aller Studenten nach dem Examen das Land verlassen.

Perfekt angepasst

"Die Leute haben so sorglos mit ihrem Reichtum gelebt", sagt Schmidt und nimmt einen kräftigen Schluck Guinness. "Aber das ist auch das Schöne an Irland: dass hier nie alles so durchgeplant und ernst ist." Es ist Abend, sie sitzt im Keogh's Pub in Dublins Innenstadt. Hier hat sie sich früher mit Kollegen getroffen, zum "Liquid Lunch", "Thirsty Thursday" oder zum Rugbygucken. Sie hat sich perfekt angepasst, spricht Englisch mit irischem Akzent, lernt Gälisch - ja, sie mag sogar Stew, das Nationalgericht. Sie wollte eine gute Irin werden, keine Job-Nomadin.

Schwerer Abschied

Jetzt muss sie womöglich wieder umziehen, zurück nach Deutschland. In Dublin haben Recruiter keine Perspektive mehr, und ihr Partner, ein irischer Banker, will unbedingt mitkommen. Sie selbst tut sich schwer, Abschied vom "Land der Grüntöne" zu nehmen, wie sie es nennt. "Wer weiß, ob die Wirtschaftslage nach dem Sommer nicht doch wieder besser wird", sagt sie. Obwohl sie es eigentlich besser weiß.


Financial Times Deutschland, Claus Hecking  

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