28.03.2011, 09:22 Uhr | FTD, Jörg Taron
Geigerzähler der Firma Graetz. (Foto: Graetz)
Wegen des GAUs im japanischen Kraftwerk Fukushima I kommt die deutsche Firma Graetz mit der Produktion von Strahlenmessgeräten nicht mehr hinterher. Und plötzlich fragen sogar Konzerne wie BMW bei dem Mittelständler im Sauerland an.
Rund 2000 Geigerzähler verkauft der Strahlenmessgerätehersteller Graetz pro Jahr - normalerweise. Seit der Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima ist die Nachfrage rasant gestiegen. Allein in der vergangenen Woche habe das Unternehmen im sauerländischen Altena ein Achtel seines Jahresumsatzes gemacht, berichtet Geschäftsführer Uwe Rische. "Bei uns ist der Teufel los. Wir können erst wieder ab der 22. Kalenderwoche liefern."
Zwischen 450 und 3000 Euro kosten die Geräte, die im Volksmund als "Geigerzähler" bekannt sind. Der Name stamme vom Herzstück der Geräte, einem "Geiger-Müller-Zählrohr", dessen Innenleben auf aufprallende Photonen reagiert, erklärt der Diplom-Physiker. "Wir sagen Strahlenmessgeräte." Normalerweise zählt er Ärzte zu seinen Kunden oder Fachleute, die durch Röntgen beispielsweise Schweißnähte prüfen. Auch Behörden, Feuerwehr, Polizei und die Atomindustrie ordern Messgeräte zur Kontrolle der Strahlendosis für ihre Mitarbeiter.
Doch seit Fukushima ist alles anders: "Das sind Menschen, die besorgt sind, dass sie verstrahlt werden könnten. Das sind Reedereien, die Schiffe im Pazifik haben, Firmen, deren Mitarbeiter in Japan sind und Reisende, die nach Japan müssen", fasst Rische die Flut der Anfragen zusammen. Sie werden auf eine Prioritätenliste eingetragen.
"Die Privatanfragen von Leuten, die nichts mit Japan zu tun haben, werden nachrangig bearbeitet. Aber das verstehen die auch." Wer liefern kann, könnte das Doppelte verlangen. Doch im Moment werden angesichts leerer Regale alle Anfragen nachrangig bearbeitet. "Der Markt hat sich über Nacht komplett geändert. Wenn jetzt jemand liefern kann, könnte er das Doppelte verlangen", sagt Rische. Bei Graetz gebe es aber keinen Katastrophenzuschlag.
Heiß begehrt: Geigerzähler Gamma Twin PTB von Graetz. (Foto: Graetz) Lage wie bei TschernobylVor 25 Jahren nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl sei die Lage ähnlich gewesen. "Das hat dann ein Vierteljahr angehalten." Aber im Gegensatz zu der jetzigen Situation sei damals ja auch eine radioaktive Wolke über Deutschland gezogen. "Graetz hat damals einen preiswerten Geigerzähler entwickelt und angeboten", sagt der Geschäftsführer, der 1992 zum Unternehmen kam. "Da sind wir aber drauf sitzengeblieben, weil das über den Radio- und Fernseh-Handel vertrieben wurde."
Der 1949 gegründete Strahlenmessgerätehersteller war ursprünglich eine Tochter des gleichnamigen Fabrikanten von Radio- und Fernsehgeräten. Bis in die 50er Jahre habe man mit den rund 2000 Mitarbeitern vor allem Fernseher gebaut, erzählt Rische. Die Strahlenmessgeräte seien "immer so mitgelaufen". Heute arbeiten noch 18 Menschen für Graetz. Das Geschäft läuft aber auch ohne Katastrophen. "Wir machen einen Jahresumsatz zwischen 1,8 und 1,9 Millionen Euro", sagt er. Mit dem Gewinn sei er sehr zufrieden.
Das Reaktorunglück in Japan werde weitreichende Folgen haben. "Es hat schon ein Umdenken stattgefunden", sagt Rische. So hätten sich erste Unternehmen gemeldet, die Strahlenmessgeräte ordern wollten, um Lieferungen aus Japan auch auf Radioaktivität zu überprüfen. "BMW hat sich beispielsweise für 20 Geräte interessiert. Aber wir können ja leider nicht liefern." Rische und sein Teilhaber wollen die Situation beurteilen, sobald sich die Lage beruhigt hat. "Wir wollen schauen, ob wir mit Neu- oder Weiterentwicklungen reagieren."
Quelle: Financial Times Deutschland
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