17.11.2009, 13:22 Uhr | t-online.de/business
Wer klatscht, tut seiner Karriere Gutes. (Foto: Imago)
Wer Karriere machen will, sollte sich aus dem Büroklatsch möglichst heraushalten - so zumindest lautet eine alte Regel für Erfolg im Job. Ganz daneben, findet Christian Schuldt, Redaktionsleiter des Frauenmagazins "Brigitte" und Soziologe. In seinem Buch "Klatsch!" erklärt er, warum der "Flurfunk" wichtig ist - und zwar für Chefs und Mitarbeiter.
Glauben Sie auch noch, dass der Tratsch mit den Kollegen der Produktivität schadet und wertvolle Arbeitszeit kostet? Irrtum, schreibt Schuldt in seinem Buch: Klatsch stärkt den Teamgeist, wirkt gesundheitsfördernd und reduziert die Zahl der Krankheitstage der Mitarbeiter. Dass Kollegen das getratschte geheime Wissen teilten, schweiße sie als Komplizen zusammen, erklärte der Autor kürzlich im Interview mit bild.de. Zudem mache Klatsch Spaß, weil der daran Beteiligte durch das Erfahren und die Weitergabe brisanter Informationen selbst an Bedeutung gewinne.
Autor Christian Schuldt (Foto: Gruner + Jahr)
Nach Schuldts Ratgeber macht alles richtig, wer sich bei Kaffee-, Rauch- oder Konferenzpausen den kleinen oder größeren Skandalen in seiner Firma widmet. Und auch Chefs sollten in der Gerüchteküche kräftig mitmischen. Denn an der Spitze sei es einsam, mit Klatsch hingegen finde man Verbündete und könne Feinde abwehren, so der Experte. Abgesehen davon: Fehler und Missgeschicke hochrangiger Mitarbeiter würden immer gern gehört.
Unbedingt tratschen muss, wer im Job aufsteigen will. Schuldts Credo: Jede Klatschgeschichte sichert dem, der sie erfährt, einen Informationsvorsprung. Dabei gelte: Je abenteuerlicher die Story und je bedeutsamer die Person, um die es geht - etwa den Chef oder Promis -, desto besser, so Schuldt gegenüber "bild.de".
In seinem Buch zitiert der Autor dazu eine Studie unter Führungskräften, die ergab, dass Beförderungen nur zu zehn Prozent leistungsabhängig sind. Zu 60 Prozent entscheide dagegen der Bekanntheitsgrad bei Vorgesetzten, zu 30 Prozent das Image des Mitarbeiters in der Firma. Erfolg und Anerkennung hätten also zu 90 Prozent nicht mit fachlicher Kompetenz zu tun, sondern mit Klatsch.
Aber Vorsicht: Wer in der Firma fröhlich mittrascht, sollte darauf achten, dass die "beklatschten" Personen nicht zu sehr diffamiert werden, so Schuldt im Gespräch mit bild.de. Außerdem verpflichte Klatsch nicht zur Geheimhaltung, sondern zum Weiterklatschen. Alle Kollegen und Bekannten, die der Buschfunk interessieren könnte, hätten ein ungeschriebenes Recht darauf, daran teilzuhaben. Wer diese Regeln befolge, könne es weit bringen.
Vor allem aber profitierten Unternehmen vom Klatsch in Form von Gerüchte- und Insiderwissen, betont Schuldt in seinem Buch. Sein historisches Beispiel: Die Rothschilds sollen die Basis ihres Vermögens damit gewonnen haben, dass sie als Erste von der Niederlage Napoleons in Waterloo erfuhren und dadurch die ansteigenden Wertpapierkurse ausnutzen konnten.
Das Geschwätz in und über die Firma kann sogar zu Geld gemacht werden, davon ist Schuldt überzeugt. Und zwar in der Werbung. Geschichten über Marken etwa bauten ein positives Bild des jeweiligen Unternehmens und seiner Produkte auf und vermittelten Werte - Harley Davidson zum Beispiel die Sehnsucht nach Freiheit. Werbung mache die Produkte prominent - und Marken somit zu Stars. Mit der Marke gesehen zu werden sei dann für den Kunden so, als wäre er mit einem Star befreundet.
Ein weiteres Beispiel für eine solche "Klatschkarriere": Tupperware. Lange florierte der Vertrieb der Plastikbehälter nur über den "direkten Konsumenten-Klatsch" der Tupperparty, erklärt Schuldt in "Klatsch". Auch heute richteten sich mehr als zwei Drittel der jungen Konsumenten zwischen 20 und 30 Jahren nach Kaufempfehlungen von Freunden und Bekannten. Das sogenannte virale Marketing etwa funktioniere nach dem Prinzip von Geschichten, die zum Weitererzählen anregten - und Markenbotschaften so in die breite Bevölkerung trügen.
Zu einem wahren Klatsch-Netzwerk hat sich nach Ansicht von Schuldt das Internet entwickelt. Gelinge es einem Unternehmen, online das nötige "Klatschvolumen" zu erzeugen, sei der Erfolg garantiert. Unternehmen beobachteten daher Blogs, um ihre Werbeaktionen in Hinblick auf Trends und Kundenbedürfnisse zu optimieren oder rekrutierten "Pro-Blogger", um ihre Werbebotschaften möglichst glaubwürdig zu verbreiten.
Betriebsgeheimnisse herumerzählen - das tut der Karriere allerdings gar nicht gut und kann den Job kosten. Unter solche Geheimnisse fallen alle eine Firma betreffenden Tatsachen, die nur einem begrenzten Personenkreis bekannt sind und an deren Geheimhaltung der Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse hat - also etwa Kalkulationsgrundlagen, Produktionsverfahren, technisches Know-how, Informationen über die Auftragslage und Rabatte für Kunden. Steht zum Beispiel eine Firma vor der Pleite, darf das auf keinen Fall an Banken oder Kunden weitergegeben werden. Eine fristlose Kündigung ist dann unter Umständen zulässig.
Christian Schuldts Buch "Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz" ist im Insel Verlag erschienen und kostet 18 Euro.
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