22.02.2010, 16:32 Uhr | bv
Karstadt - Insolvenz oder Rettung in letzter Minute? (Quelle: dpa)Bei den fieberhaften Rettungsversuchen für die Karstadt-Mutter Arcandor zeichnet sich immer stärker ein Zusammengehen mit den Kaufhof-Warenhäusern des Metro-Konzerns ab. Arcandor schloss eine solche Lösung vor einem möglicherweise entscheidenden Krisengipfel am Sonntag nicht mehr aus, strebt aber auch dann noch staatliche Hilfen an. Der Konzern warnte, dass er sofort Insolvenz anmelden müsse, wenn die Bundesregierung den beantragten Notkredit von 437 Millionen Euro am Montag ablehne. Karstadt-Beschäftigte demonstrierten unterdessen für eine staatliche Unterstützung ihres Unternehmens. In Wismar wurde das Karstadt-Stammhaus symbolisch besetzt.
In Wismar sammelten Karstadt-Mitarbeiter bei der symbolischen Besetzung Unterschriften von Passanten. Damit wollten die rund 50 Beschäftigten für die Rettung ihrer Arbeitsplätze demonstrieren, sagte Filialleiter Ralf Lehmkuhl. Bundesweit sind von Sonntag an Mahnwachen, symbolische Hausbesetzungen und Solidaritätsaktionen geplant.
Die Mitarbeiter mahnten außerdem mit verhängten Schaufenstern den Erhalt ihrer Arbeitsplätze an. "Es ist geplant, dass morgen in der ganzen Republik die Fenster der Filialen zugeklebt sind", sagte die Karstadt-Betriebsrätin Gabriele Schuster am Sonntag. Das solle den Kunden zeigen, wie ihre Innenstädte ohne Karstadt-Häuser aussehen würden. Die Aktion begann bereits am Wochenende.
Eine Lösung in Richtung Deutsche Warenhaus AG mit dem Metro-Konzern sei eine Möglichkeit, eine der Voraussetzungen für Staatsbürgschaften oder Rettungsbeihilfen zu erfüllen, sagte Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski am Sonntag. Man dürfe aber nicht vergessen, dass Arcandor 20.000 Menschen im Versandhandel beschäftige: "Auch für sie tragen wir Verantwortung."
Zu dem Krisengespräch treffen sich am Sonntag Arcandor-Chef Karl- Gerhard Eick, Metro-Chef Eckhard Cordes, der Deutschlandchef der Investmentbank Goldman Sachs, Alexander Dibelius, sowie der Arcandor-Aufsichtsratsvorsitzende Friedrich Carl Janssen, der den Arcandor-Großaktionär Sal. Oppenheim vertritt. Genauer Ort und Zeitpunkt des Treffens wurden zunächst geheim gehalten, dem Vernehmen nach findet es in München statt.
Cordes sieht bei einer Übernahme der Karstadt-Filialen durch Kaufhof für fast alle davon betroffenen Mitarbeiter eine "sichere Zukunft". In der "Bild am Sonntag" schlug Cordes einen "Rettungspakt für Arbeitsplätze" vor. "Dafür bringen zunächst wir den profitablen Kaufhof und ein erfolgreiches Kaufhaussystem ein. Dann müssten die Vermieter der Immobilien - in welcher Form auch immer - helfen. Die Serviceleister, zum Beispiel in der Logistik, müssten Kosten senken, um die Logistik der Karstadt-Häuser so günstig aufzustellen wie bei unserem Kaufhof."
Selbst die 5000 Mitarbeiter, die von der Schließung von 30 Karstadt-Filialen theoretisch betroffen wären, müssten nicht sofort "Job-Verlust und Arbeitslosigkeit" befürchten, sagte Cordes: "Die Metro Group ist bereit, einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den 30 betroffenen Filialen weitere ein bis zwei Jahre in Lohn und Brot bleiben könnten und in weiten Teilen eine sichere Zukunft erhalten."
An dem Krisengespräch soll auch der Arcandor-Aufsichtsratsvorsitzende Friedrich Carl Janssen teilnehmen. Janssen vertritt den Arcandor-Großaktionär Sal. Oppenheim. Die Bundesregierung verlangt als Voraussetzung für staatliche Hilfe einen größeren Sanierungsbeitrag der Eigentümer. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung: "Wir können nicht zulassen, dass der Steuerzahler dafür einspringen muss, dass andere eine Misswirtschaft betrieben haben und heute nicht für den Schaden eintreten wollen."
Der Arcandor-Sprecher sagte dazu, der Konzern habe in Berlin ein Konzept vorgelegt, das erhebliche Beiträge von Mitarbeitern, Eigentümern und Partnern zur Sanierung des Konzerns beinhalte. Zusammen beliefen sich diese Zugeständnisse auf fast 700 Millionen Euro. Laut Medienberichten will die Privatbank Sal. Oppenheim eine geplante Kapitalerhöhung von 100 auf 150 Millionen Euro veranlassen. Der "Spiegel" schreibt, Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, die in den vergangenen Jahren bereits massiv Vermögen verloren hatte, soll bereit sein, allenfalls noch einmal 40 Millionen Euro nachzuschießen.
Der größte Aktionär des Touristik- und Handelskonzerns Arcandor ist seit September 2008 die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim. Sie hält nach Angaben auf der Internetseite des Essener Unternehmens direkt 3,7 Prozent, ihre Gesellschafter über ihre Industrieholdung 24,9 Prozent. Insgesamt sind es 28,6 Prozent und damit etwas mehr als der Aktionärspool um die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz mit 26,7 Prozent. 42,4 Prozent der Aktien sind im Streubesitz. Die Arcandor AG hält danach 2,3 Prozent eigene Aktien.
Quelle: dpa , AFP , t-online.de
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