Karstadt ist nicht Quelle - Warenhäuser sind stabil
23.10.2009, 08:36 Uhr | Rolf Schraa, dpa
Nach der Quelle-Pleite: Karstadt geht es vergleichsweise gut (Foto: ddp)Wut und Schuldzuweisungen bei Quelle in Nürnberg - Optimismus und Lichterglanz bei der Konzernschwester Karstadt. Während sich am Donnerstag tausende Mitarbeiter beim bayerischen Versandhändler auf die unmittelbar bevorstehende Arbeitslosigkeit vorbereiten mussten, eröffnete in Essen am gleichen Tag ein 3500 Quadratmeter großes neues Karstadt-Sport-Haus - eingebettet in ein insgesamt 300 Millionen Euro teures futuristisches Riesen-Einkaufszentrum mitten in der Stadt.
Karstadt ist in Essen noch mit einem weiteren 20.000-Quadratmeter-Warenhaus vertreten - ungeachtet der Insolvenz von Arcandor als wichtigster Mieter. Kaum jemand zweifelt daran, dass das zumindest am modernen Essener Standort auf Dauer so bleiben wird. "Wir sind die Krisenstimmung leid. Das Quelle-Aus war doch abzusehen", sagt eine Angestellte der Damenwäsche-Abteilung bei Karstadt in Essen. Bei aller Solidarität mit den bayerischen Kollegen freut sich ein Herrenmode-Verkäufer, dass der gemeinsame Cash-Pool von Karstadt und Quelle jetzt aufgelöst wird. "Seitdem bin ich optimistisch, dass es für uns eine Zukunft gibt."
Völlig anderes Geschäftsmodell
"Karstadt ist nicht Quelle, das ist ein völlig anderes Geschäftsmodell", sagt Thomas Schulz, der Sprecher des Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg. Dieser musste seit der Arcandor-Insolvenz um die 28.000 Karstadt-Jobs und die mehr als 10.000 Stellen in der Versandhandelssparte gleichzeitig kämpfen. "Aber im Versandhandel wird ein Jahr im Voraus bestellt und zu 60 bis 70 Prozent auf Raten bezahlt - das bringt den riesigen Finanzierungsbedarf, der die Probleme gemacht hat", erklärt Schulz.
Genug Geld in der Kasse
Bei den Warenhäusern dagegen kommt das Geld direkt in die Kasse - und zumindest an den Großstadt-Standorten strömen seit Wochen die Kunden. "Der Oktober-Umsatz lag deutlich über Plan, die Weihnachtsware ist da und bezahlt", berichtet der Sprecher. "Genug Geld in der Kasse, überhaupt kein Zeitdruck", heißt es auch von der Gewerkschaft Ver.di. Dass der Insolvenzverwalter 19 der 126 Karstadt-Häuser auf eine "Rote Liste" gesetzt hat, ist lange bekannt. Die übrigen sollen zusammenbleiben und "können derzeit als gesichert gelten", sagt Schulz.
Streichliste unter Verschluss
Wo Karstadt möglicherweise schließt, wird streng geheim gehalten - die Standorte dürften aber in kleineren Städten mit geringerem Umsatz liegen. "Orte zu nennen, wäre im Handelsgeschäft Selbstmord", sagt ein Insider. So hofft jeder, dass es ihn schon nicht treffen wird. Der Insolvenzverwalter möchte von den Arbeitnehmern, dass sie als Sanierungsbeitrag auf Teile des Weihnachts- und Urlaubsgeldes verzichten. Wirklich gravierende Einschnitte meldet er derzeit nicht an. Meldungen über 20 Prozent Gehaltsverzicht dementiert sein Sprecher ausdrücklich.
Gute Miene zu bösem Spiel
Das Ganze ist auch ein Pokerspiel: Mehrere interessierte Investoren für Karstadt haben sich dem Vernehmen nach bereits gemeldet. Im Umgang mit ihnen gehören Optimismus und ein vorteilhaftes Bild des Verkaufskandidaten zum Geschäft jedes Insolvenzverwalters. Nicht zuletzt verfolgen Branchenbeobachter trotz eher negativer Signale in den vergangenen Wochen weiter die Option einer Karstadt-Übernahme durch Kaufhof, eine Tochter von Metro. Dann würden nach früheren Metro-Ankündigungen rund 60 Karstadt-Filialen dauerhaft gesichert. "Aber bei allen Gedankenspielen ist man seit dem Quelle-Aus misstrauisch geworden", sagt Ver.di-Sprecherin Cornelia Haß. "Bei Quelle gab es auch wochenlang positive Informationen - und dann so ein Knallbonbon".