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Kirchenaustritte: Kirchen und Finanzämter haben "Abtrünnige" im Visier

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Kirchen und Finanzämter haben "Abtrünnige" im Visier

19.01.2011, 16:07 Uhr | mmr mit dapd

Wer aus der Kirche austritt, der muss seine Austrittsbescheinigung gut aufheben. (Foto: imago)

Wer aus der Kirche austritt, der muss seine Austrittsbescheinigung gut aufheben. (Foto: imago) (Quelle: imago)

An Heiligabend und Weihnachten waren die meisten Kirchen in Deutschland wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Doch das ist nur eine trügerische Momentaufnahme. Denn Tatsache ist: Immer weniger Menschen in Deutschland gehören einer christlichen Kirche an. Der Trend der vergangenen Jahre hat sich sogar weiter verschärft. Da wundert es kaum, dass die Kirche neue Wege zur Finanzierung sucht. Immer öfter im Fokus sind nach Recherchen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) konfessionslose Bürger, die einst evangelisch getauft wurden. Können diese keine Austrittsbescheinigung vorlegen, muss Kirchensteuer nachgezahlt werden - für die vergangenen fünf Jahre.

"Skrupelloses Geschäftsgebaren"

Finanzämter können noch nach Jahrzehnten von Konfessionslosen eine Bescheinigung über ihren Kirchenaustritt verlangen. Seit das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg diese Rechtslage bestätigt hat (Az.: OVG 9 B 25.05), nützen selbst gerichtliche Klagen dagegen kaum etwas. Der Fachanwalt Karsten Sommer wirft laut "FAZ" vor allem der von den beiden großen Kirchen getragenen Kirchensteuerstelle in Berlin vor, sie suche so gezielt nach Einnahmen. Der Anwalt sprach von einem "skrupellosen Geschäftsgebaren": Vor allem viele Menschen aus den neuen Bundesländern hätten nie eine offizielle Bestätigung erhalten, wenn sie zu DDR-Zeiten die Kirche verlassen hätten.

Wer aus der Kirche austritt, sollte die Bescheinigung darüber sein Leben lang aufbewahren, rät die "FAZ". Sonst drohe auch Menschen, die seit Jahrzehnten im Berufsleben stehen, plötzlich eine Nachforderung des Finanzamts über Kirchensteuern. Vor allem in Berlin und Brandenburg stelle sich dieses Problem regelmäßig, wie Volker Jastrzembski von der Evangelischen Landeskirche der Zeitung bestätigte. Er bezifferte die Zahl dieser Streitfälle auf rund 4000 jährlich. Das Problem: Die Beweislast für den Austritt liegt bei demjenigen, der einst getauft worden ist.

Beweislast liegt beim Bürger

Auch bei der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) heißt es laut "FAZ", eine solch strenge Verwaltungspraxis finde sich vor allem in der Landeskirche von Berlin-Brandenburg. Der "Tagesspiegel" schilderte demnach schon im Jahr 2006 Fälle, in denen Arbeitnehmer und Freiberufler aus den alten Bundesländern noch Jahre nach ihrem Umzug nach Berlin aufgefordert worden seien, ihren Kirchenaustritt zu beweisen - bis zu 40 Jahre danach.

Der Beweis funktioniere ausschließlich über die Austrittsbescheinigung der Kirche. Auch der Eintrag auf der Lohnsteuerkarte der Betroffenen schaffe keinen "Vertrauenstatbestand", befand das Berliner Oberverwaltungsgericht. Tipp: Ist die Bescheinigung nicht mehr auffindbar, kann in einigen Bundesländern vielleicht das örtliche Amtsgericht helfen, das die Akten aber nur zehn Jahre lang aufbewahren muss. In anderen Bundesländern sollte das jeweilige Standesamt gefragt werden. Notfalls bleibe nur der Ausweg, schnell noch einmal aus der Kirche auszutreten - und die Steuern nachzuzahlen.

Kirche soll wieder verständlicher gemacht werden

Die Kirchensteuer ist nur ein kleiner Grund für den Mitgliederschwund der Kirchen. Ein schwerwiegenderer ist die demografische Entwicklung in Deutschland. Doch auch die Zahl der Austritte hat zuletzt wieder deutlich zugenommen. "Natürlich wiegen die Kirchenaustritte jedes Jahr schwer - und zwar für beide große Kirchen", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, der Nachrichtenagentur dapd. Umso mehr setze er sich dafür ein, die Kirche den Menschen wieder verständlicher zu machen und deutlich zu zeigen: "Die Kirche ist für den Menschen da." Wer sonst setze sich in der Gesellschaft so sehr für eine Gesamtausrichtung ein und für verbindliche ethische Werte, fragte der katholische Geistliche.

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EKD verlor zuletzt 320.000 Mitglieder

Tatsache ist, dass die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland zuletzt jeweils eine sechsstellige Zahl an Mitgliedern pro Jahr durch Austritte verloren haben. Die katholische Kirche schrumpfte im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr insgesamt um rund 267.000 Mitglieder, darunter sind knapp 124.000 Austritte. Das sind etwas mehr als im Jahr zuvor - und rund 40.000 mehr als noch im Jahr 2006. Für das Jahr 2010 liegen noch keine verlässlichen Zahlen vor. Erste Wasserstandsmeldungen aus den Bistümern deuten aber auf einen weiteren Anstieg hin - wobei vor allem die Missbrauchsfälle und der zunächst als zögerlich wahrgenommene Umgang von Bischöfen und Papst damit zahlreiche Menschen dazu bewogen haben dürfte, der Kirche den Rücken zu kehren.

In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lagen die Austrittszahlen in den vergangenen Jahren stets um mehrere zehntausend höher als bei den Katholiken. 2008 verzeichnete man 168.901 Austritte. Bei der Veröffentlichung der Zahlen für 2009 vor wenigen Wochen wurden keine Angaben zu Kirchenaustritten gemacht. 24.194.986 Protestanten zählte man demnach zum Stichtag 31. Dezember 2009. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Minus von rund 320.000 Mitgliedern, wobei in dieser Zahl neben den Austritten etwa auch die Sterbefälle enthalten sind.

Nur noch 60 Prozent der Bevölkerung in der Kirche

Gerade einmal noch 60 Prozent der Bevölkerung in Deutschland gehören laut der EKD-Statistik noch einer der beiden großen Kirchen an. Dabei gibt es große regionale Unterschiede. Während Bayern, Rheinland-Pfalz und dass Saarland Werte von mehr als 75 Prozent verzeichnen, liegt der Anteil von Katholiken und Protestanten an der Gesamtbevölkerung in den neuen Bundesländern nur zwischen 17,9 Prozent in Sachsen-Anhalt und 31,9 Prozent in Thüringen. Der Anteil der Katholiken liegt in vier der fünf neuen Bundesländern sogar unter vier Prozent.


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Quelle: dapd , t-online.de

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Kommentare (686)

zum Forum

Thema: "Kirchenaustritte: Kirchen und Finanzämter haben "Abtrünnige" im Visier"

Pit schrieb: am 29. Dezember 2010 um 15:05:16
(6) (1) Kirchensteuer
Es ist schon erstaunlich, wieviele Leute nur wegen der Feiertage in der Kirche bleiben.

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Peter schrieb: am 29. Dezember 2010 um 15:00:39
(9) (1) Peter an Peter
Ich war nach meiner Zeit als Messdiener (!) ab meinem 13. Lebensjahr mit fünf Ausnahmen nie mehr in einer Kirche: Beerdigung
zweier Omas, Beerdigung meines Bruders (obwohl das nur eine Friedhofskapelle war, denn mein Bruder war wie ich Atheist) und zwei unchristliche "Museumsbesuche" der Gedächtniskirche in Berlin und im Kölner Dom. Ich hoffe auf Ihr Verständnis. Zu Weihnachten aber gehe ich nicht in eine Kirche, weil dieses Fest für mich nicht existiert. Meine Beerdigung? Ohne Kirche. Bestimmt!
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Sn@ke schrieb: am 29. Dezember 2010 um 14:43:56
(14) (1) Nachtrag3 Die Kirche und das Finanzamt
Sie teilte mir mit das sie auf jeden Euro angewiesen sei und ich es mir nicht noch einmal überlegen
wollte mit den Austritt aus der Kirche. Jahrelang bekam die Kirche einen Obolus von mir für nichts. Aber das reichte ihr nicht, jetzt bekommt sie Garnichts mehr von mir. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie Freiwillig in der Kirche, selbst zum Konfimationsuntericht nur wenn man mich bis zur Kirche gebracht hat. Und da bin ich stolz drauf. Freier Glaube für Freie Menschen. Brauche keine Götter.
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