03.10.2010, 10:33 Uhr | Daniela Schröder
Die Klette inspirierte Erfinder zum Klettverschluss. (Foto: dpa)
Georges de Mestral wurde ausgelacht, als er die Klette zum Vorbild nahm, um einen Verschluss mit elastischen Häkchen zu erfinden. Dabei wurde der zur perfekten Alternative zum Reißverschluss.
Jaulend hüpft der Hund zur Seite. Dummes Vieh, schimpft Georges de Mestral, jetzt halt endlich still. Dabei tut ihm das Tier leid, richtig herausreißen muss man die Kletten aus dem struppigen Fell. Auch an Mestrals Hose kleben nach jedem Waldspaziergang Dutzende der hartnäckigen Dinger. Als der Hund gesäubert ist, pflückt sich sein Herrchen - rrrtsch - eine Klette vom Bein. Rrrtsch - die nächste. Mestral stutzt, hält die kleinen Kugeln einen Moment gegen das Licht. Dann läuft er in sein Arbeitszimmer und klemmt sie unter das Mikroskop.
Bisher dachte der Schweizer Ingenieur, die Borsten der Klette seien gerade wie Stacheln eines Igels. Doch als er im Sommer 1941 die Früchte der Arctium lappa unter die Lupe nimmt, sieht er an ihren Enden winzige Haken. Kein Wunder, findet Mestral, dass die Kletten so hartnäckig an Hund und Hose halten. Der Ingenieur weiß, dass viele Pflanzen ihre Samen über das System des Verhakens und Verknüpfens verbreiten. Die Besonderheit der Klette, stellt er fest, ist jedoch die Elastizität ihrer Häkchen. Sie garantiert, dass sich Klette und Träger immer wieder verhaken können, ohne dass einer der beiden dabei beschädigt wird.
Verbinden, trennen, verbinden, trennen - die perfekte Konkurrenz zum Reißverschluss, findet Mestral. Denn das Klettprinzip klemmt nicht, funktioniert jedoch genauso einfach wie der metallene Gegenpart.
Ein Verschluss, der das Fortpflanzungsverhalten einer Pflanze imitiert? Mestrals Kollegen lachen über seine Idee. Der aber lässt sich nicht beirren, befragt Stoffhersteller und beginnt zu experimentieren. Entscheidend am neuen Verschluss ist ein robuster und leistungsfähiger Haken. Nach jahrelanger Tüftelei gelingt Mestral der Durchbruch: Er entdeckt, dass unter Infrarotlicht vernähter Nylonfaden dem Haken eine stabile und dennoch flexible Form verleiht. Eine Art Gedächtnis quasi, durch das er sich beim Lösen vom Stoff-Gegenstück wieder in seine Ursprungsform zurück biegt.
Als Velcro meldet Mestral seine Erfindung 1951 zum Patent an, eine Zusammensetzung aus "velours" und "crochet", den französischen Begriffen für Samt und Häkchen. Acht weitere Jahre dauert es, bis die von ihm gegründete Firma Velcro Industries den ersten Klettverschluss auf den Markt bringt. Die 300 Häkchen pro Quadratzentimeter Stoff lässt Mestral anfangs von Hand nähen. Der neue Klettverschluss besteht aus zwei Nylonstreifen, einer ist mit Minihaken versehen, der andere trägt die entsprechenden Schlaufen. So lassen sich zwei Textilien zum ersten Mal zuerst verbinden und dann wieder voneinander lösen.
Mestrals Kopie der Naturtechnik erobert in kürzester Zeit die Welt, Velcro verbindet in allen Bereichen des Lebens - Kleidung und Wohnung, Industrie und Schifffahrt, Sport und Militär. Selbst die Raumfahrt benutzt Klettverschlüsse, und sogar das erste künstliche Herz wurde mithilfe von Velcro zusammengehalten.
1978 läuft Mestrals Patent aus. Andere Forscher entwickeln seine Grundidee zu zigfachen Variationen weiter. Mittlerweile gibt es mehr als 3500 verschiedene Haken- und Flauschsysteme aus den unterschiedlichsten Kunststoffen. Doch die Evolution des künstlichen Klettsystems ist noch nicht beendet. Als nächste Stufe steht der Schritt in die Lautlosigkeit an. Forscher arbeiten an einem stummen Velcro: endlich Schluss mit dem markanten Rrrrtsch.
Quelle: Financial Times Deutschland
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