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Kreativität: Leader zwischen Wunsch und dröger Wirklichkeit

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Kreativität: Leader zwischen Wunsch und dröger Wirklichkeit

22.10.2010, 11:17 Uhr | FTD, Sabine Meinert

Nicht jeder, der sich für kreativ hält, ist es auch. (Foto: Imago)

Nicht jeder, der sich für kreativ hält, ist es auch. (Foto: Imago)

Vier von fünf deutschen Managern halten sich für kreativ. Die Unternehmen werden dagegen eher als unkreativ wahrgenommen - zu viel Bürokratie, zu viel Routine, zu wenig Zeit für Ideen.

Die meisten Manager halten sich für kreativ

Jede zweite deutsche Führungskraft wünscht sich im Berufsalltag mehr Zeit und Muße, um Neues entwickeln zu können. Das ist eines der Ergebnisse der aktuellen Studie der Akademie der Wirtschaft Überlingen. Denn gut 81 Prozent der mehr als 600 dafür befragten Manager halten sich selbst für kreativ. Viele sehen in ihren Firmen aber wenige Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten entsprechend einzusetzen. Deutsche Branchengrößen als Innovationselite? - Das sehen deutsche Führungskräfte skeptisch. Nur etwa 17 Prozent der Manager halten deutsche Unternehmen für kreativ. Als Favoriten in Sachen kreative Organisation listeten die befragten Führungskräfte Firmen wie Apple, Google oder Ikea auf. Auf Rang vier folgen das Technologieunternehmen 3M und der Autobauer BMW.

Frauen schätzen sich kreativer ein

Die Manager sehen die Kreativität also eher bei sich selbst. Frauen schätzen sich insgesamt kreativer ein als Männer. Vor allem jüngere Frauen sehen ihr Potenzial äußerst positiv. Weniger überzeugt sind die Führungskräfte allerdings von der Kreativität ihrer Chefs und Vorgesetzten. Nur gut 60 Prozent der Manager würde die Führungskraft der nächsten Hierarchieebene als ebenso kreativ wie sich selbst bezeichnen.

Chaot oder fördernder Mentor?

In der Befragung nannten Teilnehmer ihre Chefs zum Teil "chaotisch" oder "zerstreuter Professor". Ein anderer schrieb über seinen Vorgesetzten: "Will zwar neue Ideen haben, traut sich aber nicht, diese umzusetzen, da harmoniesüchtig." Der weitaus größere Teil der Studienteilnehmer bescheinigte indes dem eigenen Chef Innovationskraft: "lösungsorientierter Forscher mit Humor", "findet konstruktive Ideen zu Problemen, kann Dinge aus einer anderen als der üblichen Perspektive sehen und originelle Ideen entwickeln" oder "sucht neue Ansätze, bricht mit alten Gewohnheiten". Die überwiegende Mehrheit (über 86 Prozent) hält auf jeden Fall Kreativität für wichtig beziehungsweise sehr wichtig im Job. Zwei von drei Managern sind sogar überzeugt, man könne als Führungskraft nur dann Erfolg haben, wenn man ein kreativer Mensch sei. Ebenso viele sind überzeugt, Unkreative brächten zwangsläufig auch unkreative Organisationen hervor.

Wie schätzen Sie Ihr Unternehmen ein? 

sehr kreativ

17,3 Prozent

unkreativ

21,5 Prozent

kann oder möchte ich nicht einschätzen

54 Prozent

"Innovatoren-DNS" mit fünf wichtigen Bestandteilen

Die Studienautoren machen jedoch auch Mut. Denn: Kreativ sein kann man lernen. Davon sind auch fast zwei Drittel der Befragten überzeugt. Nur jeder Dritte meint, Kreativität sei angeboren. Aber was bringt nun die Kreativität der Manager ans Tageslicht? Die Studie verweist in diesem Punkt auf die Forschung von Jeffrey H. Dyer, Hal B. Gregerson und Clayton M. Christensen. Die drei Managementprofessoren forschten nach der "Innovatoren-DNS" und fanden fünf Kriterien, die einen kreativen Manager auszeichnen: Verknüpfen, Hinterfragen, Beobachten, Experimentieren und Vernetzen. Führungskräfte mit Entdeckerqualitäten, so die Experten, verbringen 50 Prozent mehr Zeit mit diesen Tätigkeiten als Nicht-Innovatoren.

Auffällig: Die Teilnehmer der Überlinger Studie, die nach besonders prägenden persönlichen Eigenschaften befragt wurden, gaben auffällig selten an, über die Innovatoren-Eigenschaften zu verfügen. Nur jeder Vierte zählte Experimentieren zu seinen Gewohnheiten. Beobachten, Hinterfragen und Verknüpfen gehört gerade mal bei jedem Zweiten zum Alltag. Intelligenz und Flexibilität schreiben sich dagegen jeweils über 70 beziehungsweise über 80 Prozent zu. Risikobereitschaft und Frustrationstoleranz sind dagegen längst nicht so stark ausgeprägt. Frauen sehen sich dabei kommunikationsfreudiger, Männer halten sich für risikobereiter.

Welche der folgenden Eigenschaften schreiben Sie sich zu? 

Intelligenz

71,0 Prozent

Flexibilität

80,7 Prozent

Sensibilität

63,9 Prozent

Wissbegierde

42,8 Prozent

Abstraktion

45,6 Prozent

Allgemeinbildung

67,3 Prozent

Selbstbewusstsein

57,9 Prozent

Frustrationstoleranz

32,4 Prozent

Risikobereitschaft

42,6 Prozent

Kommunikationsfähigkeiten

63,3 Prozent

Verknüpfungskompetenz

51,2 Prozent

Hinterfragen

57,0 Prozent

Beobachten

50,8 Prozent

Experimentieren

26,8 Prozent

Vernetzen

41,3 Prozent

(Mehrfachantworten möglich)

Manager fordern mehr Zeit und weniger Druck

Damit es in Zukunft mit der Kreativität im Job besser klappt, fordern die Manager vor allem mehr Zeit (51 Prozent) und weniger Aufgaben (fast 40 Prozent). Das knappe Zeitbudget und viel Arbeit behinderten Innovationen, so die landläufige Meinung. Außerdem wünscht sich jeder Dritte, dass unkonventionelle Ideen im eigenen Unternehmen besser gewürdigt und honoriert werden. Auch weniger Druck und ein besseres Feedback von Vorgesetzten könne zu kreativerer Atmosphäre beitragen, sind 25 Prozent der Befragten überzeugt.

Fast ebenso viele gaben an, es müsse erlaubt sein, auch mal Fehler zu machen. Nur fünf Prozent der Manager sagten, ihnen fehle die rechte Identifikation mit dem Unternehmen, deshalb klappe es nicht mit der Kreativität. Auch fehlendes Training in Kreativitätstechniken scheint nicht der Grund für die mangelnde Innovationskraft deutscher Unternehmen zu sein. Nur etwa 14 Prozent sehen darin eine Möglichkeit, die eigene Kreativität zu verbessern.

Querdenken mit Fokus

Bisher am häufigsten wird das Brainstorming genutzt, um ungewöhnliche Lösungen zu kreieren. Aber auch das Mindmapping gehört zu den bevorzugten Kreativitätstechniken. Dagegen sind Brainwriting und Storytelling weniger gefragt. Auch die Walt-Disney- oder die Sechs-Denkhüte-Methode stehen nicht so hoch im Kurs.

Motivation durch Vorbilder

Was die Manager dagegen stark motiviert, sind Vorbilder. Erfolgreiche Manager und Ideengeber wie Steve Jobs (Apple), der Physiker Albert Einstein oder der Renaissance-Künstler Leonardo da Vinci inspirieren die Führungskräfte. Aber auch der Musiker Stefan Raab oder Ex-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann mit ihren unkonventionellen Methoden oder der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt sind für viele Ansporn zum kreativen Denken. Inwieweit ein Unternehmen die Kreativität seiner Mitarbeiter binden, fördern und zum eigenen Vorteil nutzen kann, beschreibt die organisationale Kreativität (oganisational creativity). Um die scheint es in Deutschland jedoch nicht allzu gut bestellt: Nur jeder zweite Befragte der aktuellen Studie sieht gute Ideen im eigenen Unternehmen anerkannt. Nur etwa 41 Prozent bestätigen, dass es in ihrem Unternehmen eine gemeinsame Vision gibt, die kreatives Denken und innovative Lösungen potenziert.

Wo sitzt der Hemmschuh in Sachen Kreativität?

Die Manager gaben an, dass ihrer Meinung nach vor allem der Führungsstil der Vorgesetzten, klare Unternehmensziele, Weiterbildungsangebote und ein organisiertes Wissensmanagement die organisationale Kreativität beeinflussen. Doch während mehr als 80 Prozent glauben, ihre Firma könne ihre Leistungsfähigkeit gut an Kunden kommunizieren und verfüge über eine gute Reputation, sehen weniger als die Hälfte, dass sich ihr Unternehmen durch viele Ideen und kreative Mitarbeiter auszeichnet. Noch weniger gestehen ihrer Organisation zu, dass sie genügend Geld und Personal zur Verfügung stellt, um sich im Wettbewerb an sich verändernde Marktstrukturen adäquat anzupassen.

Was behindert die kreative Kraft Ihrer Organisation?

Leistungsdruck

59,9 Prozent

Zeitdruck

73,5 Prozent

Erfolgsdruck

60,2 Prozent

komplexe Unternehmensstruktur

74,2 Prozent

fehlende Zusammenarbeit

87,2 Prozent

keine Fehlerkultur

86,6 Prozent

unklare Entscheidungsstrukturen

67,3 Prozent

Scheu vor Risiken

86,2 Prozent

mangelnde Unterstützung

86,7 Prozent

Langeweile

71,6 Prozent

Bürokratie

88,1 Prozent

Rivalität/Konkurrenz

56,4 Prozent

(Mehrfachantworten möglich, Antworten "stark" und "sehr stark" zusammengefasst)

Mangelnde Kooperation und bürokratische Hürden

Besonders behindert fühlen sich die Führungskräfte in ihrer Kreativität durch mangelnde Kooperation und Fehlerkultur, aber auch durch zu hohe bürokratische Hürden, mangelnde Unterstützung und zu wenig Risikobereitschaft. Die Studienteilnehmer bemängeln in ihren Unternehmen "fehlende Offenheit", "starre Strukturen" und "zu traditionelle Denkweisen". Eine stark konservative Grundhaltung verhindere innovative Lösungen. Ein Manager bekannte zudem, Zeit und Geld stünden zu sehr im Fokus, daher gelte: "Effektivität schlägt Kreativität." Ein anderer fügte hinzu, es fehle an "Spieltrieb".

Für die Studie der Akademie der Wirtschaft Überlingen/Bad Harzburg "Kreativität und Führung. Wunsch, Wirklichkeit oder Widerspruch?" wurden im April/Mai dieses Jahres 604 Manager schriftlich zu Arbeitsprofilen, Aufgaben und Führungsrollen befragt.


Quelle: Financial Times Deutschland

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