16.04.2010, 08:09 Uhr | Sabine Meinert
Mit einfachen Methoden und Techniken kann man im Job zu neuen Ideen kommen. (Foto: Imago)
Keine guten Einfälle mehr? Wer merkt, wie Stress und Alltagstrott ihn abstumpfen, der ist reif für einen Kreativitätsworkshop. Mit einfachen Methoden lässt sich frischer Wind ins Denken bringen. FTD.de zeigt Beispiele.
Betriebsblindheit, Routine, zu viel Arbeit oder ein starker Fokus auf Rationalität - es gibt viele Möglichkeiten, mangelnden Ideenreichtum oder fehlende Lösungen zu entschuldigen. Doch wer sich damit zufrieden gibt, bestiehlt sich selbst: um bessere Team- oder Unternehmensergebnisse, um das Erlebnis des Effektivitätsschubs, der durch kreative Lösungen selbst im trockensten Arbeitsbereich ausgelöst werden kann. Und um die Motivation, die man persönlich daraus erfährt, ist Kommunikationsberaterin Katja Böhne, Standortleiterin Frankfurt des Beratungsunternehmens FischerAppelt, überzeugt. "Es beeindruckt mich, wie viel effizienter man in Sachen Strategie- und Produktentwicklung sein kann durch ein bisschen Denkumstellung. Es ist, als ob man den Turbo fürs Denken anwirft."
Klar ist: Kreativität steckt in jedem. Wer Kinder beim Spielen sieht, erkennt, dass sie sehr genau beobachten und die verrücktesten Dinge miteinander kombinieren. Kinder brechen häufig aus gewohnten Denkstrukturen aus und schaffen völlig unvoreingenommen Neues. Böhne rät, dieses verlernte Potenzial wiederzuentdecken: "Es ist wie beim Singen. Jeder kann es - auch wenn mancher sich nur zum Summen unter der Dusche hinreißen lässt, weil er meint, ungeübt zu sein. Ein paar Proben in einem Chor - und schon klappt's wieder mit der richtigen Tonlage. Genauso können Erwachsene wieder erlernen, kreativ zu sein."
Aber: Wie entfacht man denn nun das Ideenfeuerwerk? - Es gilt, Ideen zu "erzeugen", sie über unbekannte Lösungswege zu suchen. Nicht auf zufällige Ideen zu hoffen, sondern Anregungen zu nutzen - Farben, Formen, Symbole, Begriffe oder Bilder - und sie mit eigenen Erfahrungen zu verknüpfen. Und egal, ob im Team oder als Einzelkämpfer, dafür braucht man nur wenige einfache Instrumente, sagt Böhne. "Man kann natürlich auch ohne Turbo fahren, aber ein paar Techniken zu kennen hilft, schneller und sicherer zu einer originellen Idee zu kommen."
Anwendungsfelder sieht die Beraterin nicht nur in der Werbung oder Produktentwicklung. Sie wirbt dafür, jegliches Problem damit anzugehen - ob Entwicklungsprojekt, Verkaufs- oder Sicherheitsstörung oder auch strategische Entscheidungen. "Es geht darum, sich nicht nur mit dem Naheliegenden zufrieden zu geben, sondern alles hervorzukitzeln, was das Gehirn gespeichert hat. Nur das bringt wirklich neue Ergebnisse" , sagt die Trainerin. "Erfahrungsgemäß werden die Ergebnisse dann richtig gut, wenn die Teilnehmer zuvor Kreativ-Techniken anwenden und erst danach die Ergebnisse gemeinsam - quasi als Ideenfeuerwerk - weiterentwickeln." In vielen Teams hat Brainstorming bereits einen festen Platz, wenn es um Neues und Problemlösungen geht.
Beim Brainstorming in der Gruppe geht es darum, zunächst Ideenfindung und Ideenbewertung zu trennen. Wichtig ist, zuzuhören und das Gehörte weiterzuentwickeln. Der Vorteil: Durch die fehlende inhaltliche Einschränkung bei der Ideensuche kommt auch manche "wilde" Idee zur Sprache. Neue Blickwinkel eröffnen sich.
Brainstorming hat allerdings nicht nur Freunde: Wissenschaftler warnen, schon das Äußern einer Idee beim Brainstorming beeinflusse die Ideenfindung der anderen Teilnehmer. Die Gruppenmitglieder würden sich gegenseitig blockieren, weil immer gewartet werden müsse, bis ein Teilnehmer seine Idee vorgetragen und erläutert habe. Das hemme das eigene Denken, die Motivation und behindere geradezu die Kreativität. Mehrere Untersuchungen - die erste bereits aus dem Jahr 1958 - kommen zu dem Ergebnis, dass einzelne Ideensucher im Vergleich zu einer Gruppe mehr und bessere Ideen finden.
Sven Gábor Jánszky, Zukunftstrainer und Leiter des Forward2Business-Thinktanks, hält diese Einwände für sehr berechtigt. Brainstorming sei ein "probates Mittel zur Analyse gruppendynamischer Prozesse" und als solches wichtig. Es führe aber häufig lediglich "zur Identifizierung extrovertierter Vielschwätzer, ratlos schweigender Perfektionisten, langsam resignierender Arbeitstiere und ignoranter Mentalkündiger". Oder weniger polemisch: Wer auf viele unterschiedliche Ideen abzielt, sollte einzelne Personen Ideen zusammentragen lassen. Wer seine Mitarbeiter als Teil des Teams und der Projektarbeit bestätigen will, ist mit Brainstorming in der Gruppe besser beraten, so Jánszkys Überzeugung. Die Technik des Brainwritings bietet aber die Möglichkeit, beide Aspekte zu verbinden.
Ähnlich wie das Brainwriting funktioniert auch die sogenannte Galeriemethode, bei der in der Gruppe zunächst unkommentiert Ideen gesammelt und an einer Wand aufgehängt werden. Später diskutiert die Gruppe die Vorschläge und sortiert Unpraktikables aus. Andere Ideen oder Kompromisse fließen im Laufe der Gesprächsrunde ein. Zum Schluss werden alle Gedanken bewertet und schließlich die beste Idee ausgewählt.
Wer dabei das Gehirn noch besser durchbluten will - Brainwalking verschafft Bewegung: Dabei wird das Nachdenken mit Gehen oder Laufen unterstützt. Die Teilnehmer notieren zwischendurch ihre Ideen jeweils auf Flipcharts oder Tafeln und wechseln in kurzen Abständen die Plätze, um die Ideen der Kollegen kennenzulernen und weiterzuentwickeln.
Alles, was Überraschung oder freudiges Staunen auslöse, sei kreativ, sagt Trainerin Katja Böhne. Wer nach kreativen Lösungen suche, müsse sich im Klaren darüber sein: Es geht um Nicht-Naheliegendes. Den Erfahrungen der Beraterin zufolge hat etwa jeder Zwanzigste sogar so etwas wie einen "angeborenen Denk-Turbo". Wer den natürlichen Kreativfilter nicht intus habe, müsse aber nicht verzweifeln, sagt sie. Nach Böhnes Ansicht wendet jeder Mensch - nachdem er die wichtigsten Kreativitätstechniken kennengelernt hat - später sogar regelmäßig zwei oder drei Techniken der kreativen Ideenfindung an - unbewusst. Jeder greife sich instinktiv das heraus, was zu ihm oder ihr passe. Auch allein gut zu praktizieren ist die Flip-Flop-Technik.
Wer bewusst Kreativitätstechniken in den Arbeitsalltag integriere, könne einen größeren Effekt, einen viel höheren Output erzielen als ohne, ist Böhne überzeugt. Allerdings gehöre Training dazu, denn nicht alle Techniken funktionieren bei jedem sofort gut, viele Methoden müssten diszipliniert geübt werden, um den "Denk-Turbo" hochzufahren. In Workshops dauere es meist ein, zwei Tage, bis beispielsweise Führungskräfte sich wirklich umstellen, ihre Gedanken schweifen und also "locker lassen können", berichtet Böhne.
Die Frankfurter Trainerin setzt selbst gern auf Mind Mapping. Diese Kreativitätstechnik hilft ihr, ein Problem in seinen Facetten aufzufächern. Wer die Regeln gut verinnerlicht habe, erreiche fantastische Ergebnisse, ist ihre Erfahrung. Was die FischerAppelt-Trainerin Böhne in ihren Seminaren vermitteln will ist, in Kreativitätstechniken nicht nur ein Arbeitsinstrument zu sehen, sondern auch Spaß an der Lösungssuche auf diesem neuen Weg zu entwickeln. "Besonders Männer tun sich manchmal schwer damit. Wenn von Kreativität die Rede ist, kommt fast reflexartig: 'Es geht auch ohne'. Viele halten kreative Techniken für zu verspielt, vor allem wenn Bilder dabei zum Einsatz kommen."
Aber auch Skeptiker merken schnell, wie erfrischend das Entwickeln eines ganz neuen Gedankens sein kann, wie motivierend sich Projekt-Diskussionen auswirken, an deren Ende eine ungewöhnliche Idee ausformuliert wird. Und ein kleines Erfolgserlebnis habe eigentlich jeder, wenn Teams sich mithilfe von Kreativitätstechniken an eine Problemlösung heranwagen, sagt Böhne. Ihr Kollege Jánszky rät jedoch: "Versuchen Sie nicht, Mitarbeiter auf Gebieten kreativ werden zu lassen, auf denen sie keine Spezialisten sind. Das wird nicht funktionieren. Versuchen Sie stattdessen, die Kreativen herauszufinden und gezielt mit neuen Eindrücken zu konfrontieren, damit diese ihr Expertenwissen mit dem Neuen kombinieren können."
Der 35-jährige Unternehmensberater Jánszky sieht einen der entscheidenden Ansätze der Ideensuche darin, dem Gehirn neue, außergewöhnliche Eindrücke zu verschaffen, damit es diese mit bereits vorhandenen kombinieren und so Neues anbieten kann. Mit der Zufallstechnik lässt sich beispielsweise das Einbeziehen eines neuen Aspekts sehr leicht umsetzen. Als Variante davon wird häufig auch die Bisoziation nach Arthur Koestler genutzt. Dabei werden Begriffe gekreuzt, die ursprünglich nichts miteinander zu tun haben, zum Beispiel Auto und Kleinkind. Häufig erzeugt das durch die Abwechslung im Denken unerwartete Einsichten, ein besseres Verständnis von Zusammenhängen und reichlich Komik. Ebenso innovationsfördernd beschreiben Experten eine Technik, die auf der Hervorhebung einzelner Merkmale beruht.
Eine Sonderform der Analogietechnik ist die Bionik. Bei dieser Methode werden Analogien in der Natur für ein Problem gesucht. Ähnlich wie die Gebrüder Wright Vögel beobachteten und dann Flugmaschine entsprechend deren Körperbau bauten, können auch andere Projekte angegangen werden. Heute nutzen vor allem Wissenschaftler diese Methode: Sie analysieren ein grundlegendes Prinzip und suchen später eine technische Anwendung dafür. Bestes Beispiel ist die sogenannte Clean-Technologie, die Glas- und Keramik-Oberflächen analog der eines Lotus-Blattes nutzt.
Eine weitere effektive Technik ist der Perspektivenwechsel, auch als progressive Abstraktion bezeichnet. Dabei wird versucht, ein Problem von der nächst höheren oder einer ganz anderen Ebene zu betrachten. Wesentliches wird von Unwesentlichem getrennt. Kein Geringerer als Zeichentrickfilm-Legende Walt Disney schuf die Basis für eine dieser Kreativitätstechniken. In seinem Filmstudio hatte er extra Räume eingerichtet, die ihm und seiner Crew Rollenspiele ermöglichten.
Kreativitätsforscher Edward de Bono (Foto: de Bono)
Eine Weiterentwicklung davon ist die Sechs-Denkhüte-Methode nach Edward de Bono. Sie wurde in den 60ern entwickelt und weist den Teilnehmern einer Diskussion eine bestimmte Rolle zu. Dafür werden sechs Hüte in den Farben weiß, rot, gelb, schwarz, grün und blau verteilt. Weiß steht dabei für den objektiven Ist-Zustand. Rot steht für Gefühle, alles Emotionale, Intuitionen. Gelb symbolisiert Chancen, Vorteile und neue Möglichkeiten, schwarz dagegen Risiken und Gefahren. Vom Träger des grünen Hutes werden Alternativ-Vorschläge erwartet, während derjenige mit dem blauen Hut als Moderator fungiert. Die Teilnehmer führen die Diskussion aus ihrer Perspektive, wobei durch die definierte Sichtweise eingefahrene Gleise verlassen werden. Möglich ist auch, die Diskussion aller Teilnehmer für jeweils fünf in eine bestimmte Richtung zu lenken, indem man die jeweilige Farbe und damit die Zielrichtung benennt.
Weitere Kreativitätstechniken basieren auf Checklisten, in denen verschiedene Kriterien als Fragen oder Aufforderungen formuliert werden, um das Problem von allen Seiten zu beleuchten. Trendforscher Jánszky präferiert zum Beispiel die Edison-Methode, die fünf Grundregeln für eine Problemlösung vorgibt. Zum Teil beschäftigen diese sich jedoch bereits mit der Umsetzung einer Idee. "Einfach Drauflosdenken - das finde ich zu unproduktiv. Man muss bereits der Ideenfindung eine Zielrichtung geben", ist sein Standpunkt, der auch von vielen Coaches geteilt wird. Weitere Methoden, der Kreativität Schwung zu verleihen, setzen daher auf einen Moderator, der Gespräche und Prozesse lenkt. Diese Aufgabe setzt jedoch eine ganze Menge Übung voraus und kann von Einsteigern nur schwerlich übernommen werden, ist die einhellige Meinung.
"Gerade in Sachen Kreativität noch Einiges lernen zu müssen, ist für manche ein echter Schock. Doch wer mehrere Techniken beherrscht, kann den Knoten im Gehirn, der innovative Lösungen und gute Ideen blockiert, schnell lösen und sich meist auch von einer ganzen Ladung Stress befreien", lockt Katja Böhne Kreativtechnik-Ungeübte. Als Lohn winke zudem der "Aufstieg" vom kleinen Rädchen zum Mitarbeiter mit Ideen-Turbo.
Quelle: Financial Times Deutschland
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