29.09.2009, 11:30 Uhr | FTD, Torsten Holler
Nur wenige Mittelständler beantragen Kredite aus den KfW-Sonderprogrammen. (Foto: Imago)
Die Anträge für Kredite aus den laufenden KfW-Sonderprogrammen sind extrem aufwendig. Deshalb nimmt nur ein Bruchteil der Mittelständler diese Chance wahr.
Die Preisturbulenzen auf den Fruchtmärkten brachten Wilfried Ackermann im vergangenen Jahr ganz schön ins Schwitzen. "Plötzlich kostete eine Tonne Zitronen das Zehnfache", erzählt der Chef des sächsischen Babysaftherstellers Ackermanns Haus, der zuletzt einen Umsatz von 15 Millionen Euro erwirtschaftete. Er musste zahlen, sonst hätte er nicht weiterproduzieren können. Die Folge: Im Herbst tat sich plötzlich eine Liquiditätslücke von 700.000 Euro auf. Die Hausbank weigerte sich, die Kreditlinie zu erhöhen. Ackermann stand an der Wand.
So wie Ackermann geht es derzeit Tausenden Mittelständlern. Die Hausbanken ziehen sich zurück, verweigern überlebenswichtige Kredite. "Nur wenige trauen sich, ohne Haftungsfreistellungen oder Landesbürgschaften feste Zusagen zu machen", sagt Michael Bormann, Partner der BDP Venturis Management Consultants. Mittlerweile ist das, was Unternehmer bisher nur vermutet haben, amtlich: Die Kreditklemme ist zugeschnappt. Die Europäische Zentralbank registrierte seit Januar 2009 einen Rückgang des Kreditvolumens in der Euro-Zone um insgesamt 85 Milliarden Euro und damit ein Minus von 3,4 Prozent.
Allein deutsche Banken reichten 29 Milliarden Euro weniger aus. Die Bundesregierung stemmt sich nun mit aller Kraft dagegen: 40 Milliarden Euro stellt sie den Unternehmern im Rahmen verschiedener Sonderprogramme zur Verfügung - abrufbar bei der staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Dazu sollen die ländereigenen Bürgschaftsbanken und Beteiligungsgesellschaften unterstützend eingreifen. Bislang gingen bei der KfW aber nur 2.500 Anträge über 12,6 Milliarden Euro ein. Hinzu kommen Voranfragen über magere sieben Milliarden Euro.
"Rund 93 Prozent aller Mittelständler haben noch nicht vom Konjunkturpaket profitiert", bemängelt Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW). Obwohl sie das Geld dringend benötigen: Laut einer Umfrage des BVMW unter 1500 Unternehmern steht die Hälfte derzeit finanziell schlechter da als noch vor einem Jahr. Ohoven und viele andere Experten kritisieren, dass es extrem kompliziert sei, die Kredite aus den Sonderprogrammen zu beantragen. Die meisten Unternehmer würden von den bürokratischen Hürden abgeschreckt. "Gerade bei Kreditvolumen in Millionenhöhe sollten die Unternehmen mindestens wöchentlich, besser noch tagesaktuell ihre Zahlen aufbereitet haben", sagt Maike Götting, Vertriebsdirektorin bei der KfW. Ein solch detailliertes Liquiditätsmanagement überfordert etliche Mittelständler - gerade in Krisenzeiten.
Hier sieht auch Restrukturierungsexperte Bormann das Problem. Viele Unternehmer wüssten gar nicht, dass sie eine positive Fortsetzungsprognose für die kommenden drei Jahre abgeben müssen, um eine Insolvenz abzuwehren und einen Kredit aus den Sonderprogrammen zu bekommen. Logischerweise wüssten sie dann auch nicht, wie man eine solche Prognose erstellt. "Da gibt es ziemlich oft große Augen." Und so versuchen die meisten mittelständischen Unternehmer dann doch, selbst klarzukommen. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Familienunternehmen kennen zwar über 85 Prozent der Mittelständler die KfW-Sonderprogramme. Aber nur 18 Prozent nehmen diese auch wirklich in Anspruch. Stattdessen greifen 71 Prozent der inhabergeführten Mittelständler auf ihre Festgeldkonten zurück. 61 Prozent nehmen Gesellschafterdarlehen in Anspruch.
Selbst die Sparkassen, die von der Zuwanderung enttäuschter Kunden privater Banken profitiert haben und seither über pralle Kassen verfügen, können den Rückgang des Kreditgeschäfts nicht vollständig abfangen. Aber immerhin verzeichneten sie eine konstante Zuwachsrate ihrer Kreditbestände von rund sechs Prozent, während die der Großbanken im zweiten Quartal um 8,6 Prozent zurückgegangen ist.
Abhilfe sollen nun auch die sogenannten Globaldarlehen schaffen. Das sind großvolumige Kredite, die die KfW privaten Banken gewährt, die daraus eine Vielzahl von Kleinkrediten machen. So sollen alle von den Zinskonditionen der KfW profitieren. Zehn Milliarden Euro gibt es dafür aus dem Kredit- und Bürgschaftsprogramm der Bundesregierung. "Wir erwarten, dass die zehn Milliarden Euro recht schnell abfließen. Wir haben bereits von einer Großbank eine Anfrage über 1,5 Milliarden Euro" , sagt KfW-Chef Ulrich Schröder. Wilfried Ackermann hat inzwischen einen Betriebsmittelkredit erhalten. Sanierungsexperte Bormann hatte ihm eine positive Fortführungsprognose bescheinigt. Für die frische Liquidität verbürgt sich seither die Bürgschaftsbank Sachsen, die ihrerseits auf die Mittel des Konjunkturpakets zurückgriff.
FTD, Torsten Holler
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