Ladendiebe verursachen dem Einzelhandel Milliarden Schäden (Foto: Imago) Langfinger fügen dem Einzelhandel trotz eines leichten Rückgangs bei Diebstählen milliardenschwere Schäden zu. Das belegt eine aktuelle Studie des Handelsforschungsinstitut EHI. Auch die Bekämpfung der Langfinger verursacht immense Kosten. Um dem Ladendiebstahl Herr zu werden empfehlen die Autoren der Studie den Einsatz von Kameras und Detektiven. Doch das dürfte in Zeiten des Lidl-Skandals bei Kunden und Mitarbeiten nur auf wenig Gegenliebe stoßen.
Für die aktuelle Untersuchung hatte das Forschungsinstitut EHI 122 Unternehmen mit mehr als 12.000 Filialen und 47 Milliarden Euro Gesamtumsatz befragt. Ladendiebstähle haben dem deutschen Einzelhandel im vergangenen Jahr einen Schaden von fast 3,3 Milliarden Euro verursacht. Knapp zwei Drittel davon (1,9 Milliarden Euro) war auf Ladendiebstähle durch Kunden zurückzuführen. Rund eine Milliarde entfiel auf unehrliche Mitarbeiter.
Jeder Bürger klaut Waren im Wert von 50 Euro
Weitere Waren im Wert von etwa 350 Millionen Euro wurden von Lieferanten oder auswärtigen Servicekräften gestohlen, teilte das EHI Retail Institute mit. Einschließlich Fehlbuchungen und anderer Mängel im Ablauf beliefen sich die Inventurdifferenzen auf insgesamt vier Milliarden Euro. Nach wie vor stiehlt – statistisch gesehen – jeder deutsche Bürger jährlich Waren im Wert von über 50,- Euro im Einzelhandel. Bildlich bedeutet dies, dass rund jeder 200. Einkaufswagen unbezahlt die Kasse passiert. Dem Staat entgehen so jedes Jahr rund 400 Millionen Euro Mehrwertsteuer.
Anstieg bei Dunkelziffer
Immerhin sind die Zahlen gegenüber den Vorjahren leicht rückläufig. So betrug der Inventurverlust im Jahr 2005 noch rund 4,1 Milliarden Euro. Davon entfielen zwei Milliarden Euro auf Ladendiebstähle. Auch die polizeilichen Kriminalstatistik registrierte einen Rückgang der einfachen Ladendiebstähle um 6,6 Prozent auf 400.183 Fälle. Allerdings würden viele Diebstahle nach Angeben des EHI unentdeckt bleiben. Verlängerte Öffnungszeiten mit einer geringen Personalbesetzung und weniger Detektivpräsenz begünstigten einen Anstieg der Dunkelziffer.
Banden räumen ganze Regale leer
Größtes Problem für den Einzelhandel ist laut Frank Horst vom EHI der organisierte Ladendiebstahl. "Teilweise räumen Banden ganze Regale mit Kosmetika oder Rasierklingen aus." Vielfach sei zu beobachten, dass die Gewaltbereitschaft steige und die Täter immer dreister würden. "Hat man früher die Ware in Taschen oder unter Jacken versteckt, kommt es heute vor, dass die Diebe die Sachen ganz offen an sich nehmen und einfach wegrennen", so Horst Frank. Dies werde besonders dann beobachtet, wenn sich nur sehr wenig Personal im Laden befinde.
Gegenmaßnahmen verursachen immense Kosten
Effektivste Gegenmaßnahmen seien Kameras und Detektive. Problem dabei seien aber die Kosten, sagte Horst. "Um Kameradaten auszuwerten, braucht man Personal." Eine ständige Überwachung gebe es deshalb kaum. Ladendetektive brächten durch aufgeklärte Fälle im Durchschnitt 20 Prozent ihrer Kosten wieder herein. Andererseits: Wo Detektive auch nur zeitweise im Einsatz sind, seien 71 Prozent der entdeckten Kundendiebstähle auf ihre Arbeit zurückzuführen. Insgesamt gebe der Handel für Präventionsmaßnahmen jährlich rund eine Milliarde Euro aus.
Jeder 100. Mitarbeiter wird überführt
Allerdings ist der Einsatz von Kameras und Detektiven in Zeiten des Lidl-Skandals brisant. Bei den eigenen Mitarbeitern würden Detektive und versteckte Kameras normalerweise nur eingesetzt, wenn ein konkreter Tatverdacht bestehe, sagte Horst. "Das ist meistens das letzte Mittel." Statistisch gesehen wird jährlich nach EHI-Angaben jeder 100. Mitarbeiter des Diebstahls oder der Kassen-Manipulation überführt und habe dabei einen Schaden von etwa 1000 Euro angerichtet.