02.06.2008, 12:20 Uhr | Spiegel Online
Ein Lügendetektor bei der Arbeit (Bild: dpa) Lügendetektoren am Telefon galten vor zehn Jahren als brandheiße Zukunftstechnologie. Die Polizei wollte sich damit viel Arbeit ersparen, die Hersteller durch Verkauf und Service ihre Kassen füllen. Dabei ging es allerdings von vornherein um den digitalen Aufguss einer Technik, die seit den siebziger Jahren bekannt ist und auf die Auswertung des Stresslevels in der Stimme setzt. Mit dem Platzen der New-Economy-Blase schien das Konzept der "Stimm-Stresslevel-Analyse" allerdings erledigt. Damals wurden Techniken auf einen Schlag nicht mehr durch die rosa Brille euphorischer Anleger betrachtet, womit der scheinbar einfache Nachweis von Lügen am Telefon plötzlich ziemlich alt aussah. Statt der vermeintlichen Möglichkeiten der Technik wurden jetzt vor allem ihre Nachteile in der Vordergrund gestellt, also die zahlreichen Studien, die von der Unzuverlässigkeit der Sprachanalyse zeugten.
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Abstieg in die Klingeltonbude
Bis vor kurzem führte die "Stimm-Stresslevel-Analyse" nur noch eine Randexistenz als Gag auf dem Niveau der "Satelliten-Überwachung", die es bei der Klingeltonbude Jamba zum Download gibt. Inzwischen scheint sich allerdings ein Revival der Idee vom Lügendetektor am Telefon anzubahnen, das auf einer Verfeinerung des ursprünglichen Stresskonzepts durch die Firma Nemesyco basiert. Deren patentierte Technik namens " Layered Voice" sucht nicht mehr nach Änderungen in der Stimmlage, sie analysiert vielmehr den Sprachfluss. Insbesondere vom menschlichen Gehör nicht wahrnehmbare Stockungen und Pausen sollen dabei Lügner entlarven, da diese ihre Aussagen nicht einfach aus der Erinnerung abrufen.
Neuauflage in London
Mitte April gab der Londoner Stadtbezirk Harrow den Start eines Pilotprojekts bekannt, bei dem Sozialhilfebetrüger am Telefon entlarvt werden sollen. Dabei kommt ein Programm von der Firma Digilog zum Einsatz, das die "Layered Voice"-Technik verwendet. Das Pilotprojekt wurde zwar noch nicht offiziell beendet und ausgewertet, aber nach Angaben der Zeitung "Daily Mail" konnte der Bezirk durch den Einsatz der Software bereits im ersten Monat mehr als 600.000 Euro einsparen.
Jeder achte Krankheitstag erlogen?
Obwohl erst die Zwischenergebnisse eines einzigen Pilotprojekts vorliegen, scheint sich die Hype-Geschichte um den Lügendetektor am Telefon zu wiederholen. Jedenfalls planen der "Daily Mail" zufolge bereits einige Unternehmen, sich die Technik bei der Reduzierung ihrer Krankenstände zunutze zu machen. Dahinter steht die Annahme, dass etwa jeder achte Tag im Krankenstand nicht auf gesundheitliche Probleme zurückgeht.
Hoffnung auf den Placebo-Effekt
Wenn die Software gegen das Krankfeiern eingesetzt wird, so die Hoffnung der Manager, dürfte es zunächst sogar egal sein, ob die Technik im zweiten Anlauf zuverlässiger ist als vor zehn Jahren. "Wenn man weiß, dass ein Lügendetektor am anderen Ende der Leitung ist, wird man sich wohl zweimal überlegen, ob man wirklich krankfeiern will," zitiert die Zeitung Lawrence Knowles von der Unternehmensberatung Midland HR.
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Quelle: Spiegel Online
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