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Madoffs Fluch: Sohn begeht Selbstmord

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Madoffs Fluch

13.12.2010, 09:03 Uhr | Spiegel Online

Sanitäter bergen den Leichnam von Mark Madoff (Foto: AFP)

Sanitäter überführen den Leichnam von Mark Madoff (Foto: AFP) (Quelle: AFP)

Am Freitag gab er dem Parkwächter noch 400 Dollar Trinkgeld. In der Nacht dann schickte er mehrere E-Mails an seine Frau, die gerade in Florida unterwegs war. "Keiner will die Wahrheit hören", schrieb er ihr der "New York Post" zufolge. Die letzte Botschaft habe in einer ominösen Bitte gemündet: Sie möge doch schnell "jemanden vorbeischicken", um sich um ihren zweijährigen Sohn "zu kümmern". Es waren die letzten Worte Mark Madoffs, Sohn des Milliardenschwindlers Bernard L. Madoff an seine Familie.

Gattin Stephanie alarmierte sofort ihren Stiefvater in New York, den Prominentenanwalt Martin London. London erreichte Madoffs Penthouse-Wohnung im Szeneviertel SoHo gegen sieben Uhr früh - zu spät. Sein Schwiegersohn, in Khaki-Hosen, Hemd und weißen Socken, hatte sich mit einer Hundeleine erhängt, an einem Deckenrohr im Wohnzimmer-Loft. Sein Hund Grouper, eine Labrador-Pudel-Mischung, bewachte den Toten. Madoffs Sohn fand sich unversehrt in seinem Kinderbett.

Freitod am zweiten Jahrestag der Verhaftung

Und so endete am Samstag ein weiteres, dramatisches Kapitel in der trostlosen Endlos-Saga um den Jahrhundertbetrüger Bernard Madoff - in einem Nobelhaus in Manhattan, zu dessen Bewohnern auch der Rocker Jon Bon Jovi gehört. Passanten, Weihnachts-Shopper und Reporter gafften gleichermaßen, als Beamte des Gerichtsmediziners eine Klappbahre mit der in einen grauen Plastiksack gehüllten Leiche des ältesten Madoff-Sohns Mark, 46, aus der Tür übers Kopfsteinpflaster der Mercer Street rollten und in einen Kleinlaster schoben.

Shakespeare hätte es nicht besser schreiben können. Es war auf den Tag genau der zweite Jahrestag der Verhaftung Bernard Madoffs. Seit seiner spektakulären Verurteilung im vorigen Sommer sitzt er für den Rest seiner Tage hinter Gittern. Sein Fluch aber dauert an.

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Mehr noch: Die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld dieses Falls sind immer schwieriger auszumachen. Wie eine Schlammlawine reißt das Unheil mehr und mehr Betroffene mit. Fest steht lediglich eines: Am Ende bleiben nur Qual, Elend und gepeinigte Seelen. "Mark Madoff hat sich heute das Leben genommen", erklärte sein Anwalt Martin Flumenbaum. "Mark war ein unschuldiges Opfer der monströsen Untat seines Vaters." Flumenbaum sprach von einer "schrecklichen und unnützen Tragödie".

Eine Tragödie ist Bernard Madoffs Untat immer schon gewesen - für die mehr als 15.000 Opfer, denen der VIP-"Investmentberater" die Lebensersparnisse, die Existenz und in einigen Fällen sogar den Lebensmut nahm. Auf bis zu 65 Milliarden Dollar hat die Justiz den Betrugsschaden zwischenzeitlich geschätzt, doch der wahre Schaden geht natürlich viel weiter. Madoff zerstörte zahllose Familien - nicht zuletzt seine eigene.

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Der Staatsanwalt ermittelt weiter

Denn selbst zwei Jahre, nachdem der Skandal platzte, ist immer noch nicht geklärt, wer noch in das gigantische Schneeballsystem Madoffs eingeweiht war. Die US-Staatsanwalt hat bisher zwar keinen seiner Angehörigen strafrechtlich belangt - weder Gattin Ruth, 69, noch Bruder Peter, 65, oder die Söhne Andrew, 44, und Mark. Doch die Schlinge hat sich langsam auch um sie zuzuziehen begonnen.

Dafür sorgt vor allem Irving Picard, der Gerichtstreuhänder, der die Madoff-Milliarden irgendwie wieder eintreiben soll. Der hat allein in den letzten Wochen einen Schwall von mehr als zwei Dutzend Zivilklagen gegen alle möglichen Verwandte und Kompagnons Madoffs losgelassen - von Ruth über Mark, Andrew, Peter bis hin zu Schwägerinnen, Schwägern, Nichten und Neffen: "Die gestohlenen Gelder", erklärte Picard, "wanderten um die ganze Welt, landeten aber letztendlich immer in den Taschen Madoffs, seiner Familie und seiner Verbündeten."

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Ihr Leben basierte auf einer Lüge

Mark, der wie Andrew stets seine Unschuld beteuerte, soll besonders über den letzten Schritt Picards verstört gewesen sein: Die jüngste Zivilklage nennt als Mitangeklagte sogar seinen zweijährigen Sohn und seine fünfjährige Tochter.

Erschwerend hinzu kam, wie am Wochenende in Madoff-Freundeskreisen zu hören war, dann auch noch ein Artikel im "Wall Street Journal", der die persönlichen Konsequenzen des Mega-Betrugs anlässlich des Jahrestags in teils sehr privaten Details nachzeichnete. "Das Leben nach Madoffs 'großer Lüge'" lautete die Überschrift, die ab Mitternacht auf der "WSJ"-Website erschien. Sieben Stunden später fand sich Mark Madoffs Leiche.

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Mark Madoff war 1986 direkt von der Uni ins Geschäft des Vaters eingetreten. Bis zum Schluss leiteten er und Andrew dessen Trading-Firma, die separat von der betrügerischen Investmentfirma lief. Das Verhältnis der Söhne zu dem als herrisch berüchtigten Madoff war kompliziert und von Widersprüchen geprägt. "Da gab es keine emotionale Intimität", sagte ein Vertrauter dem Magazin "Vanity Fair".

Ob Madoff - dessen Besitztümer kürzlich meistbietend versteigert wurden - die beiden in seine Machenschaften eingeweiht hatte, bleibt freilich umstritten. Nach FBI-Ermittlungen konfrontierten Andrew und Mark ihn vor zwei Jahren mit finanziellen Unregelmäßigkeiten in der Firma, woraufhin er ihnen den schockierenden Milliardenbetrug gebeichtet habe. Es war ein traumatischer Moment: Ihr ganzes Leben fußte auf einer Lüge. Am folgenden Morgen, dem 11. Dezember 2008, zeigten sie ihren Vater an.

Schon der dritte Selbstmord

Für Treuhänder Picard sind sie zumindest moralisch und zivilrechtlich mitschuldig: Er verklagte Mark Madoff erstmals im Oktober 2008 auf Rückzahlung von 67 Millionen Dollar: Madoff Jr. habe einen "Highend-Lifestyle" gelebt, mit Anwesen in Manhattan, Nantucket und Greenwich, der Wall-Street-Enklave in Connecticut. Die Betrugsgelder hätten "alle Aspekte seines üppigen Lebensstils finanziert, vom Kauf seiner Nobelvillen bis zur Matratze, auf der er schlief". So habe der Sohn von 2001 bis 2008 eine "astronomische Vergütung" erhalten - 39,3 Millionen Dollar.

Nach außen hin präsentierte sich Mark jedoch als ein Madoff-Opfer wie alle anderen. "Mark ist unveränderlich verbittert über die Täuschung und die Schädigung, die sein Vater verursacht hat", erklärte sein Anwalt noch Anfang dieser Woche. Beide Söhne, so beharrte Flumenbaum, hätten seit zwei Jahren kein Wort mehr mit ihren Eltern gewechselt - wohl auch aus juristischer Vorsicht. Doch das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was die wahren Opfer Madoffs erlitten haben.

Mindestens zwei Geschädigte haben sich das Leben genommen - der französische Investor René-Thierry Magon de la Villehuchet und der britische Major a.D. William Foxton, dem Madoff seine gesamten Altersrücklagen stahl. Der New Yorker Harry Pech beschreibt den 11. Dezember als "Tag, an dem ich mein Leben verlor". Das Zitat stand am Samstag auch im besagten Artikel des "Wall Street Journal" - verbunden mit dem Hinweis, dass Treuhänder Picard nun auch Pech verklagt habe, weil er von seinem Madoff-Konto Geld abgehoben habe.

Die Klagewelle rollt

Picard hat 15.751 legitime Ersatzansprüche von Madoff-Opfern anerkannt. Die Frist zu deren Einklagung lief am Samstag ab, was den Schwall an jüngsten Zivilklagen erklärt - bei denen sich manche Opfer plötzlich zu Tätern abgestempelt sehen.

So hat Picard nicht nur fast alle Banken und Finanzfirmen verklagt, über die Madoff seine Deals abwickelte, darunter Citibank, JP Morgan Chase, HSBC und UBS. Sondern auch Fred Wilpon, den prominenten Besitzer des Baseballteams New York Mets, und etliche Wohltätigkeitsorganisationen, die ihre Gelder bei Madoff investiert hatten. Der spektakulärste Fall betrifft jedoch die bekannte Wiener Bankerin Sonja Kohn. Kohn, die als Madoffs "Wien-Connection" galt, hatte sich seit seiner Enttarnung als eines seiner größten Opfer profiliert. Statt dessen, schreibt Picard, sei sie aber "eine kriminelle Seelenverwandte" Madoffs gewesen, mit "ähnlicher Gier und unehrlichem Erfindungsreichtum".

Die Nachricht vom Tod seines ältesten Sohnes ereilte Bernard Madoff im Butner Federal Correctional Complex, einem riesigen Gefängnis in North Carolina, wo er seine 150-jährige Haftstrafe absitzt. Ruth Madoff erfuhr es in Boca Raton, wo sie bei ihrer Schwester lebt und angeblich Essen für Obdachlose ausfährt. Marks Selbstmord, teilte ihr Anwalt Peter Chavkin mit, habe ihr "das Herz gebrochen".


Quelle: Spiegel Online

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Kommentare (17)

zum Forum

Thema: "Madoffs Fluch: Sohn begeht Selbstmord"

Hainchen schrieb: am 13. Dezember 2010 um 12:36:56
(0) (0) Madoff
Ein Vater oder Großvater wie Herr Madoff, der solche Geschäfte abgewickelt hat und viele Menschen betrogen hat, hat offensichtlich
über diese Folgen die irendwann Auffliegen könnten, nicht Nachgedacht, was das für Folgen für die Familie sein kann. In ersterLinie handelde Herr Madoff seiner Familie gegenüber sehr Fahrlässig, dafür kann kein anderer was. Wie man sieht, fliegt sowas halt auch mal auf.Ich finde es schon Richtig, das die Betrogenen ihre Gelder halbwegs wieder Zurück bekommen.
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DER schrieb: am 12. Dezember 2010 um 23:30:46
(0) (0) @oberle
nicht nur in Amerika. Das gleiche ist in Deutschland tagtäglich usus. Siehe 2.Weltkrieg. Man zeigt in 2000 Jahren noch auf uns. Die
Geschichte davor wurde quasi gelöscht.
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Mutter schrieb: am 12. Dezember 2010 um 23:15:06
(0) (0) Madoff
Dass ein Kleinkind verklagt wird, hört sich natürlich schrecklich an. Aber wenn man davon ausgehen kann, dass dem Kind von Papa bzw.
Opa evt. viele Millionen auf´s Konto geschoben wurden, die aus Betrugsgeschäften stammen, kann man verstehen, dass die Betrogenen Anleger das Geld zurückhaben möchten und vorsichtshalber vor Ablauf der Frist Klage erheben. Und zwar gegen alle Familienmitglieder, die evt. Geld aus den Betrügereien erhalten haben könnten. Sicher sehr unangenehm für die Familie.
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