19.08.2010, 10:00 Uhr
Manager sind die typischen Wirtschaftskriminellen. (Bild: Imago)
Mehr als ein Drittel aller Unternehmen in Deutschland ist in den vergangenen drei Jahren Opfer von Betrügern geworden. Meist sind die Täter männlich, in den mittleren Jahren und aus dem Management. Sie begehen ihre Verfehlungen oft aus Überforderung.
Der typische Wirtschaftskriminelle ist ein Manager. Er ist ein Mann in den mittleren Jahren, der sein eigenes Unternehmen hintergeht - und wenn er mit den Mauscheleien einmal angefangen hat, verstrickt er sich immer mehr darin. Satte 3.907.083 Euro Schaden haben die Täter im Durchschnitt angerichtet, deren Fälle Hendrik Schneider untersucht hat, Professor an der Uni Leipzig und Autor der Studie "Der Wirtschaftsstraftäter in seinen sozialen Bezügen". Das zweithäufigste Delikt ist die Untreue gegenüber der eigenen Firma - die Straftat, über die das Bundesverfassungsgericht vorige Woche ein Grundsatzurteil sprach. Die Verfassungsrichter haben entschieden, dass Manager, die etwa schwarze Kassen anlegen oder ungeprüfte Kredite ausgeben, weiterhin dafür belangt werden können.
Mehr als jedes dritte Unternehmen ist in den vergangenen drei Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden. Die Täter kamen nur in elf Prozent aller Fälle von außen. In 89 Prozent werden Firmen von den eigenen Mitarbeitern geschädigt, sagt Frank Weller, Leiter Forensik bei KPMG. Und: Es ist nicht etwa der Lagerarbeiter, der eine Gelegenheit nutzt, seinen Kontostand mit unsauberen Methoden aufzufrischen. Die Täter sind ganz überwiegend Mitarbeiter der Führungsebene. 86 Prozent der Wirtschaftsstraftäter, deren Profil KPMG 2007 untersuchte, gehörten dem Management an. 13 Prozent waren Topmanager, 60 Prozent kamen aus der oberen und 26 Prozent aus der mittleren Führungsebene.
Gerade im Topmanagement, sagt Schneider von der Uni Leipzig, wird Untreue häufig aus Überforderung begangen. Denn da sind die Täter oft durch Ämter, Ehrenämter, Vorstands- und Aufsichtsratsposten überlastet. Außerdem sind sie praktisch keiner Kontrolle ausgesetzt, weil sie selbst es sind, die die Abläufe kontrollieren.
Typisches Beispiel ist der von Schneider analysierte Fall einer Bank, die sich in einer schwierigen Umbruchsituation befand. Alte Geschäftsfelder waren weggebrochen, neue mussten gefunden werden. Wegen des hohen Innovationsdrucks ließen sich die Vorstände auf neue Geschäftsmodelle ein. Schnell, ohne gründliche Prüfung. Ein riskantes Geschäft. Wäre es gut gegangen, hätte man die Vorstände gefeiert. So aber landeten sie als Angeklagte vor Gericht.
Kontrolldefizite gibt es aber auch auf den unteren Ebenen. Vor allem bei Mitarbeitern, die eine hoch spezialisierte Aufgabe haben, bei der Kollegen nicht nachvollziehen können, was sie da eigentlich tun - in der IT beispielsweise oder beim Handel mit komplexen Finanzprodukten. Der Mitarbeiter entdeckt eine Lücke im System, und schon ist die Gelegenheit zum Diebstahl oder zur Unterschlagung da.
Rund die Hälfte der Täter, so das Ergebnis der Uni Leipzig, nutzt einfach eine Situation, die sich von selbst offenbart. Am Anfang der kriminellen Karriere steht oft auch ein einfacher Fehler. Ein Bankangestellter, erzählt Schneider, hatte einen Kredit leichtfertig vergeben. Sein Chef war autoritär, er fürchtete Repressalien. Also versuchte er, seinen Missgriff zu vertuschen, und verstrickte sich in weitere Taten. In der Hoffnung, dass der Schuldner das Geld eines Tages doch zurückzahlen könne, erweiterte er dessen Kreditrahmen weit über das Zulässige hinaus.
Arm oder in einer finanziellen Notlage sind Mitarbeiter nicht, die ihr Unternehmen hintergehen. "Wir können mit dem Mythos aufräumen, dass jemand kriminell wird, weil er Geld etwa wegen einer schweren Erkrankung in der Familie braucht", sagt KPMG-Experte Weller. Geschäftsleute greifen stattdessen heimlich in die Kasse, weil sie einen teuren Lebensstil pflegen. Männer in der Midlife-Crisis zum Beispiel, die es noch mal so richtig wissen wollen. Die brauchen Geld für Autos, für ihre Geliebte. "Die Wiederentdeckung der Sexualität spielt bei diesen Tätern eine große Rolle", sagt Schneider.
Er nennt sie Täter mit einem "wirtschaftskriminologischen Belastungssyndrom". Bei ihnen kommen mehrere Faktoren zusammen, oft ein biografischer Wendepunkt, Distanz zur Familie. Ein verheirateter Geschäftsmann beispielsweise, der beruflich viel in Südostasien war, unterhielt parallel zwei Frauen auf den Philippinen und in Taiwan. Das kostete.
Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass durch Wirtschaftskriminalität jedes Jahr 3,4 Mrd. Euro Schaden entstehen. Trotzdem unterschätzen vor allem mittelständische Firmen die Gefahr. "Inhaber- oder familiengeführte Unternehmen setzen bei ihren Mitarbeitern auf das Vertrauensprinzip", sagt KPMG-Experte Weller. "Und gerade im Mittelstand fehlt es an formalisierten internen Kontrollen. Die Erfahrung zeigt, dass grundlegende Kontrollmechanismen wie die Funktionstrennung und das Vieraugenprinzip oft vernachlässigt werden."
Quelle: Financial Times Deutschland
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