Studie: Auswanderung belastet Staat und Sozialkassen
15.10.2009, 14:44 Uhr | AP
Junge Ärzte erwägen immer öfter eine berufliche Karriere im Ausland. (Foto: imago)Die Auswanderung von qualifizierten Arbeitskräften belastet einer Studie zufolge die öffentlichen Haushalte und Sozialkassen in erheblichem Ausmaß. Wissenschaftler des ifo-Instituts stellten die öffentlichen Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben den Ausgaben für Bildung, Infrastruktur, Renten und andere Sozialleistungen gegenüber. Anhand von zwei typischen Fällen, einem Facharbeiter in der Metallbranche und einer Ärztin, berechneten sie so die fiskalischen Effekte der Auswanderung.
Kehrt der Facharbeiter mit 23 Jahren Deutschland den Rücken, so entgehen den öffentlichen Kassen dadurch im Saldo 281.000 Euro. Künftige Zahlungen wurden bei der Kalkulation auf das Jahr 2008 abgezinst. Im Fall der Ärztin wurde unterstellt, dass sie mit 30 Jahren während der Facharztausbildung ins Ausland geht. In ihrem Fall kommt es durch die Auswanderung sogar im Saldo zu entgangenen Einnahmen von 1,075 Millionen Euro. Über die gesamte Lebenszeit betrachtet führe das zu einer negativen Bilanz für die öffentlichen Kassen in Deutschland, erklärten die Forscher.
Wenig eingezahlt, viel profitiert
Da die Auswanderer in den betrachteten Beispielfällen vor dem Schritt ins Ausland nur wenig Steuern und Sozialabgaben gezahlt haben, aber besonders von einer kostenlosen Ausbildung profitieren konnten, belasten sie die Allgemeinheit bis zum Zeitpunkt der Auswanderung mit rund 160.000 Euro im Fall des Facharbeiters und 436.000 Euro im Fall der Ärztin. Blieben sie in Deutschland, würden sie hingegen über ihre gesamte Lebenszeit einen positiven Beitrag von 121.000 Euro (Facharbeiter) beziehungsweise 639.000 Euro (Ärztin) für die Allgemeinheit leisten.
Bessere Anreize schaffen
"Unsere Berechnung zeigt, wie wichtig es ist, die Abwanderung von Fachkräften zu verhindern", sagte Christian Holzner, Bereichsleiter Sozialpolitik und Arbeitsmärkte am ifo-Institut. Dafür müsse die Politik durch die Gestaltung des Steuer- und Abgabensystems die richtigen Anreize schaffen. "In Anbetracht der zunehmenden Zahl von qualifizierten Auswanderern besteht dafür ein hoher Handlungsbedarf", erklärte er.
Firmen sollen Anreize für Fachkräfte bieten
Nach Ansicht von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) können die Unternehmen die Abwanderung deutscher Fachkräfte ins Ausland selbst stoppen. "Gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte sind unser größter Standort-Vorteil", sagte der Politiker dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Umso wichtiger sei es, gut ausgebildeten Menschen in Deutschland eine Perspektive zu bieten. Dabei sei insbesondere die Wirtschaft in der Pflicht. "Wer seine Mitarbeiter gut behandelt, sie weiterbildet, ordentlich bezahlt und ihnen Freiräume für die Familie lässt, der wird in diesem Wettlauf bestehen können", sagte Scholz.