Aldi führt die Konkurrenz beim Milchpreis vor (Foto: dpa) Nach dem Ende des Lieferboykotts in der letzten Woche schien es so, als hätten sich die Milchbauern gegenüber dem Einzelhandel durchgesetzt. Doch inzwischen rücken Aldi und Co. von der ursprünglich zugesagten Milchpreiserhöhung von zehn Cent pro Liter wieder ab. Großdiscounter Aldi scherte als erster Handelskonzern aus der Front der Einzelhändler aus. Damit hat Marktführer Aldi nach Expertenansicht die Konkurrenz vorgeführt und seine Marktmacht demonstriert.
"Aldi hat damit wieder gezeigt, dass sie sich von der Konkurrenz nicht die Butter vom Brot nehmen lassen", sagte der Discounthandels-Analyst Matthias Queck vom Marktforschungsunternehmen Planet Retail in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Handelsriesen folgen Aldi nur Stunden später
In der letzten Woche war Hauptkonkurrent Lidl im Streit mit den Milchbauern vorgeprescht und hatte Verkaufspreise für Milch um 10 Cent je Liter und für Butter um 20 Cent je Stück erhöht. Dem folgten mit Rewe und Aldi auch die anderen Schwergewichte im Einzelhandel. Aber als Aldi per Anzeigen dann am Dienstag geringere Preiserhöhungen bekanntgab, habe es laut Matthias Queck nur Stunden gedauert, bis mit Edeka ein erster Handelsriese auf die neuen Preise von Aldi eingeschwenkt sei. Auch Lidl hat inzwischen wieder die Milchpreise gesenkt und ist den Vorgaben des Marktführers gefolgt.
Alle halten sich an Aldi-Preise
"Alle halten sich an die Aldi-Preise. Das war schon immer so", schilderte Queck die Vorreiter-Rolle von Aldi bei einer Reihe von Preisen im deutschen Lebensmittelhandel. Bei Milch und Butter könne sich kein anderer Handelskonzern höhere Preise leisten, wenn er auf Dauer im harten Wettbewerb mithalten wolle. "Diese Preise hat der Konsument im Kopf", verdeutlichte der Handelsexperte. Ähnlich sei es bei den Preisen für Kaffee, Mineralwasser und Bier, mit denen die Handelskonzerne häufig werben. Wenn ein Händler als günstig gelten wolle, müsse er im Preiseinstiegssegment mithalten. Anders sehe es mit jenen Produkten aus, die nicht so häufig beworben und gekauft werden. Dort fielen dem Konsumenten Preisunterschiede weniger auf.
Unterbrecher 70-Tage
Signal an die Landwirte und Molkereien
Das Vorgehen von Aldi bewertete der Handelsexperte auch als ein Signal an die Molkereien und Landwirte: "Dass nur der Preis bei Milch und nicht auch der Preis bei Butter erhöht wurde, ist ein klares Signal, dass die ungewöhnlich durchgesetzten Forderungen irgendwo ihre Grenze haben." Aldi hat nach Einschätzung von Queck "gewisse Zugeständnisse" an die Milchbauern gemacht, ohne völlig auf deren Linie einzuschwenken. Der führende Discounter hatte die Preise für Milch um 7 Cent je Liter angehoben, zahlt aber nach eigenen Angaben 10 Cent je Liter mehr an Molkereien. "Die Tatsache, dass Aldi selbst einen Teil der höheren Milch-Einkaufspreise schultert, könnte man als Entschuldigung gegenüber den Kunden für die Preiserhöhung ansehen." Dank effizienter Strukturen könne sich Aldi den Preisspagat leisten.
Milchbauern unzufrieden - neue Proteste?
Die Milchbauern sind mit der jüngsten Preisentwicklung um den Milchpreis unzufrieden. Sie schlossen neue Protestaktionen nicht aus. "Wir fürchten eine Abwärtsspirale beim Preis", sagt Romuald Schaber vom Bundesverband der Milchviehhalter. Vor allem von Aldi, der eine Preiserhöhung für Trinkmilch, nicht aber für Butter und andere Milchprodukte ankündigte, fühle sich der Verband getäuscht. "Wir hatten gehofft, dass die Anfang Mai geschlossenen Milchverträge noch mal neu verhandelt und die Preiserhöhungen auch auf andere Produkte ausgedehnt werden." Schaber schloss neue Boykott-Aktionen und Demonstrationen nicht aus. "Wir lassen uns nicht aufs Kreuz legen", sagte er.
Flexible Steuerung der Milchmenge
Als Ausweg aus der schwierigen Lage am Milchmarkt fordert der Verband eine flexible Steuerung der Milchmenge. "Abhängig von der Nachfrage am Milchmarkt können wir etwa durch Kraftfutterzugabe die Produktion steuern", erläuterte Sehm. Außerdem sollten sich Milchbauern und Molkereien künftig alle zwei Monate zusammensetzen, um zum Beispiel die aktuelle Nachfrage zu klären. Das gebe es derzeit nicht.