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Mitarbeiterführung: Moskauer Unternehmer zwingt Mitarbeiter zu christlichem Lebenswandel

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"Wir werden siegen, Gott ist mit uns"

08.11.2010, 10:57 Uhr | Spiegel-Online, Maxim Kireev

Multimillionär Boiko will christliche Dogmen in seiner Firma durchsetzen. (Foto: Imago)

Multimillionär Boiko will christliche Dogmen in seiner Firma durchsetzen. (Foto: Imago)

Der Moskauer Multimillionär Wassilij Boiko will nicht, dass seine Mitarbeiter in die Hölle kommen. Deshalb verbietet er Scheidungen und Abtreibungen. Doch sein Imperium beruht auf wenig christlichen Geschäften.

Es war einer jener unerträglichen Tage im vergangenen August, als Wassilij Boiko den Untergang Russlands schon vor Augen hatte. Verheerende Feuer verwüsteten ganze Landstriche, und ein dichter Schleier beißenden Rauchs lag über Moskau, herbeigeweht von den brennenden Torffeldern im Umland der Metropole.

"Beten, um Buße zu tun"

"Die Trockenheit und die Hitze sind eine Strafe für die Sünden des russischen Volkes. Wir müssen regelmäßig und aufrichtig beten, um Buße zu tun", schrieb der Multimillionär in einem offenen Brief. Die Zeit sei knapp, schon bald könne das russische Volk vom "Antlitz der Erde verschwinden".

Zweifelhafte Anweisungen an Mitarbeiter

Das nahende Armageddon spürte der Unternehmer, dessen Geschäftsinteressen von der Landwirtschaft über die Baubranche bis zur Atomindustrie reichen, zuerst in den eigenen Kassen. Die Kühe in seinem Molkereibetrieb im Moskauer Umland gaben plötzlich weniger Milch. Boiko beschloss daraufhin, die "geistige Wiedergeburt Russlands" in die eigenen Hände zu nehmen, und verfasste Anweisungen an seine Mitarbeiter:

- Wer verheiratet, aber nicht kirchlich getraut ist, solle die Zeremonie bitte schleunigst nachholen.
- Abtreibungen sind verboten.
- Alle 6000 Angestellten seines Unternehmens müssen Kurse über den christlich-orthodoxen Glauben belegen.
- Wer gegen die Regeln verstößt, wird entlassen.

Vermögen von rund 100 Millionen Dollar

"Meine Mission ist die christliche Auferstehung Russlands", sagt Boiko, "in den Traditionen unserer großen Kultur." Doch sein Vermögen, welches das russische Wirtschaftsmagazin "Finans" auf umgerechnet rund 100 Millionen Dollar schätzt, hat der Geschäftsmann auf nicht sehr christliche Art und Weise angehäuft. Gegen den Unternehmer laufen momentan elf Klagen.

Rekordsumme als Kaution gezahlt

Gern verweist er darauf, dass bisher keine einzige zu einer Verurteilung führte. 2007 und 2008 allerdings verbrachte Boiko wegen des Vorwurfs unrechtmäßiger Landnahme 20 Monate in Untersuchungshaft und kam nur gegen eine Kaution von 1,6 Millionen Dollar auf freien Fuß, eine Rekordsumme in der russischen Rechtsgeschichte.

Boiko ist gelernter Physiker. Seine Unternehmerkarriere begann er kurz nach dem Untergang der Sowjetunion, als er bei seinem Forschungsinstitut kündigte und eine Firma gründete. Er machte Geschäfte mit staatlichen Wertpapieren, sogenannten Vouchers. Anfang der neunziger Jahre verteilte die Moskauer Regierung diese Anteilsscheine an die Bevölkerung - die Bürger sollten so Eigentümer der ehemals staatlichen Betriebe werden.

Feindliche Übernahmen im Auftrag der Oligarchen

Später kaufte Boiko Unternehmensanteile auf, um sie mit Gewinn weiterzuverkaufen. Seine Holding, die er auf den Namen "Ihr finanzieller Treuhänder" taufte, soll immer wieder im Auftrag mächtiger Oligarchen wie Aluminium-Magnat Oleg Deripaska feindliche Übernahmen eingefädelt haben.

Saniert durch Verkauf von Aluminiumhütte in Sibirien

Sein größter Deal aber gelang Boiko mit den Aktien der weltweit größten Aluminiumhütte im sibirischen Bratsk. Über Jahre akkumulierte er Schritt für Schritt ein Viertel der Anteile. Nach eigenen Angaben verdiente er an deren Verkauf rund 150 Millionen Dollar. Später habe er die Prozedur mit einigen anderen Aluminiumhütten wiederholt.

Kein ethisches Geschäftsgebaren

Kritiker werfen Boiko dagegen vor, sein Kapital mit sogenannten Greenmail-Geschäften gemacht zu haben. Dabei kauft der Investor Anteile, um den Eigentümern mit einer feindlichen Übernahme oder einer Blockade in den Entscheidungsgremien der Aktiengesellschaft zu drohen, und sie zu einem Rückkauf der Aktien mit Preisaufschlag zu bewegen. Dieses Geschäftsgebaren ist nicht illegal, aber wenig ethisch und schon gar nicht christlich. Boiko selbst weist alle Vorwürfe zurück. Er habe stets mit ehrlichen Mitteln gearbeitet und sei nur als Zwischenhändler aufgetreten.

Molkereibetrieb gegründet

In echte Schwierigkeiten geriet Boiko erst vor drei Jahren, als er mit seinem Kapital im Moskauer Umland ein kleines christliches Paradies schaffen wollte, das nebenher satte Erträge abwirft. Er kaufte Anteile an früheren sowjetischen Landwirtschaftsbetrieben in der Stadt Ruza, hundert Kilometer westlich von Moskau, auf. Am Ende gehörten ihm 38.000 Hektar Land, eine Fläche beinahe so groß wie der Kleinstaat Andorra. In Ruza gründete er den Molkereibetrieb "Ruzskoe Moloko", dessen Milch mit zwei Euro pro Packung zu den teuersten in Russland gehört.

Wegen Eigentumsbetrug festgenommen

Daneben wollte er Luxussiedlungen, Hotels und einen Golfplatz errichten lassen - eine "Ruzaer Schweiz", wie der Unternehmer sein Projekt nannte. Weil die Eigentumsverhältnisse der Ländereien im Zuge der Privatisierung aber nicht einwandfrei geklärt worden waren, fühlten sich die örtlichen Bauern um ihr Eigentum betrogen und zeigten den Unternehmer an. Eine Sondereinheit der Polizei nahm den Unternehmer fest.

"Wir werden siegen, Gott ist mit uns"

In der Untersuchungshaft hat der Geschäftsmann wohl endgültig seinen Frieden mit Gott gemacht. In einem Brief an seine Mitarbeiter schrieb er aus der Gefängniszelle: "Wir werden siegen, Gott ist mit uns." Die Strafverfolgung sei das Werk böser Geister. "Es war wohl ein Fehler, meine Ländereien auf den Namen der Schweiz zu taufen, schließlich ist das die Heimat des Calvinismus, der weit entfernt ist von Russlands christlich-orthodoxem Glauben", sagte er in einem Interview mit der angesehenen Moskauer Tageszeitung "Kommersant". Zu seiner Freilassung verhalf ihm dann jedoch nicht göttlicher Beistand sondern eine satte Kaution.

Basteln am Heiligenimage

Seitdem bastelt Boiko an seinem Heiligenimage. Wieder auf freiem Fuß ließ er sich amtlich den Zweitnamen "Welikij" (der Große) verleihen, in Anspielung an den Heiligen Wassilij den Großen. Und warum erlässt er dann diese Regeln für seine Angestellten? "Ein heiliger Mann lebt nach Gottes Gesetz, und Menschen, die religiöse Regeln befolgen, sind die besten Mitarbeiter", sagt Boiko. Er wolle nicht, dass seine Mitarbeiter in die Hölle kommen.

Größter Arbeitgeber der Stadt

Im Städtchen Ruza ist er der größte Arbeitgeber, andere Jobs gibt es kaum. Eilig haben es die Beschäftigten mit der kirchlichen Trauung dennoch nicht. Nur zehn Mitarbeiter sind bis zum Verstreichen des Ultimatums Ende Oktober vor den Altar getreten. "Noch ist niemand entlassen worden", sagt ein Unternehmenssprecher. Bisher, so scheint es, übt sich Wassilij Boiko in anderen christlichen Tugenden: in Mitgefühl und Gnade.


Spiegel-Online, Maxim Kireev  

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