07.04.2011, 14:43 Uhr | FTD, Christina Kyriasoglou
Ausländische Mitarbeiter im Mittelstand willkommen. (Foto: imago)
Ob Behördengang oder Wohnungssuche: Betriebe tun viel, um ausländischen Kräften den Einstieg zu erleichtern. Doch auch die Politik ist gefragt.
Evgeny Rachinskiy ist der Traum aller Personaler. Der 29-jährige Russe ist Senior-Software-Entwickler mit einem Bilderbuchportfolio: Einem Informatikdiplom der Universität St. Petersburg, einem Doktortitel und umfassenden Sprachkenntnissen in Deutsch und Englisch. Seit dem Sommer 2009 arbeitet er bei der Heiler Software . Und er ist dort nicht der einzige ausländische Hoffnungsträger: Insgesamt zehn hochqualifizierte Mitarbeiter aus Russland und China hat Rolf Heiler, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Firma, in den vergangenen zweieinhalb Jahren nach Stuttgart geholt. "Die Vielfalt lohnt sich für uns." Im Ausland würden andere Schwerpunkte in der Ausbildung gesetzt. Sie sei etwa in Russland und China viel mathematischer. "So finden die Mitarbeiter manchmal Lösungen für Probleme, auf die wir vorher nicht gekommen sind."
Fachkenntnisse hin, Kreativität her: Leute wie Evgeny Rachinskiy wird die deutsche Wirtschaft in Zukunft in jedem Fall händeringend suchen. Der Grund für die große Nachfrage ist der deutsche Brain Drain: Es wandern mehr gut ausgebildete Menschen aus als ein. So befanden sich unter den mehr als 720.000 Zuwanderern 2009 lediglich 700 Hochqualifizierte. Dass auch der Mittelstand diese auf der Headhunterliste hat und haben wird, belegt eine Studie des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM).
Wer gute Leute gefunden hat, muss dafür sorgen, dass sie auch bleiben. Der Kulturschock für die neuen Mitarbeiter sei erst einmal groß, sagt Klaus Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR). Zwar falle es Hochqualifizierten leichter, sich zu integrieren, aber ein Selbstläufer sei das auch bei ihnen nicht. Die Mitarbeiter bräuchten Hilfe, um sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. "Die Integration darf nicht hinter den Werkstoren aufhören", sagt Bade. Ideal sei ein Mentoringprogramm, bei dem ein Mitarbeiter einzig und allein für die ausländische Fachkraft zuständig ist. "Aber dafür haben Mittelständler schlichtweg nicht genügend Ressourcen."
Doch auch ohne eigenen Integrationshelfer können Firmen viel tun. Oft sind es ganz konkrete Alltagsprobleme, bei deren Lösung sie ihre neuen Mitarbeiter unterstützen können. So hält Heiler für die neuen Kollegen eine Wohnung bereit, in der sie so lange bleiben können, bis sie eine eigene Bleibe gefunden haben. Auch Habermann aus Witten im Ruhrgebiet hilft seinen ausländischen Mitarbeitern bei der Wohnungssuche: In dem Maschinenbauunternehmen wälzt man für die Neulinge so lange Zeitungsanzeigen, bis eine passende Unterkunft gefunden ist. Beide Unternehmen begleiten ihre Mitarbeiter außerdem bei Behördengängen. Sie übersetzen das Beamtendeutsch und erklären, an wen man sich in welcher Angelegenheit wenden muss - etwa um einen Wohnsitz anzumelden oder eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu verlängern.
Ekkehart Fromme, Geschäftsführer der Firma, glaubt an die Integrationskraft mittelständischer Betriebe. "Um die Arbeit zu koordinieren, sprechen sich alle Abteilungen ständig ab." So entstehe automatisch ein enger Kontakt. In dem großen Konzern, in dem er vorher tätig war, sei das nicht so einfach gewesen: "Da gab es nur kleine Teams, die für sich gearbeitet haben. Deswegen war es schwierig, da Leute kennenzulernen." Beide Unternehmen organisieren Sprachunterricht für ihre Zuwanderer. Heiler hat einen Sprachlehrer engagiert, der einmal wöchentlich in den Betrieb kommt. Habermann finanziert ihren Mitarbeitern Deutschstunden bei der IHK oder in der Volkshochschule. Einen Teil der Kosten können die Unternehmen als Weiterbildungsmaßnahme von den Steuern absetzen.
Auch wenn sie nicht von Anfang an perfekt deutsch können: Die Neuen sprechen dafür andere Sprachen. Diese Qualifikation wird für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) immer wichtiger, weiß Volker Wittberg, Leiter des Instituts für den Mittelstand der Fachhochschule des Mittelstands in Lippe. "Deutschland hat noch nie von der Binnenkonjunktur gelebt." Mittlerweile exportiert bereits ein Drittel der deutschen KMU, Tendenz steigend. Im Umgang mit internationalen Handelspartnern spielt nicht nur die Sprache eine große Rolle, sondern auch der gute Ton. "Im Oman darf man zum Beispiel nicht mit der linken Hand essen, weil sie als unrein gilt", sagt Volker Wittberg. "Und in China ist es unhöflich, eine Visitenkarte nicht mit beiden Händen entgegenzunehmen." An dieser Stelle ersparen Mitarbeiter aus den Partnerländern teure Knigge-Seminare für ihre deutschen Kollegen.
Doch viele Hochqualifizierte gehen lieber in die USA oder nach England - und das nicht nur, weil sie ohnehin englisch sprechen. Viele Experten sehen die deutschen Zuwanderungsbedingungen als das eigentliche Problem. Um in Deutschland zu arbeiten, ist ein Marathon durch die Behörden nötig. Ein Hochqualifizierter, der nicht aus der EU oder einem Partnerland wie Neuseeland kommt, braucht zunächst ein Visum. Erst damit kann er in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung plus Arbeitserlaubnis bekommen.
Dafür muss er aber der Ausländerbehörde einen Arbeitsvertrag mit einem Unternehmen, das in Deutschland sitzt, vorlegen. Will das aber weniger als 66.000 Euro brutto jährlich zahlen, bekommt er lediglich eine auf zwei bis drei Jahre befristete Genehmigung. Erst nach fünf Jahren gibt es eine dauerhafte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis - sofern der Hochqualifizierte noch einen Job hat und nicht straffällig geworden ist.
Auch die Praxis bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse erschwert die Einstellung. Die Studie "Perspektive 2025" der Agentur für Arbeit zeigt, dass durch das komplizierte Verfahren viele Potenziale ungenutzt bleiben. Etwa 500.000 Migranten sind wegen ihres nicht anerkannten akademischen Abschlusses arbeitslos gemeldet oder arbeiten in Jobs, für die sie überqualifiziert sind. "Es scheint noch nicht in alle politischen Gremien durchgedrungen zu sein, dass der Kampf um kluge Köpfe entsprechende Bedingungen erfordert", sagt René Leicht vom Institut für Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim.
Die Firma Habermann möchte sich so weit wie möglich von dieser Bürokratie frei machen. Die Hälfte ihrer 25 ausländischen Mitarbeiter hat keinen offiziell anerkannten Abschluss. "Wir testen in den Bewerbungsgesprächen, ob der Mitarbeiter kompetent ist", sagt Personalerin Gabriele Kolberg. Weniger Gehalt bekämen diese Mitarbeiter deshalb nicht. "Für uns sind die Abschlüsse gleich viel wert, egal ob sie in der Ukraine oder anderswo gemacht wurden."
Neben der Anerkennung macht die sogenannte Vorrangsprüfung das Prozedere noch komplizierter. Dabei muss die Agentur für Arbeit erst sicherstellen, dass für eine Stelle kein deutscher Bewerber zu kriegen ist. Erst dann darf ein ausländischer Mitarbeiter eingestellt werden. In ihrer Studie schlägt die Arbeitsagentur deswegen vor, die Vorrangsprüfung bei freien Stellen in Mangelberufen abzuschaffen. Sie empfiehlt auch, wie in den USA und Kanada, ein Punktesystem für Ausbildung, Alter und Sprachkenntnisse einzuführen. Von der erreichten Punktzahl hängt dann ab, ob jemand einwandern darf. Dieses Modell sei transparent und könne somit als Willkommen verstanden werden. Evgeny Rachinskiy wäre froh über so eine Lösung. Er muss noch drei Jahre auf seine uneingeschränkte Aufenthaltsgenehmigung warten. "Die Unsicherheit ist doch immer da."
Quelle: Financial Times Deutschland
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Acht Flaschen 2007er San Martino plus Dekanter jetzt für nur 49,- € statt 78,10 €. von Hawesko
Testsieger-Patronen für Marken-
drucker im TÜV-geprüften Online-
Shop kaufen. mehr
24,6 cm Tablet-PC mit Android 4.0, 1 GHz Prozessor inkl. Ledertasche für nur 229,- €. bei euronics
Für einen klaren Durchblick: Lese-
brillen, Komplettbrillen u.v.m. zu top Preisen! bei optikplus.de
Verpatzter Börsenstart ist der Grund für die Sammelklage. zum Video