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Mittelstand: Nicht in die Korruptionsfalle tappen

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Nicht in die Korruptionsfalle tappen

18.01.2011, 14:24 Uhr | FTD, Friederike Meier-Burkert

Korruption: Nicht nur ein Problem großer Firmen. (Foto: imago)

Korruption: Nicht nur ein Problem großer Firmen. (Foto: imago)

Ob Schmiergelder oder Untreue: Auch in kleineren Unternehmen ist Bestechung verbreitet. Wer sich nicht um Aufklärung bemüht, macht sich strafbar - und muss mit saftigen Geldstrafen rechnen.

Auch Staatsanwälte lesen Zeitung. Damit hatte Eginhard Vietz nicht gerechnet. Mitte August hatte der Hannoveraner Mittelständler in einem Interview allzu offenherzig über Schmiergeldzahlungen gesprochen. Es gebe nun einmal Länder wie Algerien, Ägypten, Nigeria oder Russland, in denen es nicht anders gehe.

Behörden verfolgen jeden Hinweis auf Verstöße

Zehn Tage nach Erscheinen des Interviews stand die Staatsanwaltschaft bei ihm vor der Tür und durchsuchte mit mehr als 20 Beamten sowohl Geschäftsräume als auch sein Privathaus und beschlagnahmte kistenweise Akten. Vietz gab sich überrascht und schwer gekränkt: Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft sei ein Skandal, er fühle sich wie ein Verbrecher und sei komplett am Boden.

Das Beispiel zeigt: Die Behörden meinen es ernst, wenn es um Verstöße gegen geltendes Recht geht. Akribisch wird jeder Hinweis verfolgt. Künftig müssen also nicht nur große Unternehmen wie Siemens und Daimler mit öffentlicher Strafverfolgung rechnen, auch die Geschäfte kleinerer Firmen werden heute weitaus gründlicher durchleuchtet als früher.

Kein Unrechtsbewusstsein

Mittelständler Vietz, der Pipeline-Baustellen auf der ganzen Welt mit Maschinen und Ausrüstungsteilen beliefert, hatte dem Journalisten das Prozedere bei Schmiergeldzahlungen offenherzig, detailgenau und aus eigener Anschauung geschildert: Die Gelder würden an das obere Management im Einkauf gezahlt, meist seien das Beamte, da man in diesen Ländern viel mit Staatsfirmen zu tun habe. Das läuft in der Regel ganz ordentlich. Da kommt dann eine Rechnung, auf der steht: Vermittlungsprovision. "Und dann ist da ein Konto in der Schweiz angegeben, und dahin wird das Geld überwiesen", sagte er.

Von Unrechtsbewusstsein war bei Vietz selbst nach dem Erscheinen der Staatsanwaltschaft nichts zu spüren. Es habe doch niemand einen Nachteil von dem, was er tue, verteidigte sich der Unternehmer, der schon eine Reihe von hochrangigen Politikern auf Auslandsreisen begleitete. Im Übrigen habe er ja nur ausgesprochen, was ohnehin jeder wisse.

Schmiergeldzahlungen inzwischen ein Strafbestand

Dass auch kleinere Unternehmen verstärkt ins Visier der Behörden geraten, hat verschiedene Gründe. Zum einen wurde das Regelwerk in vielen Feldern kontinuierlich verschärft. So waren noch vor 15 Jahren Schmiergeldzahlungen bei Auslandsgeschäften in Deutschland steuerlich absetzbar - seit 2002 sind sie ein Straftatbestand. Zum anderen haben die Finanzkrise und die großen Wirtschaftsskandale der vergangenen Jahre das Interesse an den Umtrieben der Firmenchefs auch in der breiteren Öffentlichkeit geweckt.

Außerdem hat in der deutschen Staatsanwaltschaft ein Generationswechsel stattgefunden: "Die jüngeren Staatsanwälte, die jetzt das Ruder übernehmen, sind bissiger und besser ausgebildet", sagt der Hamburger Rechtsanwalt Malte Passarge, "an vielen Orten wurden gut ausgestattete Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Wirtschaftsstrafsachen gegründet, und auch die Polizei hat in diesem Bereich aufgerüstet."

Immer mehr Kriminalität im Mittelstand

Gleichzeitig werden nach einer Studie des Beratungsunternehmens KPMG gerade auch im deutschen Mittelstand immer mehr kriminelle Handlungen wie Bilanzfälschung, Datendiebstahl, Untreue oder Korruption begangen. In den vergangenen drei Jahren seien 37 Prozent der Unternehmen Opfer solcher Delikte geworden, 2006 waren es nur 25 Prozent. Gerade Mittelständler vertrauten ihren Mitarbeitern zu oft und bauten kaum wirksame Kontrollen ein, sagt KPMG-Experte Frank Hülsberg. So treffe nur ein Drittel der Mittelständler Schutzmaßnahmen für vertrauliche Kalkulationsunterlagen.

Konsequenzen unterschätzt

Kleinere Unternehmen unterschätzen aber nicht nur die Gefahr, Opfer krimineller Handlungen zu werden, sondern auch die möglichen Konsequenzen. Nur 14 Prozent der von KPMG befragten Unternehmen fürchten einen Reputationsschaden. Zu Unrecht, warnt KPMG-Experte Hülsberg: Selbst wenn ein mittelständisches Unternehmen mit einem Korruptionsskandal nicht Schlagzeilen auf der Titelseite einer nationalen Tageszeitung mache, stecke in einer Schädigung der Reputation ein enormes Risiko fürs Geschäft - sei es im kleinen Kreis, in der Branche oder in der Region, unter Lieferanten oder bei Kunden.

Überdies kommen kriminelle Delikte die Unternehmen oft teuer zu stehen. So drohen im Fall Vietz hohe Bußgelder. Aber dabei allein bleibt es nicht: "Der Staat hat die Möglichkeit, Gewinne aus Geschäften, die nachweislich durch Bestechung zustande gekommen sind, nachträglich abzuschöpfen", warnt Christoph Balk, Partner und Compliance-Experte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PKF Fasselt.

Schuld kann nicht auf Mitarbeiter abgewälzt werden

Generell kann kein Unternehmer sich damit herausreden, von den Machenschaften seiner Mitarbeiter nichts gewusst zu haben. "Wenn Angestellte das Gesetz brechen, hätten die Vorgesetzten die Pflicht gehabt, das zu verhindern", erklärt Balk und schildert damit die Rechtsauffassung vieler Gerichte. Deshalb sollten sich unbedingt auch jene Unternehmer mit dem Thema Compliance beschäftigen, die aus eigener Überzeugung stets nach dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns handeln.

"Viele Unternehmer meinen, das kostet nur Geld und bringt nichts"

"Auch wer selbst reinen Herzens ist, weiß nicht immer ganz genau, was sein Einkäufer in China oder sein Vertriebler im Schwarzwald treibt", sagt Rechtsanwalt Passarge. "Leider machen sich die meisten Firmen erst über Compliance Gedanken, wenn schon etwas passiert ist", erzählt Wirtschaftsprüfer Balk. Auch Anwalt Passarge, der sich mit seinem Institut für Compliance im Mittelstand für mehr Aufklärung einsetzt, bedauert: "Viele Unternehmer meinen, das kostet nur Geld und bringt nichts."

Dabei muss man nicht gleich eine ganze Compliance-Abteilung aufbauen oder umfangreiche Regelbücher erstellen, um zumindest ein Minimum an Sicherheit zu gewährleisten. Über die größten Risikofelder im eigenen Haus sollte jeder Unternehmer sich allerdings gelegentlich Gedanken machen. "Wir würden uns zunächst einen Überblick über die Prozesse verschaffen und versuchen, die wichtigsten Risiken zu identifizieren", wirbt Balk. "So etwas kann man auch schrittweise beginnen, zum Beispiel in einer Abteilung, wo man schon länger ein ungutes Gefühl hat." Sinnvoller als umfängliche Compliance-Richtlinien, die sowieso keiner lese, seien Regelungen, die direkt in Arbeitsprozesse einfließen.

Trotz Compliance nicht gegen alle Risiken gefeit

Klar ist, auch Unternehmen, die sich intensiv mit Prävention und Compliance beschäftigen, sind nicht gegen alle Risiken gefeit. "Aber im Ernstfall stehen Firmen besser da, die nachweisen können, dass sie vorgesorgt haben", sagt Balk. Und in manchen Branchen wird das Thema Compliance auch schon von den Unternehmen selbst vorangetrieben. So verlangen einige Automobilkonzerne von ihren Zulieferern den Nachweis über interne Compliance-Richtlinien.


Quelle: Financial Times Deutschland

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