12.01.2011, 11:23 Uhr | Merle Schmalenbach, FTD
Nachhaltigkeit als positive Visitenkarte der Firmen. (Foto: imago)
Immer mehr Mittelständler veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte und dokumentieren so ihr soziales und ökologisches Engagement. Der Aufwand lohnt sich.
Jedes Jahr stochert Thomas Weiß in den Problemen seines Unternehmens herum: Lagerplatzmangel? Eine stromfressende Abfüllanlage? Thomas Weiß notiert alles, am Ende veröffentlicht er die Fakten - für jedermann zugänglich im Internet. Der Umweltwissenschaftler ist verantwortlich für die Nachhaltigkeitsberichte der Neumarkter Lammsbräu, einer Ökobrauerei in der Oberpfalz.
Die Berichte sind zumeist 50 Seiten stark, in ihnen beleuchtet Thomas Weiß selbstkritisch, welche Erfolge sein Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit verbuchen kann - und wo es noch hapert. "Es ist wichtig, dass man den Menschen nichts vorgaukelt", sagt er. Die Strategie zahlt sich aus: Der Mittelständler ist zum Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeitsberichten geworden.
Großkonzerne sind längst dazu übergegangen, ihr soziales und ökologisches Engagement in Nachhaltigkeitsberichten darzustellen. Neu ist, dass es nun auch Mittelständler tun.
Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und der Verein Future riefen 2009 erstmals mittelständische Unternehmen dazu auf, ihre Nachhaltigkeitsberichte für ein Ranking einzuschicken. Die Resonanz war jedoch gering: Nur 46 Firmen reagierten. "Viele Mittelständler haben zwar das Bedürfnis, einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen, wollen damit aber nicht primär in den Wettbewerb gehen", sagt Jana Gebauer, zuständige IÖW-Mitarbeiterin.
Auch Professor Stefan Schaltegger, Experte für Nachhaltigkeitsmanagement an der Leuphana Universität Lüneburg, hat beobachtet, dass viele Firmen das Thema Nachhaltigkeitsbericht zurückhaltend behandeln: "Viele wollen sich nicht zu stark aus dem Fenster lehnen. Sie haben oft Angst, dass ihr Engagement zu kritisch beäugt wird." Andere verzichteten ganz auf einen Nachhaltigkeitsbericht, da ihnen der Aufwand zu groß sei: "Man braucht Leute, die sich spezifisch darum kümmern. Es ist eine Frage der Ressourcen", sagt Schaltegger.
Die Ökobrauerei Neumarkter Lammsbräu hat gerade mal 93 Mitarbeiter - es fällt also ins Gewicht, wenn sich dort ein Mitarbeiter wochenlang mit einem Nachhaltigkeitsbericht beschäftigt: Weiß muss für den Bericht viele Gespräche führen, Daten erheben und Themen bewerten. Der Umweltwissenschaftler aber ist davon überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt: "Der Nachhaltigkeitsbericht ist Teil unserer Unternehmenskultur", sagt er. Die Berichte haben zudem einen positiven Imageeffekt: Im IÖW-Ranking landete die Biobrauerei auf dem zweiten Platz, außerdem gewann sie den Deutschen Umwelt Reporting Award und den European Sustainability Reporting Award.
Nachhaltigkeitsberichte werden in erster Linie von den Mitarbeitern und Kunden gelesen, sie können aber auch für umweltbewusste Investoren und Versicherungen interessant sein. Für Weiß sind die Berichte zur Visitenkarte der Firma geworden: "Wir haben Fans, die die Berichte regelmäßig lesen." Ein weiterer Vorteil: Nachhaltigkeitsberichte stoßen intern oft Prozesse an und fördern das Nachdenken über das eigene Unternehmen.
Die Qualität mittelständischer Nachhaltigkeitsberichte ist offenbar gut: "Die von uns ausgezeichneten Top-Berichte der Mittelständler können es ohne Weiteres mit den Top-Berichten von großen Unternehmen aufnehmen", sagt IÖW-Mitarbeiterin Gebauer. Die meisten der eingeschickten Nachhaltigkeitsberichte stammen von inhabergeführten Familienunternehmen, Themenschwerpunkte sind die ökologische Produktverantwortung, die Mitarbeiterorientierung sowie die Themen Klimawandel, Energieeffizienz und Werteorientierung.
"Ich persönlich empfehle jedem Unternehmen, seine Nachhaltigkeitsleistungen zu kommunizieren, es hat eine positive Wirkung", sagt auch Lothar Hartmann, Nachhaltigkeitsmanager bei der Gesellschaft Memo, einem Schnellversand, unter anderem für Büromaterial. Für ihre Berichte wurde Memo mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem ersten Platz des IÖW-Rankings für kleine und mittlere Unternehmen. Der aktuelle Bericht ist 44 Seiten stark, er gibt Auskunft zu ökologischen Themen, aber auch zu Gehältern, Mitarbeiterzufriedenheit und Gesundheitsschutz. Der Umfang der Berichte spielt aber nur eine nebengeordnete Rolle: "Man sollte sich von größeren Berichten nicht ins Boxhorn jagen lassen", rät Weiß, "sondern einfach loslegen".
Quelle: Financial Times Deutschland
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