29.03.2011, 17:14 Uhr | dpa-tmn
Gesundheitswesen sucht neue Mitarbeiter. (Foto: imago)
Die Gesundheitsbranche sucht händeringend neue Mitarbeiter. Krankenhäuser und Praxen fehlen längst nicht mehr nur Ärzte und Pfleger. Zukünftig sind auch ganz neue Berufe gefragt - zum Beispiel Patienten-Manager. Wir erklären Ihnen, wo die besten Jobchancen liegen.
Die Prognosen sehen düster aus: In den kommenden zehn bis 20 Jahren werden zig tausend Fachkräfte im Gesundheitssektor fehlen. Die Nachfrage nach Ärzten und Pflegepersonal wird das Angebot deutlich übersteigen. Viele fürchten, dass die Versorgung schlechter wird. Das bedeutet aber auch: Für Einsteiger sind die Jobchancen im Gesundheitsbereich bestens. Und auch denen, die schon jetzt in einem medizinischen Beruf arbeiten, eröffnen sich neue Aufstiegschancen.
"Der Fachkräftemangel ist bei weitem größer, als wir das befürchtet haben", sagt Harald Schmidt, Gesundheitsexperte bei Pricewaterhouse Coopers (PwC). Nach Berechnungen des Beratungsunternehmens werden in knapp 20 Jahren fast eine Million Fachkräfte im Gesundheitsbereich fehlen. "Zwischen 2020 und 2030 wechseln die Babyboomer-Jahrgänge die Fronten. Sie sind dann nicht mehr Anbieter von Gesundheitsleistungen, sondern werden Nachfrager." Qualifizierte Fachkräfte verlassen also den Gesundheitssektor - und der wird gleichzeitig stärker nachgefragt.
Laut einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts aus dem vergangenen Jahr werden bis 2019 sogar 139.000 neue Ärzte gebraucht. Und einer jüngsten Befragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund zufolge fehlen den Kliniken schon jetzt rund 12.000 Ärzte. Im Schnitt seien 1,5 Arztstellen pro Klinikabteilung unbesetzt. Nach Zahlen von PwC fehlen im Jahr 2020 fast 56.000 Ärzte, und dazu kommen weitere 140.000 Fachkräfte im nicht-ärztlichen Bereich.
Für Schulabgänger mit Interesse an einem medizinischen oder pflegerischen Beruf eröffnen sich dadurch sehr gute Jobchancen. "Im Gesundheitssektor wird eigentlich jede Fachkraft gebraucht", sagt Arbeitsmarktexpertin Judith Wüllerich von der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. In ländlichen Regionen fehle es bereits vor allem an Hausärzten.
"Besonders in spezialisierten Praxen wird Personal gebraucht", erklärt Sabine Ridder, Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe. Wer beispielsweise eine Weiterbildung im Bereich Endoskopie oder ambulantes Operieren absolviert hat, ist auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Auch Praxis-Manager, die den niedergelassenen Ärzten administrative Aufgaben abnehmen, haben gute Jobaussichten.
Neue Berufe entstehen auch in den Krankenhäusern: Case-Manager übernehmen die komplette Organisation von der Patientenaufnahme bis zur Entlassung. Gefäßassistenten entlasten Ärzte in der Gefäßchirurgie und operationstechnische Assistenten übernehmen während den OPs teils ärztliche Aufgaben. Mehr als die Hälfte der Ärzte braucht nach Zahlen des Marburger Bundes täglich mehr als zwei Stunden für Papierkram. "Ärzte sollen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren", sagt Ralf Neiheiser von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) in Berlin.
Das Personal in den Krankenhäusern spezialisiert sich ebenfalls. "Das fängt bei sechs Monate langen Weiterbildungen an und hört beim Bachelor- und Masterstudium auf", sagt Neiheiser. Waren die Aufstiegschancen für Krankenschwestern und -pfleger früher eher begrenzt, sind sie heute deutlich besser.
Noch nicht alle Weiterbildungen sind bisher staatlich anerkannt oder bundeseinheitlich geregelt. Für viele hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft aber Empfehlungen verfasst. Wer bereits eine Ausbildung absolviert hat und sich weiterbilden möchte, sollte deshalb mit der Personalabteilung des eigenen Krankenhauses sprechen und die Empfehlungen der DKG studieren.
Wer einen Beruf in der Gesundheitsbranche wählt, darf sich aber keine Illusionen machen: Aufgrund des zu erwartenden Fachkräftemangels müssen sich Arbeitnehmer und Selbstständige auf eine hohe Arbeitsbelastung einstellen. Schon jetzt sei sie unter Klinikärzten teilweise "unerträglich hoch", so der Marburger Bund. "In den Krankenhäusern werden die Schwestern im Jahr 2030 durchschnittlich 60 Stunden in der Woche arbeiten müssen, wenn die Versorgungsqualität nicht absinken soll", sagt Harald Schmidt von Pricewaterhouse Coopers.
Hohe Gehälter bleiben wohl den Ärzten vorbehalten. Die Löhne werden sich nach Expertenmeinung kaum ändern - denn der Kostendruck wird bleiben. "Mehr Geld wird es für das Gesundheitssystem insgesamt nicht geben", sagt Schmidt. Um die steigende Nachfrage dennoch bewältigen zu können, ohne 60 Stunden in der Woche zu arbeiten, müssten die vorhandenen Ressourcen "intelligenter eingesetzt werden". Experten sehen deshalb gute Chancen für sogenannte Medizinische Versorgungszentren, gerade in ländlichen Gebieten. Sie sollen Kliniken und Einzelpraxen künftig ersetzen und Ressourcen bündeln.
Quelle: dpa-tmn
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