18.02.2010, 12:34 Uhr | Financial Times Deutschland
Iran-Unruhen: Angst vor Förderausfall (Quelle: Reuters)Geopolitik spielt an den Rohstoffmärkten momentan keine Rolle. Das könnte sich aber durch die Unruhen im Iran nach der Präsidentenwahl ändern. Schließlich ist das Land nach Saudi-Arabien der wichtigste Förderer in der OPEC- und mit Abstand der spendabelste.#
Die Unruhen im Iran nach der Präsidentenwahl hatten auch die Akteure auf dem Ölmarkt in Atem. Zwar fiel der Ölpreis am Montag wegen des stärkeren Dollar unter die Marke von 71 Dollar, Händler wiesen jedoch daraufhin, dass eine Verschärfung des Konflikts die Notierungen antreiben könnte. "Die Situation im Iran stützt potenziell den Preis. Es stellt ein geopolitisches Risiko dar, dass es zu beachten gilt", sagte Tony Nunan, Risikomanager bei Mitsubishi Corp. in Tokio, einem großen japanischen Handelshaus. Der Ölpreis fiel um 81 Cent auf 71,23 Dollar je Barrel (159 Liter).
Nach Saudi-Arabien größter Förderer
Der Iran ist mit einer Förderung von 3,72 Millionen Barrel täglich nach Saudi-Arabien der wichtigste Produzent in der Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC). Gerade jetzt spielt Teheran eine große Rolle: Das Land hält sich nicht an Vereinbarung des Kartells, den Ausstoß gegenüber September um 4,2 Millionen Barrel täglich zu drosseln.
Iran ist für 35 Prozent der Überproduktion verantwortlich
Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur setzt es die Kürzung nur zu 32 Prozent um - und ist für 35 Prozent des Überangebots der OPEC verantwortlich. Insgesamt pumpten die OPEC-Staaten - Irak nicht mitgerechnet - im Mai 25,96 Millionen Barrel pro Tag. Insgesamt hat die OPEC die Kürzung damit zu 74 Prozent umgesetzt. Iranisches Öl ist auf den Weltmärkten gefragt. Im Spothandel kletterte der Preis für schweres iranisches Öl im Mai um 6,70 Dollar auf 55,76 Dollar. Normalerweise gibt es große Abschläge zwischen leichten und schweren Sorten, da erstere von den Raffinerien besser verarbeitet werden können. Aufgrund der OPEC-Kürzungen notieren jedoch einige schwere Sorten teilweise über leichten. Das ist beispielsweise bei Dubai-Öl der Fall.
Dollar wichtiger als geopolitische Risiken
Geopolitische Risiken spielen derzeit eine untergeordnete Rolle. Entscheidend für die Ölpreisentwicklung ist zum einen die Hoffnung auf eine Erholung der Weltkonjunktur, zum anderen der Dollar-Kurs. Finanzinvestoren strömen derzeit in Rohstoffe, um sich gegen Inflation und einen Dollar-Verfall abzusichern. In den vergangegen vier Monaten legte der CRB-Rohstoffindex um 30 Prozent zu.
Kupfer, Benzin und Rohöl gefragt
Besonders gesucht sind Kupfer, Benzin und Rohöl. Die drei Rohstoffe waren 2008 noch die größten Verlierer: "Das ist keine große Überraschung. Die Theorie der Behavioural Finance sagt uns, dass die Investoren übertrieben optimistisch mit Anlagenklassen umgehen, die zu den Gewinnern in der Vergangenheit gehören und umgekehrt. Historisch schnitten Portfolios, die große Verlierer enthielten, besser ab als Portfolios mit ehemaligen Gewinnern", sagte Michael Lewis, Leiter Rohstoffresearch der Deutschen Bank.
Netto-Kaufoptionen sind gestiegen
Laut der US-Terminbörsenaufsicht CFTC erhöhten große Spekulanten in der vergangenen Woche ihre Netto-Kaufpositionen bei Rohöl - Swaps und Optionen mitgerechnet - um 19 Prozent. Mit 117.994 halten Akteure insgesamt an der New Yorker Nymex so viel Kaufkontrakte netto wie seit Anfang Februar nicht mehr. Von dem Rekordhoch von 169.966, das Ende Juli 2008 erreicht wurde, sind sie aber noch weit entfernt: "Der Markt ist überkauft. Aber es ist nicht extrem", sagte Tim Evans, Analyst bei Citi Futures Perspectives.
Rebellenangriffe in Nigeria
Die aktuelle Dominanz der Dollar-Thematik könnte nach Einschätzung von Experten wieder enden. "Ich bin überrascht, dass die Unruhen im Iran keinen größeren Einfluss haben", sagte Clarence Chu, Händler bei Hudson Capital Energy in Singapur. "Momentan zuckt der Markt noch mit den Schultern. Sollte sich die Lage indes zuspitzen, könnte das den Fall des Ölpreises stoppen", sagte Edward Meir, Analyst beim Brokerhaus MF Global. Neben dem Iran gibt es auch Konflikte in Nigeria. Eine militante Gruppe teilte am Montag mit, eine Pumpstation im nigerianischen Delta sabotiert zu haben. "Die Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen im Iran und die Bombenanschläge auf die Öleinrichtungen in Nigeria sind derzeit eine explosive Mischung für den Ölmarkt", sagte Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg.