Ölpreise fallen stark, Benzin aber noch teuer - warum?
07.10.2008, 12:41 Uhr | mmr
Zapfpistole an einer Tankstelle (Foto: ddp)Die Benzinpreise in Deutschland haben sich trotz deutlich gesunkener Ölpreise in dieser Woche bisher kaum verändert. Die Autofahrer müssen gegenwärtig im bundesweiten Durchschnitt 1,49 Euro für einen Liter Benzin und 1,39 Euro für Diesel bezahlen, teilten Sprecher der Mineralölwirtschaft am Mittwoch in Hamburg und Bochum mit. "Die Entlastungen beim Einkauf von Benzin und Diesel sind voll an die Kunden weitergegeben worden", sagte Detlef Brandenburg vom Branchenführer Aral.
Die Preisspitze wurde in diesem Jahr am 4. Juli erreicht, als ein Liter Superbenzin im Tagesdurchschnitt bei Aral 1,593 Euro kostete. Das Barrel Rohöl der Nordsee-Sorte Brent kostete an diesem Tag 144,40 Dollar, das waren 57,90 Eurocent je Liter. Am 2. September kostete der Sprit dagegen 1,493 Euro je Liter, also zehn Cent weniger. Im gleichen Zeitraum verbilligte sich Rohöl auf 107,70 US-Dollar je Fass, das sind 46,73 Eurocent je Liter. Der Rückgang beim Rohöl war also um einen Cent je Liter ausgeprägter als der Rückgang des Benzinpreises an der Zapfsäule.
Rotterdamer Preise maßgeblich
"Nun tanken wir aber nicht Rohöl, sondern Benzin", erläuterte Brandenburg. Maßgeblich seien letztlich die europäischen Produktmärkte in Rotterdam. Hier verbilligte sich der Liter Superbenzin seit dem Spitzenpreis am 4. Juli um 8,5 Cent je Liter; an der Tankstelle waren es 10 Cent. Beim Diesel gingen die Einkaufspreise um 14,3 Cent zurück, die Verkaufspreise an der Zapfsäule um 15 Cent von 1,54 auf 1,39 Euro je Liter. Die Produktmärkte entwickelten sich zwar mittel- und langfristig wie der Rohölmarkt, kurzfristig könne es aber durchaus abweichende Tendenzen aufgrund aktueller Marktereignisse geben.
Im Jahresvergleich noch sehr hoch
Verglichen mit dem Stand vor einem Jahr sind die Preise immer noch sehr hoch. Im August 2007 kostete Benzin knapp 1,35 Euro und Diesel weniger als 1,16 Euro je Liter. Die Rohölpreise allerdings standen damals mit etwa 75 Dollar pro Barrel WTI-Öl noch viel niedriger. Am Mittwochnachmittag kostet ein Fass amerikanisches WTI-Öl am Terminmarkt rund 108 Dollar.
Autoverbände kritisieren
Die deutschen Autoverbände haben die trotz gesunkener Ölpreise anhaltend hohen Benzinkosten in Deutschland scharf kritisiert. "Ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass steigende Ölpreise sehr schnell an den Autofahrer weitergegeben werden, aber bei fallenden Preisen dies nicht der Fall ist", sagte ADAC-Präsident Peter Meyer der "Bild"-Zeitung. Auch der Auto Club Europa (ACE) griff die Tankstellen-Konzerne an: Der verkehrspolitische Sprecher des ACE, Matthias Knobloch, sagte dem Blatt: "Die Ölmultis nutzen ihre Monopolstellung einfach aus und fahren gigantische Rekordgewinne auf Kosten der Autofahrer ein."
Fallender Euro macht Rohöl für Europäer teurer
Ein Grund für die vermeintlich paradoxe Benzinpreis-Entwicklung an den Tankstellen ist das Wechselkurs-Verhältnis vom Euro zum US-Dollar. Da Rohöl in US-Dollar gehandelt wird, verteuern sich bei einem niedrigeren Euro die Preise für europäische Abnehmer. Höhere Preise drücken gleichzeitig auf die Nachfrage, was Rohöl auf Dollar-Basis verbilligt. Der Euro-Kurs erreichte am Mittwoch bei 1,44 Dollar den tiefsten Stand seit Januar. Ende August stand die Gemeinschaftswährung noch bei 1,48 und Mitte Juli bei 1,59 Dollar. Damals hatten die Rohöl-Preise bei 147 Dollar ihre Höchststände erreicht.
Zwei Tage vom Terminmarkt bis zur Tankstelle
Hinzu kommt, dass die Rohöl-Preise am Terminmarkt, also an der Börse gemacht werden. Nur mit Verzögerung wirken sich die aktuellen Rückgänge auch am Rotterdamer Spotmarkt aus. Eine weitere Verzögerung ergibt sich durch die Weitergabe der Preise an die Tankstellen. Oft vergehen bis zu drei Tage, bis ein "Termin-Preisrutsch" an den Tankstellen ankommt. Experten sehen darin auch die Begründung, dass die Spritpreise zuletzt gestiegen sind. Denn vor dem vergangenen Wochenende stiegen die Rohöl-Preise noch wegen der befürchteten Auswirkungen von Hurrikan "Gustav". Größere Schäden hätten das Angebot verringert: Bei gleichbleibender Nachfrage steigen dann die Preise, so die marktwirtschaftliche Theorie.
Sprit wird wohl billiger
Noch in dieser Woche sollten die Benzin- und Diesel-Preise aber ein paar Cent sinken. Allerdings werden sie wegen des aktuell schwächeren Euro-Kurses nicht um acht Prozent wie die Rohöl-Preise fallen, was etwa 12 Cent pro Liter entspräche. Gut zwei Prozent frisst die Wechselkurs-Entwicklung. Bleiben etwa sechs Prozent (oder 9 Cent).
Steuer-Anteil bleibt unverändert
Hinzu kommt, dass nur ein kleinerer Teil unseres Benzinpreises am Ölmarkt gemacht wird. Mehr als 60 Prozent des Benzinpreises entfallen auf Steuern, die in den vergangenen zehn Jahren mehrfach kräftig angehoben wurden. Von den seit Montag gesunkenen Rohöl-Preisen müssten die Autofahrer noch in dieser Woche also um etwa vier Cent pro Liter Sprit entlastet werden.
Noch keine Entwarnung
Für die erwähnten vier Cent Preisrückgang müssen auch die Terminmärkte mitspielen und nicht zwischenzeitlich wieder höhere Preise ermitteln. Denn jederzeit könnte ein neuer Hurrikan die Ölpreise wieder nach oben treiben. So hält auch Energieexperte Michael Wittner von der Société Générale eine grundsätzliche Entwarnung nach dem relativ glimpflich verlaufenden "Gustav" für verfrüht: "Die Hurrikan-Saison dauert noch einen Monat, weitere Schläge sind zu befürchten." Der Konflikt zwischen Russland und Georgien ist unterdessen angesichts des Hurrikans in den Hintergrund getreten, sagte Commerzbank-Experte Carsten Fritsch. Auch eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und der EU könnte den Ölpreis aber wieder nach oben treiben.