06.08.2008, 07:13 Uhr | Financial Times Deutschland
In der Kritik: Siemens-Chef Peter Löscher (Foto: ddp)Mit den Klagen gegen ihre Vorgänger wollen sich die Siemens-Chefs Peter Löscher und Gerhard Cromme als Erneuerer profilieren. Doch intern wächst die Kritik am Vorgehen der Konzern-Spitze. Mit ihrem Führungsstil stürzen sie den Konzern in die Identitätskrise. #
Am Pranger: illegale Praktiken der ehemaligen Vorstände
Die Ächtung trägt eine harmlose Überschrift: "Notiz". Auf 56 Seiten empfiehlt die Anwaltskanzlei Hengeler Mueller dem Siemens-Aufsichtsrat, sämtliche elf Zentralvorstände der Jahre 2003 bis 2006 auf Schadensersatz zu verklagen, darunter die früheren Vorstandschefs Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld. Sie seien allesamt Täter oder Mitwisser, dies gehe aus den internen Ermittlungen hervor. "Vor dem Hintergrund illegaler Geschäftspraktiken und umfangreicher Bestechungen" hätten sie ihre Aufsichtspflichten verletzt.
Alles neu bei Siemens
Das Gutachten passt der neuen Siemens-Spitze voll ins Konzept. Von Anfang an haben sich der Vorstandsvorsitzende Peter Löscher und sein Chefaufseher Gerhard Cromme als Erneuerer präsentiert. Sie haben die alten Manager für ihre illegalen Praktiken gerügt. Haben Aufpasser in aller Welt installiert. Haben dem Konzern eine neue Struktur verpasst. Nun verklagen sie die alten Chefs - und gehen dabei noch über den Rat des Gutachters hinaus: Siemens kündigt die Beraterverträge der Ex-Vorstände, löst deren Büros auf, streicht Dienstwagen. Ein Novum in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Aktionismus dient eigener Sache
Härter kann man mit der Vergangenheit nicht brechen. Mehr kann man nicht tun, um die US-Börsenaufsicht SEC milde zu stimmen, um sie vielleicht doch noch von einer Milliardenstrafe abzubringen. Und eigentlich müsste das Lob für die guten Taten groß sein. Wären da nicht zwei Dinge: Der Aktionismus des Führungsduos dient auch der eigenen Sache. Und mit dem Beseitigen der alten Firmenkultur sind die beiden so beschäftigt, dass sie vergessen eine neue Identität aufzubauen.
Auffällige Häufung von Korruptionsfällen
So mancher aus der früheren Führung hält Crommes Agenda für bloße PR. Der ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef, der von 2005 bis 2007 im Siemens-Kontrollgremium Vorsitzender des Prüfungsausschusses war, wolle von eigenem Versagen ablenken und seine Macht bei Siemens zementieren, heißt es von Seite der Ehemaligen. "In seiner Zeit an der Spitze des Prüfungsausschusses häuften sich die Einzelfälle", sagt ein hochrangiger Ex-Manager. "Der Prüfungsausschuss bekam jedes Quartal eine dicke Liste mit möglichen Korruptionsfällen." Wirklich dagegen vorgegangen sei Cromme aber nicht. Allerdings widersprechen die internen Ermittler der US-Kanzlei Debevoise & Plimpton diesen Vorwürfen. Nach derzeitigem Kenntnisstand lege nichts die Vermutung nahe, "dass der Prüfungsausschuss die berichteten Verstöße in irgendeiner Weise geduldet hätte". Für die Kanzlei ist der Auftrag der mit Abstand lukrativste ihrer Firmengeschichte.
Alles nur eine PR-Aktion?
Objektiv merkwürdig ist zumindest das Timing der Klagen. In der Regel hat bei Ermittlungen die Strafjustiz Vorrang, erst dann werden Zivilklagen verhandelt, in diesem Fall also die Schadensersatzklagen gegen die Ex-Vorstände. Und so wird nach dem großen PR-Schlag wahrscheinlich erst mal nichts weiter passieren. "Es hat momentan den Anschein, dass Siemens aus Imagegründen voreilig handelt - getrieben vom Kampf mit der SEC, den das Unternehmen aktuell ausficht", sagt Rechtsanwalt Hans-Hermann Aldenhoff aus der Kanzlei Simmons & Simmons.
Erstaunlich ist auch, dass Cromme und Löscher nur gegen die Konzernprominenz vorgehen. Im April hatte der Aufsichtsrat den Vorstand ausdrücklich "gebeten" zu untersuchen, ob Ansprüche gegen hochrangige Mitarbeiter und Bereichsvorstände durchsetzbar seien. Eine Reihe von ihnen hat gegenüber der Staatsanwaltschaft sogar schon Geständnisse abgelegt, darunter der Finanzchef der Festnetzsparte ICN, Michael Kutschenreuter. Doch schwer belastete Bereichsvorstände sind von der großen Aufräumaktion bislang verschont geblieben. "Wir prüfen", antwortet Löscher lapidar auf die Frage nach Schadensersatzklagen auch auf dieser Ebene. Einen Hinweis darauf, dass manchem Bereichsvorstand eine Schuld leichter nachzuweisen sei als Zentralvorständen, lässt er unkommentiert. "Wir prüfen", wiederholt Löscher mit etwas mehr Schärfe in seiner Stimme.
Ex-Konzernspitze bei Angestellten beliebter
Die Demontage der Ex-Chefs ist nicht ohne Risiko. So ist von Pierer, genannt "Mr. Siemens", bei vielen Mitarbeitern weiter hoch angesehen, besonders in Erlangen, seiner Geburtsstadt und dem wichtigsten Standort. Von Pierer sei ein Manager mit Herz gewesen, habe die Nähe zu den Angestellten gesucht, heißt es immer wieder. Löscher dagegen haue nur drauf.