
23.02.2011, 15:49 Uhr | Financial Times Deutschland
Mit RNA-Interferenz können Gene einfach abgeschaltet werden (Foto: imago) (Quelle: imago)
Die Entdeckung der RNA-Interferenztechnik löste vor wenigen Jahren Milliardeninvestitionen aus. Doch noch immer warten Pharmakonzerne vergeblich auf lukrative Produkte – und wenden sich von der Wunderentdeckung ab.
Der größte Pharmakonzern der Welt lässt eine nobelpreisgekrönte Technologie fallen - und kaum einer guckt hin. Kein Wunder. Pfizer kündigte Anfang des Monats an, seine Forschungsausgaben von über 9 Milliarden Dollar mal eben auf 6,5 Milliarden Dollar zu kürzen. Was ist da schon ein gestrichener Forschungsstandort mit 100 Mitarbeitern? Nun, für einen der größten Medizinhypes der letzten Jahre ist es ein weiterer Hieb in einer ganzen Serie von Rückschlägen. Die nobelpreisgekrönte RNA-Interferenz-Technik (RNAi), so scheint es, fällt dem Sparzwang von Big Pharma zum Opfer.
2006 gewinnen Andrew Fire und Craig Mello den Nobelpreis für ihre Entdeckung, dass der mit DNA verwandte Botenstoff RNA Gene ein- und ausschalten kann. Theoretisch könnten sämtliche mit Krankheiten verbundene Gene mit einem Schnipsel doppelsträngiger RNA ausgeschaltet werden. Die großen Pharmakonzerne sind elektrisiert: Roche baut in Kulmbach einen Technologiepark und steckt eine Milliarde Dollar in eine Kooperation mit der RNAi-Firma Alnylam. Novartis investiert 700 Millionen Dollar in das US-Biotechunternehmen. Merck kauft für über eine Milliarde Dollar Sirna; auch Pfizer, GlaxoSmithKline und AstraZeneca machen dreistellige Millionendeals.
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Doch bisher ist die erhoffte Fülle vermarktbarer Medikamente ausgeblieben, der Enthusiasmus der großen Pharmafirmen verfliegt. Roche verkündet im November 2010, das Zentrum in Kulmbach zu schließen. Novartis lässt das Kooperationskommen mit Alnylam still auslaufen. Nun zieht sich sogar Pfizer zurück.
Die Forschergemeinde ist schockiert. "Gerade in den letzten ein, zwei Jahren dachten wir: Jetzt werden endlich die entscheidenden Fortschritte gemacht", sagt Jörn Erselius, Geschäftsführer der Technologie-Transfer-Gesellschaft Max-Planck-Innovation, die auch für Alnylam forscht. Zu lösen gilt es vor allem ein Problem: die Botenstoffe an die Stelle im Körper zu bringen, wo sie wirken sollen.
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"Wenn man etwas so Umwälzendes entdeckt, träumen die Leute manchmal von zu großen Dingen", erklärt sich Andrés McAllister, Forschungsvorstand beim Schweizer Pharmaunternehmen Debiopharm, die Wende. Seine Firma hat vorletzte Woche den Kauf der RNAi-Firma Marina Biotech verkündet. Debiopharm will sich auf ein einzelnes Feld konzentrieren, bei dem sich der Transport der Wirkstoffe erübrigt: die Behandlung von oberflächlichem Blasenkrebs. Ist der Tumor erst operativ entfernt, soll das Präparat direkt in die Blase gegeben werden. "So etwas in der Art machen auch andere, die an RNAi noch dran sind", so McAllister.
Den großen Konzernen sind solche Nischen offenbar nicht genug, um hohe Investitionen zu rechtfertigen. Man konzentriere sich nun "auf die größten Hoffnungsträger und Therapiegebiete mit dem größten medizinischen Bedarf", sagt ein Pfizer-Sprecher. Im Fall des Schweizer Konzerns Roche, der Tausende Stellen streicht, mutmaßt Erselius: "RNAi könnte schon der Strategie der Pharmaunternehmen zum Opfer gefallen sein, sich auf Entwicklungen in späteren Phasen zu konzentrieren."
Für Anton Gueth, Analyst bei Life-Science-Spezialist Burrill & Company, wiederholt sich gerade die Geschichte. Ab Mitte der 70er-Jahre hätten die Konzerne von patentgeschützten Blockbuster-Medikamenten profitiert und viel in eigene Forschung investiert. "Dieser Zyklus kommt jetzt ans Ende, und wir sind wieder da, wo wir damals waren. Die Grundlagenforschung wandert zu einem größeren Teil wieder in die Universitäten", sagt Gueth. Am Ende sieht er die RNAi-Technologie damit aber noch nicht - ebenso wenig wie Erselius. Der Wissenschaftler sorgt sich zwar, dass die Abnehmer für seine Technologien wegbrechen. Er gesteht aber zu: "Alle großen Pharmafirmen denken über neue Formen der Kooperation mit akademischen Forschungseinrichtungen nach und wollen da auch mehr Geld reingeben." Außerdem sei die Industrie selbst viel offener geworden, was ihre eigene Forschung angehe.
Roche bestreitet gar, überhaupt zu sparen. "Unser Gesamtinvestment für Forschung und Entwicklung wird dieses Jahr nicht wesentlich unter dem letztem Jahr liegen", sagt eine Sprecherin. Auch frühen Forschungsphasen wolle man sich verstärkt widmen - nur eben nicht selbst, sondern über Lizenzvereinbarungen mit Biotechfirmen und wissenschaftlichen Zentren. Und was RNAi betrifft: "Das werden wir sorgfältig beobachten und könnten dort auch wieder aktiv werden."
Was das medizinische Potenzial angeht, ist Erselius weiter optimistisch. "RNAi könnte Behandlungen so revolutionieren wie einst monoklonale Antikörper die Krebstherapien. Das hat auch 20 Jahre gedauert." Auch damals erlosch die Begeisterung von Pharmakonzernen nach einer frühen Investitionsphase wieder, Biotechfirmen hingegen machten weiter. Alnylam-Chef John Maraganore drückte es in der "New York Times" ähnlich aus: "Viele Leute denken, dass für RNAi Winter ist. Ich denke, es ist Frühling."
Die Frage ist, ob die Durchbrüche je kommen - oder den forschenden Unternehmen und der Wissenschaft vorher das nötige Geld ausgeht. "In frühe und riskante Technologien zu gehen hat sich für kleinere Firmen auf Dauer nicht gerechnet. Sie standen zu sehr unter dem Druck der Pharmaindustrie, sich auch auf aussichtsreichere Dinge zu konzentrieren", so Erselius. Der Wissenschaftler sieht Biotech als möglichen Verlierer des Trends. Denn auch Wagniskapital kann nicht alle Lücken füllen, die Pharma reißt. Seit der Wirtschaftskrise fließt es spärlicher. Für Anton Gueth ist deshalb klar, wer Instituten und Biotech mit höherer Förderung beistehen muss: der Staat.
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Quelle: Financial Times Deutschland
001 schrieb:
am 23. Februar 2011 um 14:03:37
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RNAi Technologie
Ist doch logisch, dann würden diese Unternehmen auf ihren Pillen sitzen bleiben.
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M schrieb:
am 23. Februar 2011 um 13:15:43
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tja
ich seh das wie viele, was will ich mit einem gesunden Menschen als Pharmakonzern?
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Dommi schrieb:
am 23. Februar 2011 um 10:59:39
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Pharmaindustrie
Den Widerspruch muss mir einer erklären.
Wir zahlen die höchsten Krankenkassenbeiträge, wir haben die meißten
Medikamente, wir haben die meißten Krankenhausbetten, wir haben die meißten Ärzte, wir haben die meißten Apotheken. Eigendlich müßten wir damit alle kern gesund sein. Das Gegenteil ist der Fall. Wärend in der Akutmedizien große Erfolge aufzuweisen sind geschieht bei kronischen Krankheiten garnichts außer es kommen immer neue teurere Medikamente hinzu. Warum ist das so Herr Dr, Rössler.
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