Drucken
Warum der Erste-Klasse-Schutz unbezahlbar wird
20.12.2009, 12:14 Uhr | Sven Böll, Spiegel Online
In der PKV steigen die Beiträge kräftig (Foto: imago)Die privaten Krankenversicherer erhöhen kräftig die Prämien - mit einem Plus von bis zu 20 Prozent trifft es viele Kunden jetzt besonders hart. Versicherte fürchten bereits, dass der First-Class-Schutz bald zum Luxusgut wird - nicht ganz zu Unrecht.#
Jährliche Beitragsanpassung die Regel Die Excel-Datei, in der Günter Diefenbach die Beiträge zu seiner privaten Krankenversicherung (PKV) erfasst, ist eine Tabelle des Grauens: Als der ehemalige Geschäftsführer 1981 von der gesetzlichen Kasse zum Rundumschutz der Allianz wechselte, zahlte er umgerechnet knapp 130 Euro im Monat. Doch schnell musste er lernen, was Kostendynamik bedeutet. Mal stieg seine Prämie zu Jahresbeginn um acht Prozent, dann um zwölf und auch schon mal um satte 17 Prozent. Jahre ohne Anpassung erlebte er fast nie. Von einer Senkung ganz zu schweigen.
In den günstigeren Tarif gewechselt
Zwischen 1981 und 2004 stiegen Diefenbachs Beiträge um durchschnittlich mehr als sieben Prozent. Jahr für Jahr wohlgemerkt. Mit Anfang 60 - die Möglichkeit einer Rückkehr zum gesetzlichen Kollektiv war längst versperrt - entschied sich der Gutverdiener aus Kostengründen für den Wechsel in einen günstigeren Tarif. Dafür, dass er fortan weniger als die Hälfte zahlen musste, nahm er gerne weniger Leistungen und eine Selbstbeteiligung in Kauf.
Weniger Leistungen für hohe Beiträge
So dachte sich Diefenbach das zumindest. Denn die Freude über die finanzielle Entlastung währte nur wenige Monate. In den vergangenen Jahren erhöhte die Allianz die Beiträge um durchschnittlich fast zwölf Prozent pro Jahr. Geht die Entwicklung auch künftig in diesem Tempo weiter, muss der Rentner schon bald wieder genauso viel zahlen wie vor dem Tarifwechsel - nur bekommt er dafür deutlich weniger Leistungen als früher.
Private Krankenkassen unbezahlbar?
Sein Fazit zu drei Jahrzehnten privater
Krankenversicherung ist entsprechend deutlich: "Mit meinem heutigen Wissen würde ich die
gesetzliche Kasse nicht mehr verlassen. Die Privaten werden langfristig schlicht unbezahlbar."
Schnellere Termine beim Arzt
"Mehr Leistungen für weniger Geld" - mit diesem Slogan und absurd niedrigen Einstiegstarifen locken die privaten Krankenversicherungen seit jeher Selbständige und Besserverdiener weg von der Medizin zweiter Klasse in ihr Sonderabteil besonders guter und vermeintlich günstiger Versorgung. Und keine Frage: Die rund 8,6 Millionen Privatversicherten bekommen beim Arzt schneller einen Termin und lernen auch in deutlich größerem Umfang das Praxisinventar kennen. Nur der Aufpreis für diesen Rundum-Service wird immer höher.
Sechs Prozent Prämienanstieg pro Jahr
So zeigte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bereits 2006 in einer Studie, dass die Beiträge der privaten Krankenversicherungen von 1985 bis 2005 im Schnitt um fast sechs Prozent jährlich gestiegen sind. Im gleichen Zeitraum lag das jährliche Plus für gesetzlich versicherte Arbeitnehmer, die über der Versicherungspflichtgrenze von derzeit 48.600 Euro im Jahr verdienten, nur bei gut vier Prozent. Für Normalverdiener war die Kostendynamik noch geringer. Sechs Prozent Prämienplus pro Jahr in der privaten Krankenversicherung - der DIW-Wert ähnelt Diefenbachs jährlicher Steigerungsrate von gut sieben Prozent. Damit liegen beide Zahlen allerdings deutlich über denen, die von den privaten Krankenversicherern publiziert werden.
Die offiziellen Steigerungsraten haben kaum Aussagekraft
Aus einem einfach Grund - wie das Beispiel des Versicherten Diefenbach zeigt. Während er im Vergleich zu 2004 heute gut 75 Prozent mehr für seinen Schutz vor Krankheit zahlen muss, lag die durchschnittliche Beitragsanpassung laut Allianz im selben Zeitraum nur bei rund 15 Prozent. Aber die Zahlen, die das Unternehmen nennt, beziehen sich auf die durchschnittliche Steigerungsrate über alle Tarife - unabhängig davon, wie viele Personen darin jeweils versichert sind. Es ist also gut möglich, dass der Großteil der mehr als 700.000 Vollversicherten des Konzerns weitaus größere Beitragsanpassungen als die offiziellen hinnehmen muss, weil vor allem die Tarife teurer wurden, in denen viele Personen versichert sind.
Überblick - Die besten Krankenkassen für Familien, Singles, ...
Bis 20 Prozent mehr Beitrag
Viel besser als die Allianz machen es auch die anderen Anbieter nicht. So liegt die vom Branchenzweiten DKV kommunizierte Beitragserhöhung zum 1. Januar 2010 bei rund acht Prozent. In einer der häufigsten Tarifkombinationen des Unternehmens liegt das Plus allerdings bei bis zu 20 Prozent.
First-Class-Schutz im Alter nicht mehr zu finanzieren
Würden die Prämien auch künftig in ähnlichem Tempo wie in den vergangenen Jahren steigen, wäre der First-Class-Schutz selbst für heutige Gutverdiener bald unbezahlbar. Ein heute 30-jähriger Top-Verdiener, der 4500 Euro Brutto im Monat hat und 300 Euro Prämie für seine private Krankenversicherung zahlt, müsste bei einer jährlichen Anpassung um sechs Prozent mit 65 Jahren fast 2200 Euro Beitrag zahlen. Pro Monat.
60 Prozent der Rente
Die gesetzliche Rente, die dieser Versicherte mit 67 Jahren erwarten kann, liegt dagegen bei gut 3600 Euro. Damit gingen rund 60 Prozent seiner Altersbezüge für den Krankheitsschutz drauf. Angesichts dieser Zahlen von einer Beitragsbombe zu sprechen, kommt schon einer Verharmlosung gleich.
Teil 2: Lesen Sie hier weiter
Quelle: Spiegel Online
, t-online.de