02.08.2010, 11:06 Uhr | apn
Ab 2011 sollen die Beiträge für die gesetzlichen Krankenkassen steigen, von 14,9 auf 15,5 Prozent. Noch teurer wird es, wenn Zusatzbeiträge noch obendrauf kommen. Speziell junge Gutverdiener sind verunsichert und zuhauf auf dem Absprung aus der gesetzlichen Krankenversicherung, wie Verbraucherschützer melden. Beratungsanfragen häufen sich. Kein Wunder: Die privaten Krankenversicherer werben mit Einstiegstarifen, die bis zu tausend Euro Einsparpotenzial und mehr im Jahr versprechen. Was tun? Gehen oder bleiben?
Grundsätzlich ist richtig: Junge, gesunde Singles und berufstätige Paare ohne Nachwuchs können durch einen Umstieg zunächst einmal ordentlich Geld sparen. Möglich ist ein Wechsel momentan für jeden abhängig Beschäftigten, der mindestens 49.950 Euro Jahresbruttogehalt bekommt und für Selbständige. Der verlockende Privatstatus mit Vorteilen in der medizinischen Betreuung muss auf lange Sicht betrachtet jedoch teuer erkauft werden, gibt Lilo Blunck vom Bund der Versicherten (BdV) zu bedenken.
Was preiswert startet, kann mit zunehmendem Alter richtig ins Geld gehen. Auch wenn die privaten Krankenversicherer mit den Altersrückstellungen spätere Tarifsteigerungen zumindest begrenzen wollen, kann es dennoch im Laufe der Zeit zu deutlichen Tarifsteigerungen kommen: Ein Wechsel zu den Privaten könne sogar zum persönlichen Finanzrisiko werden, mahnt Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg zur Vorsicht. Viele Privatversicherte seien schnell am Limit, wenn sie später einmal weniger verdienen, Kinder bekommen oder als Rentner viel kleinere Einkommen haben.
Von den Kostensteigerungen im Gesundheitswesen ist nicht nur das gesetzliche System betroffen. Ganz im Gegenteil: Auch die privaten Krankenversicherer erhöhten mit steter Regelmäßigkeit die Prämie, so Blunck. Privatpatienten werden dabei oft viel drastischer zur Kasse gebeten als gesetzlich Versicherte. Zu Jahresbeginn galt es beispielsweise, Prämienerhöhungen zwischen 5 und 20 Prozent zu verkraften, in Extremfällen sogar 30 Prozent. Wer mit 30 Jahren einsteigt, muss mit 65 häufig das Doppelte wenn nicht das Dreifache an Beiträgen zahlen.
Anders als in der gesetzlichen Versicherung, bemisst sich die Prämie nicht am Einkommen, sondern an der gewählten Absicherung, an Alter und Gesundheit. Extra zu Buche schlägt die Familiengründung. Wer Kinder will oder nicht ausschließen kann, solle lieber in der gesetzlichen Kasse bleiben, betont Bastian Landorff, Berater bei der Verbraucherzentrale Nürnberg. Denn: Partner und Kinder können nicht beitragsfrei mitversichert werden, wie in der gesetzlichen Schiene derzeit möglich ist.
Auch das Argument einer besseren medizinischen Versorgung bei den Privaten ist inzwischen eher löchrig geworden. Nach den Erfahrungen aller Verbraucherschützer müssen Versicherte zunehmend um die Erstattung ihrer vertraglichen Leistungen kämpfen. Es werde immer häufiger darüber gestritten, welche Behandlungen medizinisch notwendig seien und welche nicht, sagt Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen. Kaum bekannt sei außerdem, dass Private von vornherein keine Eltern-Kind-Kuren zahlen und in der Regel auch keine häusliche Krankenpflege oder Haushaltshilfe - alles selbstverständlich für Kassenpatienten.
Ganz wichtig: Die Prämien der Privatversicherung sinken nicht einmal im Ruhestand - was für Kassenpatienten selbstverständlich ist. Bei Finanzengpässen bleibt als Ausweg oft nur das Ausweichen auf eine höhere Selbstbeteiligung. Oder die Rückstufung in den niedrigsten Privattarif, dessen Leistungen manchmal sogar unter denen der Kassen liegen. Ein Zurück in die Kasse ist ab 55 Jahren praktisch ausgeschlossen. "Der Abschied aus der Gesetzlichen ist eine Entscheidung fürs ganze Leben, nicht nur für ein paar Jahre als Gutverdiener", betont Grieble.
Quelle: dapd
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