07.07.2011, 08:46 Uhr | Financial Times Deutschland
Geysir in Island (Foto: imago) Während die europäischen Krisenstaaten unter ihren Schulden ächzen, arbeiten sich die Isländer aus dem Tief heraus. Nach Ansicht von Experten erkennen das nur die Bonitätswächter nicht - und übersehen die "beeindruckenden Fortschritte".
Island war eines der ersten Opfer der Finanzkrise: Der Bankensektor des Landes brach 2008 zusammen. Der einst als einer der reichsten und sichersten Länder der Welt geltende Inselstaat stand kurz vor dem Kollaps. Doch nach dem tiefen Fall arbeitet sich der Staat in beeindruckender Geschwindigkeit wieder nach oben. Nach Ansicht einiger Experten zu schnell für die drei großen Ratingagenturen Fitch, Moody´s und Standard & Poor's (S&P), die die Erholung verkennen. Sie würden sie genauso wenig registrieren wie damals den Niedergang des Landes, sagten Finanzmarktakteure und Politiker der Nachrichtenagentur Bloomberg.
Fitch stuft Island als Junk (Note: "BB+") ein. Im Mai schrieb die Agentur, es könne noch gut zwei Jahre dauern, bis das Land Investment-Grade erreiche. Dort liegt der Staat für Moodys' und S&P, hat jedoch die niedrigste Note("Baa3", beziehunsgweise "BBB-" ) und einen negativen Ausblick.
Isländische Anleihen begehrt
Das sollte Investoren eigentlich abschrecken, sich für isländische Schulden zu begeistern. Doch als das Land im vergangenen Monat weniger als drei Jahre nach dem Fast-Zusammenbruch an den Kapitalmarkt zurückkehrte, war die Auktion einer Ein-Milliarden-Dollar-Anleihe zweifach überzeichnet. Und die Zinsen, die Reykjavik zahlen musste, lagen mit 4,993 Prozent ebenfalls in einem sehr akzeptablen Bereich.
"Wenn man sieht, wie erfolgreich die Auktion war, wird deutlich, dass Investoren die Zahlen selbst analysieren und die Noten der Ratingagenturen wenig Relevanz haben", zitiert Bloomberg den Ökonomen Valdimar Armann vom Asset-Manager Gamma.
Ratingagenturen übervorsichtig
Der Fall Island zeiget, dass die Ratingagenturen derzeit übervorsichtig agierten, nachdem sie im vergangenen Jahrzehnt einige der Problemen, die zur Finanzkrise geführt haben, nicht erkannt hätten. Als Beispiel verweist er darauf, dass noch fünf Monate vor der Pleite der isländischen Banken das Land bei Moodys's mit der Höchstnote "Aaa" bewertet worden sei.
Die Vorsicht blockiere nun jedoch den Zugang zu einer bereiten Investorenbasis. Denn viele institutionelle Anleger richten ihre Kaufentscheidung vor allem nach den Noten der Bonitätswächter aus. Wie gut das Land aber in der Sicht von Anleger wirklich dasteht, zeigen die Kosten für die Absicherung gegen einen Kreditausfall des Landes. Diese betragen derzeit 229 Basispunkte. Das ist weniger als etwa für Spanien.
Die isländische Wirtschaft wächst wieder
2011 soll die Wirtschaft des Landes um 2,2 Prozent wachsen, für 2012 werden 2,9 Prozent prognostiziert. Das Budgetdefizit wird voraussichtlich 1,4 des Bruttoinlandsprodukts betragen - deutlich weniger als in vielen EU-Staaten. 2008 hatte das Land unter anderem vom Internationalen Währungsfonds (IWF) unter Auflagen 4,6 Milliarden Dollar erhalten. "Island macht beeindruckende Fortschritte bei der Umsetzung dieser Auflagen", sagte Julie Kozack, IWF-Verantwortliche für das Land.
Island hatte den Staatsbankrott vor allem dadurch vermieden, dass es sich weigerte, die Anleihengläubiger der Pleitebanken zu retten. Dies sorgt immer noch für Spannungen mit einigen europäischen Staaten. Im April hatte Island deshalb kurz davor gestanden, auch bei Moody's und S&P auf Junkstatus zu rutschen. Die Insulaner hatten in einer Volksabstimmung eine 5,6 Milliarden Dollar schwere Einigung mit dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden abgelehnt. Dabei ging es um Entschädigungen für ausländische Kontoinhaber der Pleite gegangenen Landsbanki.
Agenturen im Kreuzfeuer
"Wir haben sie bedrängt, sich die Tatsachen genau anzuschauen", sagte der isländische Wirtschaftsminister Arni Pall Arnarson dazu in einem Interview. Infolgedessen hielten S&P und Moody's ihre Noten mit einem negativen Ausblick bei. Inzwischen hat Fitch zumindest den Ausblick auf stabil gesetzt. Nach Aussagen von Arnarson ist das zu wenig und geschehe zu spät: "Ratingagenturen sind weniger relevant für Anleger geworden. Sie waren stets zu langsam." Die Agenturen selbst sehen keinen Fehler in der Bewertung des Landes und verweisen laut Bloomberg auf die Vielzahl von Faktoren, die ein Rating beeinflussten.
Die Agenturen stehen derzeit in der Kritik, weil sie Experten zufolge die Schuldenkrise durch ihre Bewertungen anheizen würden, während gleichzeitig alle Akteure darauf hinarbeiten, sie zu entschärfen. Im März sprach das EZB-Rats-Mitglied Yves Mersch von einer zunehmenden Unzufriedenheit mit den überraschenden Aktionen der großen Drei auf dem Ratingmarkt. Der IWF schrieb in einem Bericht im März, die Herabstufungen in der Euro-Zone hätten über Ansteckungseffekte die Unsicherheit geschürt.
Ramsch - Herabstufung Portugal Hintergrund - Schwarze Tage an der Börse Portugal-Video - Portugal Domino-Effekt
Portugal herabgestuft
Die Herabstufung Portugals um vier Stufen auf Ramschniveau durch Moody's hat die Diskussion zusätzlich angefacht. "Das ist eine unglückselige Episode und wirft Fragen über das Verhalten der Ratingagenturen und deren Weitblick auf", sagte ein Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, er sei überrascht über das Urteil und könne nicht erkennen, was dieser Entscheidung zugrunde liege. Es gebe daher keine sachlichen Gründe für die negative Einschätzung. Er forderte erneut, den Einfluss der drei dominierenden Ratingagenturen zu beschneiden.
Auch von Markseite kam Kritik: Klaus Stabel, Finanzmarktexperte bei ICF Kursmakler, stellte die Objektivität von Moody's infrage. "Dass Portugal sofort herabgestuft wird, nachdem sich die Lage in Griechenland nach der Bewilligung neuer Gelder entspannt hat, kann kaum ein Zufall sein. Die zeitliche Abfolge macht nachdenklich." Portugal sei zuletzt "systematisch" herabgestuft worden.