19.05.2011, 08:44 Uhr | Financial Times Deutschland
Joe Kaeser (Foto: imago) Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser fürchtet angesichts der Schuldenprobleme im Euro-Raum um die Refinanzierung der Unternehmen. Einige hoch verschuldete EU-Staaten kämen wohl "auf Dauer um eine Schuldenrestrukturierung nicht herum", sagte Kaeser im Interview mit der "Financial Times Deutschland" (FTD). "Ein solcher Kapitalschnitt könnte eine zweite Krisenwelle in der Finanzwirtschaft auslösen - und das zu einer ernsten Kreditklemme führen."
Ökonomen streiten seit Monaten, ob sich die Schuldenkrise in Griechenland und anderen südeuropäischen Staaten über immer neue Rettungspakete lösen lässt. Während manche einen Schuldenschnitt in Griechenland als Befreiungsschlag für die Finanzmärkte sehen, warnen Skeptiker vor einem Flächenbrand.
Spanien und Italien in Gefahr
"Die eigentliche Gefahr geht von dem Risiko aus, dass das Virus der Krise auf weit größere Länder wie Spanien oder Italien überspringen könnte", schrieb der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, in einem Beitrag für das "FTD"-Portal WirtschaftsWunder. Die Furcht vor hohen Verlusten in den Bilanzen könnte den Geldmarkt zwischen den Banken Kerneuropas erneut austrocknen lassen, so Schmieding. Dies wäre vergleichbar mit der Entwicklung nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008.
Konzerne ohne Kredite
Damals waren die Kreditmärkte zusammengebrochen, weltweit mussten zahlreiche Banken gerettet werden. Viele Unternehmen standen am Abgrund, die Zahl der Insolvenzen stieg. Selbst Großkonzerne wie Heidelberger Druck mussten auf Staatshilfe zurückgreifen, um ihre Finanzierung zu sichern. Viele Unternehmensvertreter klagten damals über eine ernste Kreditklemme - die sich statistisch allerdings nie nachweisen ließ.
Die nächste Krise wird noch schlimmer
Eine zweite Krisenwelle allerdings wäre laut Kaeser für die Unternehmen besonders schwer zu verkraften: "Dieses Mal könnte der Credit-Crunch nicht nur Bankkredite, sondern durch das veränderte Zinsgefüge eventuell auch die Anleihemärkte treffen." Siemens hätte damit kein Problem, weil der Konzern praktisch schuldenfrei ist - wohl aber die Kunden. "Unsere Kunden könnten Investitionen und Projekte verschieben, weil ihnen der Anreiz, die Liquidität oder beides fehlt." Kaeser warnte, Griechenland sei "mit Sparen alleine nicht nachhaltig zu sanieren. Das Land braucht vor allem ein Wiedererstarken der industriellen Basis, also einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts und des Exports."