Siemens will keine AKWs mehr bauen (Fotos: dpa, imago) Der Münchner Siemens-Konzern will sich komplett aus dem Atomgeschäft verabschieden. "Das Kapitel ist für uns abgeschlossen", sagte Konzernchef Peter Löscher dem "Spiegel" laut Vorabmeldung. Die Entscheidung sei die Antwort seines Unternehmens "auf die klare Positionierung von Gesellschaft und Politik in Deutschland zum Ausstieg aus der Kernenergie" nach der Atomkatastrophe von Fukushima.
Anstatt sich am Bau kompletter Kernkraftwerke zu beteiligen, will der Konzern laut Löscher künftig nur noch Komponenten wie Dampf-Turbinen liefern, die auch bei konventionellen Kraftwerken zum Einsatz kommen. Zu dem seit längerem geplanten Atom-Joint-Venture mit dem russischen Rosatom-Konzern werde es nun nicht mehr kommen, kündigte der Siemens-Chef in dem Interview an. Stattdessen wolle man mit dem Partner "auf anderen Feldern" zusammenarbeiten.
Areva-Deal wird teuer
Löscher hatte in den vergangenen Monaten immer wieder öffentlich über eine mögliche Strategiewende gesprochen. Das Geschäft mit der Kernkraft hatte Siemens zuletzt wenig Freude bereitet, schreibt "Spiegel Online". Der Ausstieg aus der gemeinsamen Atomtochter mit dem französischen Areva-Konzern wurde zur kostenträchtigen Angelegenheit. Laut einem Schiedsgericht der Internationalen Handelskammer kam Siemens seinen vertraglichen Pflichten gegenüber Areva nicht in vollem Umfang nach. Der DAX-Konzern muss daher 648 Millionen Euro zuzüglich Zinsen an Areva zahlen.
Weitere Verzicht-Forderungen
Atomkraftgegner begrüßten den Rückzug. "Allerdings ist es dann inkonsequent, wenn der Konzern weiterhin Turbinen und Generatoren für Atomkraftwerke liefern will", sagte Jochen Stay von der Initiative "Ausgestrahlt". Siemens sollte allerdings vollständig auf das Geschäft mit Atomkraftwerken verzichten, denn am Ende mache es keinen Unterschied, ob das Unternehmen am nuklearen oder konventionellen Teil eines Reaktors beteiligt sei.
Energiewende in Deutschland ist "Jahrhundertprojekt"
Löscher stufte gegenüber dem "Spiegel" die geplante Energiewende in Deutschland als "Jahrhundertprojekt" ein: Das Ziel, den Ökostrom-Anteil bis 2020 auf 35 Prozent zu erhöhen, hält er nach eigenen Worten für erreichbar.
Löscher rechnet nicht mit Zerfall der Euro-Zone
Auch in der Euro-Diskussion unterstützt Löscher den Kurs von Angela Merkel. "Wir stehen voll hinter der weiteren europäischen Integration und den Europa-Zielen der Bundeskanzlerin", sagte der Siemens-Chef dem "Spiegel". Er rechne nicht mit einem Zerfall der Euro-Zone. "Dieser Fall wird nicht eintreten", sagte Löscher. "Davon bin ich überzeugt".
Siemens-Gewinnschätzungen reduziert
Die Siemens-Aktie hatte am Freitag mit einem kleinen Tagesplus von 0,8 Prozent bei 70,08 Euro geschlossen. Die Citigroup hatte das Kursziel für Siemens von 120 auf 105 Euro gesenkt, die Einstufung aber auf "Buy" belassen. Analyst Mark Fielding reduzierte in einer Studie seine Gewinnschätzungen je Aktie für 2011 bis 2013 um bis zu 3,8 Prozent. Dies reflektiere die eingetrübten Konjunkturperspektiven.