06.08.2008, 07:12 Uhr | Financial Times Deutschland
In der Kritik: Siemens-Chef Peter Löscher (Foto: ddp)Zurück zu Teil 1
Die alte Identität ist zerschlagen, eine neue noch nicht gefunden. Stattdessen gibt es für die verunsicherten Mitarbeiter markige Worte und schmerzhafte Personalentscheidungen. #
In nur einem Jahr hat Löscher den Skandalkonzern umgekrempelt. Acht der neun Sparten wurden zu den drei Megabereichen Industrie, Energie und Medizintechnik zusammengefasst und zwei Führungsebenen abgeschafft. Vorbei ist die Zeit der 70 mächtigen "Landesfürsten", nun gibt es 20 Leiter regionaler "Cluster". Etwa die Hälfte der obersten Führungskräfte sind neu auf ihren Posten.
Permanentes Misstrauensthema
"Der Vorstand zerschlägt die Motivation und auch die Kooperationsstrukturen", klagt Wolfgang Niclas, Chef der IG Metall in Erlangen. Auch manche Führungskraft zweifelt, ob Löscher noch den Überblick hat. "Löscher kommt von außen und erkennt selbst gar nicht, welche Steine er da verschiebt", ätzt ein Manager. Von außen kommt auch Siemens' oberster Korruptionsbekämpfer, der Amerikaner Peter Solmssen, den Löscher im vergangenen Herbst in den Vorstand geholt hat. Ebenso wie Löscher war auch Solmssen zuvor beim größten Siemens-Konkurrenten General Electric tätig. Das sorgt intern für Unruhe. "Dass er von GE kommt, ist hier ein permanentes Misstrauensthema", sagt ein Siemens-Manager.
Konzern-interne Aufsicht
Solmssen installiert an allen Schaltstellen Juristen, die den Siemensianern auf die Finger schauen. Bald sollen 490 "Compliance"-Leute im Konzern arbeiten - 400 mehr als vor zwei Jahren. Die Aufstockung war dringend nötig. Im ersten Siemens-Prozess hatte sich das Gericht über die Compliance-Abteilung mokiert: "Das ist, wie wenn die Feuerwehr zum Löschen mit einem Zahnputzbecher ausgestattet wird."
Überkontrolle und Bürokratisierung
Doch an der einen oder anderen Stelle kommt es nun zu Überkontrolle - und zu Ärger mit den Mitarbeitern, die sich beklagen, dass ihre Arbeit darunter leide. Einfache Gepflogenheiten werden auf einmal zu einem großen Genehmigungsspiel. Eine Stadtführung für einen Großkunden? Nicht mehr drin. Immerhin wird ein Kantinenessen noch gestattet - nach dem Ausfüllen von Formularen. "Du musst einen Zauber aufführen, wenn du mal einen Gast zum Mittagessen mitbringst", klagt ein Mitarbeiter.
Selbst-Zerfleischung inklusive
Zu einem Problem ist das Auftreten des Chefs geworden. Bereits sprichwörtlich sind Löschers Klagen, Siemens verfüge im Management über eine undurchlässige "Lehmschicht" und zu viele "weiße, deutsche Männer". Dies obendrein zu einer Zeit, in der Siemens einen Abbau von 16.750 Stellen ankündigt. "Nie würde sich ein amerikanischer Konzern selbst so zerfleischen", sagt ein Topmanager eines US-Unternehmens.
Mitarbeiter sind verärgert
Internen Ärger gab es auch am vergangenen Mittwoch, als Löscher den Mitarbeitern in einem Brief wieder einen Klaps mitgab. Die Zahlen des dritten Quartals waren da, und sie waren gut. Auch weil die wachsende Unzufriedenheit noch keinen Einfluss nimmt auf die meist langfristigen und lukrativen Großprojekte. Der operative Gewinn ist im Kerngeschäft sogar um ein Drittel gestiegen. Und was schreibt Löscher? "Nachholbedarf gibt es weiterhin bei der Ertragskraft." Man sei schlechter als im Vorjahresquartal. Dabei war das Ergebnis damals durch einen milliardenschweren Einmalgewinn aufgebläht. "Er erreicht einfach nicht die Basis", schimpft ein langjähriger Mitarbeiter. Löscher bleibe ein Fremder. Auf einer Betriebsversammlung vor anderthalb Wochen in Erlangen mit Industrievorstand Heinrich Hiesinger hissten Beschäftigte ein 15 Quadratmeter großes Transparent mit der Aufschrift "Wir sind Siemens".