25.06.2008, 11:34 Uhr | Financial Times Deutschland
Löscher: "Spitzenkräfte vorwiegend weiße deutsche Männer". (Foto: dpa)Um sich herum sieht er nur "weiße deutsche Männer": Siemens-Chef Peter Löscher beklagt die mangelnde Internationalität seines Konzernmanagements. Löschers Äußerungen werfen ein Schlaglicht auf die Unternehmenskultur in der Bundesrepublik.#
"In der Führungsetage sitzen nur weiße Männer", sagte der Österreicher, der seit einem Jahr an der Spitze des Münchner Unternehmens steht, der "Financial Times" (FTD). "Unsere 600 Spitzenmanager sind vorwiegend weiße deutsche Männer. Wir sind zu eindimensional."
Keine Frau unter den 30 Top-Managern
Mit seinen Äußerungen wirft Löscher ein Schlaglicht auf die Unternehmenskultur in Deutschland. Als Exportland gehört die Republik zu den Globalisierungsgewinnern. Dennoch sind Aufsichtsräte und Vorstände der großen Konzerne nach wie vor fast ausschließlich mit deutschen Managern besetzt. Auch wird keines der insgesamt 30 DAX-Unternehmen von einer Frau geführt.
"Globale Vielfalt" soll ausgebaut werden
Für sein zweites Jahr als Siemens-Konzernchef habe er sich vorgenommen, die "globale Vielfalt" in der Unternehmensführung auszubauen, sagte Löscher. Wenn sich die deutsche Wirtschaft nicht in diese Richtung bewege, drohe die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu leiden. "Das ist eine generelle Schwäche deutscher Unternehmen", sagte der Analyst James Stettler von Dresdner Kleinwort. "Schweizer und schwedische Firmen haben es besser geschafft, ein globaleres Management und eine globalere Unternehmenskultur aufzubauen." Auch der deutsche Managementberater Hermann Simon sagte: "Das ist eine der wesentlichen Prüfungen für deutsche Firmen." Die Kernfrage sei, wie Unternehmen internationale Manager einbinden können.
Unterbrecher 70-Tage
Siemens: Von 15 Chefs sind 11 Deutsche
Im Vergleich zu anderen deutschen Großkonzernen hat Siemens noch einen relativ hohen Anteil von Ausländern im Vorstand. Neben dem Österreicher Löscher sitzen zwei Amerikaner in dem achtköpfigen Führungsgremium. Von den 15 Spartenchefs sind allerdings elf Deutsche. Dabei erwirtschaftet der Konzern über 80 Prozent seines Umsatzes im Ausland.
Es geht nicht um Quoten
"Es geht hier nicht um Quoten, aber ich würde gerne einen gemischteren Vorstand sehen", sagte Löscher. "Ich hätte gerne, dass ein richtig guter Chinese das Chinageschäft führt und ein richtig guter Inder für Indien zuständig ist."
Vielfalt ist zentral für Deutschlands Zukunft
Diese Vielfalt sei zentral für Deutschlands Zukunft, sagte der Siemens-Chef: "Es ist absolut entscheidend. Es ist das Wichtigste. Bildet man seinen globalen Kundenstamm nicht ab, kann man sein volles Potenzial nicht ausnutzen. Bekommt man das hin, hat man einen gewaltigen Vorteil."
Mentoren für neue Spitzenkräfte
Siemens hat für das obere Management inzwischen ein Mentorenprogramm aufgelegt. Löscher selbst betreut unter anderem vier junge Führungskräfte aus Deutschland, zwei aus China und jeweils eine aus Südafrika, Pakistan, den Vereinigten Staaten und Brasilien.
Globaler Kampf um Talente
"Es gibt einen globalen Kampf um Talente", sagte der Siemens-Forschungsvorstand Hermann Requardt. "Darum wird sich das Topmanagement in Zukunft maßgeblich kümmern müssen." Besonders umkämpft sein dürften Managementtalente in Ländern wie etwa China, wo sich Angestellte erheblich weniger an ihr Unternehmen gebunden fühlen und häufiger den Arbeitgeber wechseln. Siemens versetzt jedes Jahr 18.000 seiner insgesamt 430.000 Mitarbeiter. Löscher räumte allerdings ein, dass sein Konzern hier noch mehr unternehmen müsse.