Siemens will mit Staatsaufträgen die Flaute abmildern
23.02.2010, 14:32 Uhr | oca
Technologiekonzern Siemens (Quelle: imago)Der Mischkonzern Siemens hofft auf Milliardenaufträge aus den weltweiten Konjunkturpaketen. "Die Programme helfen uns kurz- und mittelfristig, den Rückgang im Geschäft mit Kunden aus der Privatwirtschaft abzufedern", sagte Konzernchef Peter Löscher in einer Telefonkonferenz. Es sei allerdings ungewiss, räumte er ein, ob die staatlichen Aufträge das Unternehmen letztlich vor einem Rückgang des Gesamtgeschäfts bewahren werden. Entsprechend lustlos präsentierte sich die Aktie am Morgen: Sie lag nahezu im Gleichklang mit dem Markt 0,7 Prozent im Minus bei 50,29 Euro.
In den kommenden drei Geschäftsjahren kalkuliert der Konzern mit Aufträgen aus den Konjunkturpaketen in Höhe von insgesamt rund 15 Milliarden Euro. Für das noch bis Ende September laufende Geschäftsjahr 2009 sieht Löscher indes keine gravierenden Auswirkungen der staatlichen Hilfen, da diese erst langsam anliefen. Das dritte und vierte Quartal werde sich deshalb wie erwartet weiter abschwächen. Die Abwärtsentwicklung scheine sich aber zu verlangsamen, sagte Löscher. "Es besteht also die berechtigte Hoffnung, dass wir uns der Talsohle nähern."
Situation ist angespannt
Den Beginn der Wirtschaftskrise hatte Siemens fast ohne Schäden gemeistert. Zuletzt hatte sich die Lage aber merklich verschlechtert, wenngleich der Konzern immer noch besser dasteht als viele Konkurrenten. Die Bestellungen im zweiten Quartal bröckelten um ein Zehntel auf 21 Milliarden Euro, bestehende Aufträge wurden verschoben, der Gewinn schmolz auf vergleichbarer Basis. Tausende Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, Leiharbeiter mussten gehen. Finanzchef Joe Kaeser wollte jetzt auch nicht mehr an seiner Erwartung festhalten, dass der Umsatz im laufenden Geschäftsjahr stabil bleibt. Schlimmstenfalls sieht er die Erlöse halb so stark schrumpfen wie die Weltwirtschaft.
USA sollen am meisten bestellen
Der Vorstand hatte bereits vor Monaten deutlich gemacht, dass Siemens mit seinem starken Infrastruktur-Geschäft von den weltweiten Konjunkturprogrammen profitieren werde, aber keine genauen Zahlen genannt. Den größten Auftragseingang erwartet der Konzern nun mit sechs Milliarden Euro aus den USA, aus China und Deutschland sollen jeweils zwei Milliarden Euro hereinkommen. Angst vor staatlichem Protektionismus hat Konzernchef Löscher dabei keine. In den USA habe Siemens rund 70.000 Mitarbeiter, in China 40.000. "Die aktuelle Debatte um den Schutz der nationalen Industrien sehen wir daher mit einem gehörigen Maß an Gelassenheit." Konkrete Signale der Regierungen in die eine oder andere Richtung, das stellte Finanzchef Kaeser klar, gebe es keine.
Umweltportfolio soll wachsen
Dank der weltweiten Konjunkturprogramme hält Siemens auch in der Flaute an seinem Plan fest, das Umweltportfolio von zuletzt 17 Milliarden Euro Umsatz auf 25 Milliarden Euro im Jahr 2011 auszubauen. Das Unternehmen zählt zu dem Bereich unter anderem Hochgeschwindigkeitszüge, verlustarme Überlandleitungen oder effiziente Kraftwerke - alles Produkte, die im Rahmen der Konjunkturpakete nachgefragt werden. Sonderkonditionen will Finanzchef Kaeser den staatlichen Bestellern allerdings nicht einräumen und damit die Margen schützen.
Konzernchef Peter Löscher (Quelle: imago)
Gewinnziel ist nicht mehr realisierbar
Bis die Konjunkturprogramme greifen, sollen die bestehenden Bestellungen die Arbeit sichern. Nach letztem Stand ist das Auftragspolster 87 Milliarden Euro dick, 23 Milliarden davon sollen bis Ende dieses Geschäftsjahres abgearbeitet werden. Von seinem Gewinnziel hat sich Siemens wegen der Flaute aber bereits vor Wochen verabschiedet. Statt der anvisierten 8,0 bis 8,5 Milliarden Euro rechnet der Vorstand nun noch in seinen drei Kernfeldern Industrie, Energie und Medizintechnik mit einem Ergebnis über dem Niveau des Vorjahres von 6,6 Milliarden Euro.
Schwaches Industriegeschäft
Vor allem das Industriegeschäft läuft derzeit schleppend. Problemsparten sind hier insbesondere die einstige Ertragsperle Industrieautomatisierung, die stark am eingebrochenen deutschen Maschinenbau hängt, sowie die Antriebstechnik und der Lichtspezialist Osram. Vergleichsweise gut halten sich weiterhin die Medizintechnik und das Energiegeschäft. Zuletzt gingen gleich mehrere Großbestellungen von Windkraft-Anlagen ein. Bei den erneuerbaren Energien verstärkt sich Siemens zudem Stück für Stück durch kleinere Zukäufe und Kooperationen. Insgesamt beschäftigt der Konzern rund 130.000 Menschen in Deutschland und 416.000 weltweit.