05.10.2010, 16:09 Uhr | t-online.de/business
Nicht jedem guten Arbeitszeugnis ist zu trauen. (Fotos: Imago, Montage: toi)
Arbeitszeugnisse sind enorm wichtig und können schlimmstenfalls die Karriere bremsen - denken zumindest viele Jobsuchende. Und auch Chefs glauben, aufgrund eines Zeugnisses Persönlichkeit und Leistung eines Bewerbers einschätzen zu können. Doch weit gefehlt: Eine Studie rüttelt kräftig an der Glaubwürdigkeit der Mitarbeiterbewertungen. Demnach ist auf die Leistungsnachweise nicht wirklich Verlass.
Für die Untersuchung hat der Dienstleister Personal Management Service (PMS) 1100 Zeugnisse von Frauen und Männern aller Branchen, Berufs- und Altersgruppen in anonymisierter Form unter die Lupe genommen. Berücksichtigt wurden nur Zeugnisse, die nicht älter als vier Jahre waren.
Das Ergebnis: Chefs beurteilen heute die Arbeit ihrer Mitarbeiter im Vergleich mit 1994 dreimal so häufig als „sehr gut“. Ganze 33,2 Prozent der analysierten Zeugnisse weisen der aktuellen Studie gemäß die Spitzennote auf, 35,1 Prozent die Note "gut". "Befriedigend" ist demnach die Gesamtnote von 15,8 Prozent der untersuchten Leistungsbelege, mit „ausreichend“ sind nur 3,3 Prozent beurteilt. Noch viel weniger Zeugnisse (0,2 Prozent) sind schlicht „mangelhaft“.
Hatten 1994 Arbeitgeber ihre Mitarbeiter noch durchschnittlich mit der Note 2,4 beurteilt, ergab die PMS-Studie einen Durchschnitt von 1,89. Bei der Auswertung stand die Formulierung "hat alle Aufgaben stets zu unserer vollsten/größten/äußersten Zufriedenheit ausgeführt" für die Note "sehr gut", die Phrase "hat im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit ausgeführt" entsprach "mangelhaft".
Verglichen mit der Analyse von 1994 habe sich die Anzahl „befriedigender“ Noten halbiert, stellten die PMS-Experten fest. Der Anteil „guter" Bewertungen sei ebenfalls deutlich geschrumpft - um rund zwölf Prozent. Auch „ausreichende" Zeugnisse seien heute viel seltener.
Haben sich aber die Leistungen der Arbeitnehmer tatsächlich so stark verbessert? Der PMS-Studie zufolge ist das nicht der Fall: Die Leistungsbewertung in den Zeugnissen seien nämlich nicht immer glaubwürdig, so die Experten. So fehlten etwa in 137 der Dokumente Angaben zum Fachwissen, zum Verhalten oder eine Gesamtbeurteilung der Leistung des Mitarbeiters.
Auch starke Abweichungen von den Einzelnoten zur Gesamtbewertung, formale Mängel oder die fehlende Dankesformel ließen die PMS-Profis an der Glaubwürdigkeit dieser Zeugnisse zweifeln. Statistisch ausgewertet wurden daher nur 963 Zeugnisse ohne gravierende Mängel.
Angesichts solch aufgeweichter Bewertungsgrundlagen fürchtet mancher Personaler, dass die Tage des Arbeitszeugnisses als Nachweis für die Leistung im Job gezählt sind. Und selbst wer sich mit den "Geheimcodes" der Zeugnissprache vertraut gemacht hat und versucht, zwischen den Zeilen zu lesen, kann damit falsch liegen: Denn viele Chefs stellen einem ehemaligen Mitarbeiter inzwischen lieber ein zu positives Zeugnis aus, als einen langwierigen Streit vor dem Arbeitsgericht in Kauf zu nehmen.
Und nach deutschem Arbeitsrecht ist gegen geschönte Zeugnisse nichts einzuwenden. So entschied das Landesarbeitsgericht Nürnberg, dass ein Arbeitszeugnis nicht sittenwidrig ist, wenn die Leistung eines Mitarbeiters darin zu positiv bewertet wird (Az.: 7 Sa 641/08). Chefs können einem Angestellten daher kein Lob im Zeugnis verwehren - auch wenn es die Bewertung verfälscht.
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