03.03.2011, 11:30 Uhr | Michael Sudahl
Viele Menschen nutzen ihr Smartphone auch beruflich. (Foto: imago)
Mitarbeiter nutzen gern Geräte und Programme, die sie auch privat verwenden. Firmen passen ihre IT daher den Vorlieben der Angestellten an - und riskieren dabei die Sicherheit ihrer Daten.
Die goldenen Zeiten des gedruckten Zeitplanmanagers Tempus scheinen vorbei zu sein. Pro Jahr gehen die Verkaufszahlen des Profikalenders um rund 10.000 Exemplare zurück. Denn er ist schlicht nicht kompatibel mit Outlook, Blackberry oder iPad. Demnächst kommt iTempus auf den Markt, quasi das Ringbuch fürs iPad.
Seit die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben immer mehr verschwinden, pflegen Mitarbeiter geschäftliche Kontakte auch über Facebook, arbeitet der Außendienst mit Xing und diskutieren Entwickler nach Feierabend via Skype Forschungsprobleme mit Ingenieuren in Übersee. Diese veränderten Kommunikationsgewohnheiten schlagen sich auch in der Hardware nieder. In manchen Unternehmen gibt es schon bald kein physisches Festnetztelefon mehr, weil es mit dem PC verschmilzt und ein Headset dann reicht. Auch die Unterscheidung zwischen Festnetz- und Mobilnummer werde künftig entfallen, sagen Experten bei Hewlett-Packard (HP), Siemens oder SAP, weil es dem Anrufer egal sein könne, wo und wie er den gewünschten Gesprächspartner erreicht.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei mobilen Geräten: Wem privat sein iPad oder iPhone vertraut ist, der möchte es auch im Beruf nicht missen. Jekel & Partner aus Itzehoe entwickelt Konzepte für den produktiven Einsatz des Apple iPads für mittelständische Unternehmen mit 200 bis 2000 Mitarbeitern. "Es wird immer wichtiger, auf die Befindlichkeiten der Mitarbeiter einzugehen und sie zu motivieren", sagt der Firmeninhaber Thorsten Jekel.
Häufig nutzen Mitarbeiter bereits ihre privaten Smartphones und mittlerweile iPads um sich zu organisieren und zu kommunizieren. Der elektronische Terminplaner iTempus, den Jekels Firma entwickelt hat, orientiert sich optisch am traditionellen Ringbuchkalender. Er lässt sich ohne Bedienungsanleitung oder zusätzliche Software auf dem Tablet-Computer intuitiv bedienen. Eine praktische Anwendung für viele der bundesweit mehr als 500.000 iPad-Besitzer.
"Es war auch schon bisher egal, ob einer mit dem Polo oder dem Porsche zum Kunden fährt, entscheidend ist, er holt den Auftrag", sagt Reinhard Schmidt, Experte für IT-Marketing in Stuttgart. Unabhängig von der Marke des Autos benutzten aber alle dieselben Straßen. Im Internet dagegen konkurrieren verschiedene Betriebssysteme miteinander. Unter anderem Apples iOS, das auf iPad und iPhone mit derzeit bereits mehr als 300.000 Apps läuft. Die zweite große App-Plattform, der Android Market von Google, bringt es aktuell auf knapp 150.000 Anwendungen.
Microsoft will mit seinem Betriebssystem Windows Phone 7 auf dem Feld der Smartphones und Tablet-PCs wieder Boden gut machen. In denselben Markt drängt auch der weltgrößte Computerkonzern HP, der vor einem Jahr für 1,2 Mrd. Dollar den einstigen Smartphone-Pionier Palm übernommen hat. Dessen Betriebssystem WebOS soll ab Frühjahr dem kreditkartengroßen Smartphone HP Veer, dem iPhone-großen HP Pre3 und dem iPad-großen Tablet-Computer HP TouchPad Leben einhauchen.
Wichtige Marktgrößen sind aber auch RIM mit seinen Blackberrys und seinem angekündigten Tablet-Computer Playbook, Nokia mit seinem Betriebssystem Symbian sowie Samsung und Dell. Laut European Information Technology Observatory werden dieses Jahr in Deutschland erstmals mehr als zehn Millionen Hightechhandys verkauft, von denen jedes Dritte auch PC-Funktionen besitzt.
Mit einem Weltmarktanteil von knapp 33 Prozent lagen im vierten Quartal 2010 Smartphones mit dem Betriebssystem Android von Google in der Käufergunst knapp vor Nokia (30,6 Prozent). Apple erreichte 16 Prozent und RIM (Blackberry) 14,4 Prozent. Microsoft lag bei gerade einmal 3,1 Prozent. Dabei rückt bei den Smartphones das Telefonieren immer mehr in den Hintergrund. Immer wichtiger werden Programme, die auf den Minicomputern laufen, und der Zugriff aufs Internet.
In Kombination mit Facebook oder Google können Handynutzer aber auch orten, wo sich Freunde, Kollegen oder Kunden gerade aufhalten, wenn diese die Funktion freigeschaltet haben. Rechenstarke Smartphones und schnelle Netze ermöglichen es auch, in das Bild der Handykamera zusätzliche Informationen einzublenden, wie etwa Daten zu einem Bauwerk oder einer Firmenfiliale. Viele dieser Funktionen können daher auch im beruflichen Alltag nützlich sein, um mobil zu arbeiten und zu kommunizieren.
Nicht zuletzt deshalb sperren sich laut Jekel immer weniger Unternehmer, auf die Interessen, Nutzer- und Kommunikationsgewohnheiten ihrer Mitarbeiter einzugehen. In den USA gebe es sogar bereits Unternehmen, die Bewerbern ein iPad schenken, wenn sie zu einem Vorstellungsgespräch kommen. Der Kampf um die besten Köpfe ist in der IT- und Internetbranche nämlich längst entbrannt. Der Fachkräftemangel zwingt zunehmend auch deutsche Unternehmen, immer kreativer zu werden, um Mitarbeiter zu gewinnen und vor allem zu binden.
Allerdings birgt die neue Offenheit für individuelle Kommunikationstechnik auch Risiken. Je unterschiedlicher die benutzte Hard- und Software sei, desto schwieriger werde es, die Datensicherheit des Unternehmens zu gewährleisten und die IT-Landschaft administrativ zu beherrschen, sagt Lorenz Volckart, IT-Verantwortlicher beim Mittelständler Carl Stahl in Süßen. Er sieht aber auch, dass die Anforderungen der Kollegen in Vertrieb, Produktion oder Verwaltung immer individueller und differenzierter werden. Schließlich sind die 1350 Mitarbeiter des schwäbischen Seil-, Hebe- und Sicherheitstechnikspezialisten über 52 Standorte weltweit verteilt.
Manche Unternehmer lösen den Konflikt zwischen betrieblichem Bedürfnis nach Sicherheit und Administration sowie persönlichem Entfaltungswunsch auf eine einfache wie clevere Weise. Stefan Sträußl beispielsweise, Chef des Münchner Finanzdienstleisters CM-Equity, schenkte allen Mitarbeitern zum Jahreswechsel ein iPad als Dankeschön für das erfolgreiche Jahr. Damit hat sich Sträußl einerseits auf das Apple-Betriebssystem festgelegt und andererseits seinen Mitarbeitern alle Freiräume gelassen, per Smartphone oder Tablet-PC zu agieren.
Quelle: Financial Times Deutschland
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