14.04.2010, 13:07 Uhr | Sabine Meinert
Schlagfertigkeit lässt sich erlernen. (Foto: Imago)
Schlagfertig reagieren ist nicht jedermanns Sache. Doch im Beruf kann humorvolles Frotzeln oder elegantes Parieren hilfreich sein, zum Beispiel um Verhandlungen anzuschieben oder brenzlige Situationen zu entschärfen. Das kann man lernen, sagt eine Expertin.
Schlagfertigkeit ist nichts anderes als sehr hohe Flexibilität im Denken - und damit auch beim Sprechen, ist Martina Cyriax, Rhetoriktrainerin und Psycholinguistin aus Hamburg überzeugt. "Voraussetzung ist die Fähigkeit zu assoziieren. Wenn die Gedanken wirbeln und sich miteinander verknüpfen und man das Gemisch dann auch noch schnell in Sprache umsetzen kann, das nennt man Schlagfertigkeit."
Üblicherweise erfolgt das Denken jedoch meist in Satz- oder Eindrucksfetzen, manchmal geradezu außersprachlich. Das heißt, die Schwierigkeit besteht darin, den oft wenig durchdachten gedanklichen Impuls in klare, prägnante Sprache umzusetzen. Nur wenige haben diese Gabe von Natur aus - aber das kann man üben, ist die Trainerin überzeugt.
Gar nicht so abwegig ist nach Meinung von Cyriax, schon vorher Gedankenspiele anzustellen: Wenn ich den Kollegen Meier treffe und der wieder einen Spruch loslässt, wie könnte ich reagieren? "Denn wichtig ist, überhaupt erst einmal zu reagieren - egal in welcher Form. Es kann durchaus helfen, eine Spöttelei zunächst mit lautem Lachen zu beantworten. Oder auf eine ironische Kritik die Augenbrauen hochzuziehen und hörbar auszuatmen, um deutlich zu machen: ‚Ganz so sehe ich das nicht.' Dieser Moment gibt zudem Zeit zu überlegen, was könnte ich erwidern. Aber vor allem: Dass ich reagiere, zeigt, ich kann mit der Situation umgehen. Wer nichts tut, wirkt allenfalls stoffelig."
In ihren Seminaren geht Cyriax durchaus häufig wiederkehrende Situationen mit den Teilnehmern durch. Ihre Strategie dabei: analysieren der Szene, die Botschaften des Gesprächspartners abwehren, problemorientiertes Auflösen der Situation, Humor und Ironie dabei nicht vergessen. "Ich sehe Schlagfertigkeit eher als Fähigkeit zu kontern, als Replikfähigkeit. Natürlich wollen alle witzig sein, aber nur wenige haben das Humorgen wirklich intus. Alle anderen müssen sich das erarbeiten. Viel einfacher kann man lernen, mit ein bisschen Drive zu kontern."
Ein einfacher Tipp: Mehr reden - und zwar laut. Vor dem Spiegel, vor Freunden, vor dem Partner kann man viele Bemerkungen, die man so gerne mal den ewig krittelnden Kollegen mitgeben würde, testen. Gerade das Lautsprachliche hilft. Denn: Nichts ist peinlicher, als eine Replik, die man verhaspelt, vernuschelt oder vor lauter Aufregung drei Mal ansetzen muss. Zurückhaltende Menschen gelten in der Regel nicht als besonders schlagfertig - eben weil sie wenig sagen, verweist Cyriax auf Alltagserfahrungen. Hier komme möglicherweise die Ungeübtheit beim Umsetzen der eigenen Gedanken in klare, prägnante Sätze zum Ausdruck.
Hintergrund für den Wunsch nach mehr Schlagfertigkeit ist häufig, dass man sich über Kommentare anderer ärgert und diese nicht so witzig nimmt, wie der Gesprächspartner. Die Bemerkung wird so als Angriff, als kränkender Vorwurf begriffen. Dann gilt es zu analysieren, was ist das für eine Aussage? Ist es eine unterschwellige Belehrung, eine Provokation, eine Killerphrase oder gar eine Beleidigung? "Diese ‚Kommunikationssünden' muss man erkennen - und herausfinden: Warum nervt mich das so? Erinnert der Spruch mich an etwas anderes? Gibt es da einen schwelenden Konflikt, den ich nicht wahrhaben will? Hat man den Grund erkannt, kann man an der Einstellung dazu arbeiten. Das hilft, in solchen Situationen lockerer zu bleiben und eine passende Antwort zu finden." Interessant dabei sei, dass man häufig nur bei einer bestimmten Person den Wunsch habe, schlagfertiger zu sein, verweist die Linguistin auf den psychologischen Hintergrund.
Wer seine Einstellung tatsächlich ändert und beispielsweise auch den nervigen Kollegen Schulze mal zum Kaffee einlädt, nimmt diesem den Wind aus den Segeln. Bei provozierenden Sprüchen reicht es manchmal schon, etwas komplett anderes zu sagen, als der Provokateur erwartet - das verwirrt und hebelt den Angreifer aus. So könnte man den Spruch eines Kritikers umkehren und verwendete Begriffe redefinieren. Den Vorwurf der Pingeligkeit könnte man beispielsweise mit der Antwort parieren: "Sie nennen es pingelig, ich nenne es sorgfältig und gründlich."
Es gelte dabei, sich nicht zu weit zu entfernen vom eigenen Sprachempfinden. Gut beobachten, Kleinigkeiten registrieren und in Gespräche einbauen, ist eine gute Strategie. Auf keinen Fall sollte man auf hohle Sprüche zurückgreifen oder Gags auf Kosten anderer reißen. Mit (unerwartetem) Lob oder einem klassischen Themenwechsel kommt man häufig weiter. Cyriax: "Sich für ein anstehendes Meeting eine Replik auf vorhersehbare Kommentare zu überlegen, ist gut. Die witzige Masche eines Comedians zu kopieren, hilft auch weiter, will aber gekonnt sein. Aber einen markanten Satz im Hinterkopf zu haben, ist besser, als gar nicht zu reagieren."
Cyriax empfiehlt, durchaus die eigenen Gefühle in die Antwort zu packen, auch wenn das zunächst nicht originell klinge. Etwa: "Das habe ich mir gedacht, dass das von Dir wieder kommt." Das bringe den anderen in die Situation, sich für Unsachlichkeit oder Abschweifen rechtfertigen zu müssen. Und auch ironisches Lob kann manche Sinnlosigkeit stoppen. So zum Beispiel: "Ich bewundere Ihre Fähigkeit, Ihre Aussagen so häufig und hartnäckig zu wiederholen." Oder: "Glückwunsch! Diese Bemerkung haben Sie nun zum 72. Mal gemacht." Oder auch: "Mit dieser Bemerkung habe ich gerechnet. Sie sind so schön vorhersehbar."
Alles, was das "Sprechdenken" trainiert, wie die Rhetoriktrainerin sagt, bringt weiter. Die Fähigkeit, während des Denkens weiter zu sprechen - und umgekehrt - kann unter anderem durch Kreativitäts- und Denkübungen wie Gehirnjogging beflügelt werden. Zahlenspielereien, Farbrätsel, Wortspiele - all das pusht die kleinen grauen Zellen, die für gedankliche Kreativitätsübungen zuständig sind.
Im Beruf zeigt sich, dass Schlagfertige besonders gut mit Sprache umgehen können. Sie nutzen ihre Fähigkeit nicht nur als spielerisches Element, sondern auch als Werkzeug, als Machtinstrument, so Cyriax. "So lässt sich zeigen, dass man alle Facetten beherrscht. Man macht sich interessanter, wird als spannender und vielschichtiger wahrgenommen, gilt als kommunikativ kompetent. Das ist ein unbezahlbarer Imagefaktor, wenn man zeigen kann, dass man sich auf Personen und Situationen einstellen und jeweils angepasst interagieren kann." Für alle, die an ihrer Konterfähigkeit arbeiten wollen, hat Martina Cyriax noch einen Tipp: "Haben Sie nicht den Anspruch, immer schlagfertig agieren zu können. Sie müssen nicht immerzu einen Witz produzieren. Manchmal ist man einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden - dann geht gar nichts in Sachen Schlagfertigkeit. Dafür sind Sie aber vielleicht beim nächsten Mal wieder derjenige, der mit dem besten Konter punktet."
Quelle: Financial Times Deutschland
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