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Sonnenwende für Solarfirmen
27.05.2009, 17:21 Uhr | Financial Times Deutschland
Sonnenwende in der Solarbranche (Quelle: imago)Petra Wust war immer so stolz auf Bitterfeld-Wolfen. Stolz, "dass uns der Aufschwung von der dreckigsten Region Europas zum schönen Schwan gelungen ist", wie sie sagt. Stolz auf das "Solar Valley" an der Sonnenallee mit mehr als 4000 Arbeitsplätzen. Stolz auf Q-Cells, Herzstück am größten Standort der europäischen Solarbranche. Doch seit einigen Wochen fürchtet die Oberbürgermeisterin um ihr Wirtschaftswunder. "Die Menschen hier haben Angst, dass das Märchen bald vorbei sein könnte", sagt die 57-Jährige.
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Q-Cells verramscht das Tafelsilber
Gleich dreimal musste das frühere Vorzeigeunternehmen
Q-Cells zuletzt seine Umsatz- und Gewinnprognosen kassieren. Und als der einst weltgrößte Solarzellenhersteller kürzlich beim European Business Award zum "Unternehmen des Jahres" gekürt wurde, da schickte Konzernchef Anton Milner seinen Pressesprecher zur Gala in einem römischen Nobelhotel. Bilder eines feiernden Chefs hätten nicht in diese Zeit gepasst, in der Q-Cells drei von sechs Produktionslinien stilllegt. In der das Unternehmen seine Beteiligung am hochprofitablen Siliziumproduzenten REC verramscht, nur um an Bares zu kommen. In der es nun sogar Maschinen zum Verkauf anbietet. Q-Cells bleibt nur ein Trost. Anderen Fotovoltaikfirmen geht es noch dreckiger. Beim Berliner Modulbauer
Solon etwa stand die Produktion im ersten Quartal nahezu still. Und
Conergy aus Hamburg, die einstige Perle der jungen deutschen Cleantech-Branche, ringt nach einem Verlust von mehr als 300 Millionen Euro ums Überleben.
Selbst Optimisten befürchten eine Pleitewelle
Finanzierungslöcher, Absatzprobleme, Insolvenzängste. So etwas hat es noch nicht gegeben in dieser sonnenverwöhnten Zunft, die sich von Mittwoch (27.05.) an auf der weltgrößten Branchenmesse Intersolar in München präsentiert. Jahrelang hat Deutschlands Solarindustrie geboomt. Jetzt aber stecken manche Hersteller in Existenznöten. Von einem Quartal aufs nächste sind die Umsätze einiger Unternehmen um 70, 75 Prozent eingebrochen, Millionengewinne zu Millionenverlusten geworden. So dramatisch ist die Wende, dass selbst notorische Optimisten wie Frank Asbeck eine Pleitewelle befürchten. "Auch einige deutsche Hersteller wird es wohl erwischen, womöglich sogar einen der fünf oder sechs größten", prophezeit der Chef von
SolarWorld. "Alle Fußkranken werden in den kommenden beiden Jahren ausscheiden oder in Nischen abgedrängt."
Der Rausch ist vorbei
Auf ihren ersten großen Rückschlag ist die Branche kaum vorbereitet nach der vergangenen goldenen Dekade. Befeuert durch staatliche Förderprogramme in Spanien, Deutschland und anderswo hat sich die weltweite Nachfrage nach Fotovoltaikanlagen seit der Jahrtausendwende verzwanzigfacht. Aus Hinterhof-Ingenieurbüros wie Solarworld oder Vier-Mann-Klitschen wie Q-Cells wurden Weltkonzerne. Börsenstars, die den Anlegern zeitweise wertvoller waren als mancher DAX-Konzern. Hochprofitable Hightechfirmen, die beinahe täglich Erfolgsmeldungen ausspuckten - und alles daransetzten, weiter zu expandieren, um bloß den Anschluss nicht zu verlieren. Noch 2008 wuchs der weltweite Fotovoltaikmarkt um schwindelerregende 130 Prozent. Jetzt ist der Rausch vorbei, und die Branche bekommt die Folgen zu spüren. "Die Kapazitäten sind in all den Jahren noch stärker gestiegen als die Nachfrage", sagt Götz Fischbeck, Solarexperte der BHF-Bank. "Da ist der Schweinezyklus programmiert."
Schweigsamer Sonnenkönig
Zurzeit könne die Industrie pro Jahr Module mit einer Spitzenleistung von 18.000 Megawatt produzieren - das entspricht der Leistung fast aller deutschen Atomkraftwerke. Um die aktuelle Weltnachfrage zu decken, würde ein Drittel davon genügen. In diesem Jahr wird der Markt stagnieren. Bestenfalls. Die Herstellervereinigung EPIA erwartet ohne neue Unterstützungsprogramme der Politik ein Minus von mehr als 15 Prozent. Frühestens Ende 2010 dürfte es wieder aufwärtsgehen. Q-Cells-Chef Milner wollte diese Sonnenwende lange nicht wahrhaben. Noch im vergangenen Dezember, als sich die Finanzkrise schon zur Weltwirtschaftskrise ausgewachsen hatte, träumte der Brite vom Aufstieg in den DAX. Der Abschwung? Der werde Q-Cells kaum treffen, winkte Milner ab - und sagte für 2009 einen Umsatz von 2,25 Milliarden Euro und 450 Millionen Euro Betriebsgewinn voraus. Sieben Tage später musste er seine Prognosen erstmals senken. Zwei weitere Korrekturen und einen Aktienkurseinbruch später erwartet Milner nur noch 1,3 bis 1,6 Milliarden Euro Umsatz. Das Wort Gewinn nimmt er nicht mehr in den Mund.
Spanien dampft Förderung ein
Und Bitterfeld-Wolfen bangt. "Wenn bisher Nachrichten von Q-Cells kamen, waren die immer positiv", sagt Bürgermeisterin Wust. "Dieses Unternehmen hat den Menschen hier so viel Hoffnung gegeben. Jetzt kommen die Alarmzeichen." Seit dem Monatsanfang sind fast alle der 2500 Konzernmitarbeiter auf Kurzarbeit - im Solar Valley gibt es zurzeit kaum etwas zu tun. Rund eine Monatsproduktion unverkaufter Zellen soll Q-Cells noch auf Lager haben. "Gerade kommen ein paar Dinge zusammen, die fatal für die Fotovoltaikbranche sind", sagt Martina Ecker, Cleantech-Expertin der Investmentbank Jefferies. Da ist zum einen die Finanzkrise, wegen der die Betreiber großer Solarfelder nur noch schwer an Kredite für neue Projekte kommen. Und da ist die Deckelung der Förderung in Spanien: 2008 wurden im Solar-Dorado noch rund 2500 Megawatt installiert. Seit Anfang 2009 subventioniert der Staat aber neue Fotovoltaikfelder nur noch bis zu einer Leistung von 400 Megawatt pro Jahr. Damit brechen den Herstellern auf einen Schlag fast 40 Prozent ihres Weltmarkts weg.
Scharfer Preiswettbewerb
Ein scharfer Preiswettbewerb ist die Folge. Kosteten größere Fotovoltaikmodule im Frühling 2008 pro Watt Spitzenleistung zwischen 2,80 und 3,10 Euro, sind sie heute schon rund 30 Prozent billiger - Tendenz sinkend. "Der Markt ist in einem deflationären Szenario", sagt Dieter Manz, Chef des Spezialmaschinenbauers
Manz Automation. "Die Käufer warten darauf, dass die Preise noch weiter fallen. Und weil keiner kauft, fallen die Preise noch weiter." Auch Q-Cells muss nun Löcher stopfen. Als ein Überbrückungskredit fällig wird, verkauft Milner Anfang Mai die 17-Prozent-Beteiligung an der norwegischen Siliziumtochter REC. Das bringt Q-Cells zwar 530 Millionen Euro in die Kasse. Zugleich aber bedeutet es auch eine außerordentliche Abschreibung von 387 Millionen Euro, weil der Aktienkurs von REC weit unter den Buchwert gestürzt ist - und weil die Deutschen in ihrer Not die Anteile unter Börsenpreis abstoßen mussten. "Das geht in Richtung Tafelsilber verkaufen", sagt Investmentbankerin Ecker.
Billig-Konkurrenz aus China
Für Q-Cells und andere deutsche Zellenbauer wurde es schon vor der Malaise immer schwerer, gegen die wachsende Billigkonkurrenz aus China mitzuhalten. Schließlich sind Fotovoltaikzellen austauschbare Massenprodukte, mit denen man sich über Qualität kaum von Wettbewerbern abheben kann. "Die Chinesen haben Kostenvorteile. Das ist ein strukturelles Problem für alle europäischen Hersteller", sagt Patrick Hummel, Solarexperte der UBS. Und Maschinenbauer Manz prophezeit sogar: "Die Massenproduktion von Solarzellen und Modulen wird sich auf Dauer nicht in Deutschland halten lassen." Düstere Aussichten für Bitterfeld. Schon der jüngste Preisrutsch ließ manche hiesige Fertigungsstraße unwirtschaftlich werden. Doch er hat auch seine positiven Effekte. "Schon Ende kommenden Jahres könnte der Preis für Solarstrom vom Dach niedriger sein als die Endverbraucherpreise für Haushaltsstrom in Italien und den USA", erwartet BHF-Analyst Fischbeck. Dann wäre die Fotovoltaik zumindest in Teilen erstmals ohne Subventionen wettbewerbsfähig. Es wäre ein Durchbruch für die gesamte Branche.
Gute Chancen für Q-Cells
Doch bis es so weit ist, bis auch die Fördermaßnahmen von US-Präsident Barack Obama für die Solarindustrie greifen, dauert es noch mindestens ein Jahr. "Man muss 2009 und 2010 überstehen, dann wird das Umfeld wieder besser", sagt Fischbeck. "Bis dahin könnten einige Unternehmen über die Wupper gehen." Q-Cells wird die Krise trotz aller akuten Probleme wohl überleben. Schließlich verfügt der Konzern über einen finanzkräftigen, treuen Hauptaktionär: Marcel Brenninkmeijer. Der C&A-Milliardenerbe, der über seine Beteiligungsgesellschaft Good Energies knapp 48 Prozent der Anteile hält, kündigte vor zwei Wochen sogar an, als Aufsichtsratschef zu kandidieren. Petra Wust hat es mit Freude vernommen. "Wir wissen nicht, wie lange es dauert, bis wir im Solar Valley wieder dahin kommen, wo wir schon einmal waren", sagt die Bürgermeisterin. "Aber eins ist klar: Die Sonne wird die Zukunft sein." Auch für Bitterfeld-Wolfen? Q-Cells baut gerade ein neues Werk in Malaysia.
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Quelle: Financial Times Deutschland