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Sparen, bis der Arzt nicht mehr kommt

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Sparen, bis der Arzt nicht mehr kommt

25.02.2010, 16:59 Uhr | Tobias Lill, Spiegel Online

Der Kostendruck im Gesundheitswesen nimmt zu (Foto: Archiv)

Miese Zeiten für Privatpatienten: Laut Verbraucherschützern weigern sich die Versicherungen immer öfter, Rechnungen zu erstatten. Die Firmen weisen den Vorwurf zurück - doch die Zahl der Beschwerden steigt rasant.

PKV lehnte Operation ab

Die Operation war seine letzte Hoffnung. Die Rückenschmerzen, die Markus Löffler (Name geändert) quälten, waren schier unermesslich und keine Behandlungsmethode hatte Linderung gebracht. Fast bewegungsunfähig wandte sich der Münchner Privatversicherte Ende 2004 an einen Spezialisten. Der empfahl ihm, sich eine Bandscheibenprothese einsetzen zu lassen. Der 54-jährige Löffler schöpfte Hoffnung. Doch die böse Überraschung folgte prompt: Obwohl Löffler extra einen teureren Tarif gewählt hatte, lehnte seine private Krankenversicherung auf Nachfrage eine Erstattung der Kosten in Höhe von 22.000 Euro ab. Der Eingriff sei medizinisch nicht notwendig, teilte ihm die Kasse knapp mit.

Klinik verklagte Versicherung

Der verzweifelte Bayer ließ sich trotzdem operieren. Der schwierige Eingriff verlief erfolgreich und die Schmerzen ließen in der Folgezeit deutlich nach. Löffler bezahlte seinen Orthopäden deshalb zunächst selbst, und die Klinik verklagte anschließend seine Versicherung auf Kostenerstattung. Erst als ein unabhängiger Gutachter vor dem Landgericht München feststellte, dass die Operation sehr wohl "medizinisch notwendig war", lenkte die Kasse im Jahr 2007 ein und übernahm den Großteil der Rechnungssumme.

Verbraucherschützer schlagen Alarm

Löffler hatte Glück, über das nötige Geld zu verfügen. "Doch nur wenige können es sich leisten, einen Eingriff vorzufinanzieren", sagt der Münchner Anwalt Emil Brodski. Der Experte für Versicherungsrecht vertritt zahlreiche Privatpatienten, deren Anbieter sich weigerten, medizinisch notwendige Behandlungen zu bezahlen. Allein in den vergangenen vier Jahren habe sich die Zahl der Privatpatienten, die zu ihm kommen, verdoppelt. Ganz häufig wollten die Kassen etwa für eine ausreichende Physiotherapie nach einer Verletzung oder für eine Laserbehandlung der Augen nicht mehr aufkommen. "Manche Kranke verzichten als Folge gleich ganz auf die adäquate Behandlung", sagt Brodski.

Kostendruck wächst

Der Verband der Privaten Krankenversicherung bestreitet, dass seine Mitglieder weniger Kosten erstattet bekommen als noch vor einigen Jahren. Zwar sei der Kostendruck bei den Anbietern in den vergangenen Jahren schneller gestiegen als bei den gesetzlichen Kassen. Doch alles, was medizinisch notwendig sei, werde auch gezahlt, versichert ein Sprecher. "Ob die Kulanz der Anbieter sinkt, kann nur der einzelne Versicherer selbst beantworten." Bei einem großen Branchenvertreter heißt es dazu: "Die Unternehmen schauen genauer hin als noch vor einigen Jahren. Vertraglich vereinbarte Leistungen werden aber nach wie vor problemlos bezahlt."

Kostenübernahme immer öfter verweigert

Verbraucherschützer schlagen hingegen Alarm. "Die Fälle, in denen sich private Kassen weigern, eine medizinisch eindeutig notwendige Behandlung zu bezahlen, haben dramatisch zugenommen", sagt Rotraud Mahlo von der Verbraucherzentrale Niedersachsen auf Anfrage. So würden private Krankenversicherungen (PKV) etwa für Massagen oder bestimmte Medikamente auch in teuren Tarifen immer öfter nicht mehr aufkommen.

Zahl der unzufriedenen Privatversicherten steigt

Und das auch dann, wenn deren Zahlung ausdrücklich vertraglich vereinbart sei. "Da verschreibt der Arzt 30 Sitzungen Physiotherapie, doch die Kasse zahlt nur zehn oder 20", beschreibt Mahlo den typischen Fall. Die Versicherer begründeten ihre Ablehnung stets mit einer angeblich fehlenden "medizinischen Notwendigkeit".

Kunden sollen in billigere Tarife wechseln

Die Verbraucherschützerin kritisiert dieses "vor allem seit der Gesundheitsreform 2007 um sich greifende Verhalten" scharf. Insbesondere Kunden über 40 müssten häufiger als noch vor einigen Jahren damit rechnen, dass ihr Anbieter die Arztrechnung nicht vollständig übernimmt - zu Unrecht wohlgemerkt. "Manche Anbieter wollen Versicherte, die häufig krank sind, durch ständige Leistungskürzungen zwingen, in einen billigeren Tarif zu wechseln", sagt Mahlo. Dieser neue Tarif schließe dann von vornherein viele Leistungen aus.

Immer mehr Klagen

Glaubt man Verbraucherschützern, nehmen Gerichtsklagen gegen Privatversicherer rapide zu. Zwar ist die Versorgung der rund 8,5 Millionen Privatpatienten in der Regel wohl nach wie vor deutlich besser als die der gesetzlich Versicherten, doch Lilo Blunck, Vorsitzende des Bundes der Versicherten, warnt: "Es gibt eine stetig steigende Zahl von unzufriedenen PKV-Kunden." Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sieht ebenfalls einen Trend: "Die Versicherungen nehmen mittlerweile jedes Detail der Arztrechnung auseinander und wollen dann immer öfter nicht zahlen."

Geiz-ist-Geil-Mentalität der Versicherer

Häufig monieren die Versicherten auch mangelnde Kulanz. Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg geht davon aus, dass die Anbieter die Vertragsbedingungen "seit einigen Jahren offenbar strenger auslegen". Früher hätten die Versicherungsunternehmen öfter als heute auch Leistungen bezahlt, zu denen sie eigentlich gar nicht verpflichtet gewesen wären.

Versicherer unter Druck

Schuld an der Geiz-ist-Geil-Mentalität zahlreicher Versicherer ist der gestiegene Kostendruck. Die rapide anziehenden Gesundheitskosten machen den privaten Versicherern enorm zu schaffen. Zudem hat die letzte Reform der ehemaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) den privaten Krankenversicherungen die Gewinnung von Neukunden erheblich erschwert. Schmidt führte 2007 eine - mittlerweile von Schwarz-Gelb wieder abgeschaffte - dreijährige Wartezeit vor einem möglichen Übertritt in die PKV ein.

Kundenzahl ging zurück

Darüber hinaus wurde die Gehaltsgrenze - bis zu der sich Arbeitnehmer gesetzlich versichern müssen - kräftig erhöht. Bei vielen Versicherungen ging die Zahl der Kunden als Folge deutlich zurück. Auch versuchen viele Ärzte, bei den PKV-Kunden zu holen, was bei den gesetzlichen Kassen gestrichen wurde. Für die privaten Anbieter treibt dies die Kosten in die Höhe. Die Unternehmen reagieren darauf mit einem offenbar geringeren Leistungsumfang - und mit regelmäßigen Beitragserhöhungen.

Ombudsmann muss oft schlichten

Immer öfter muss der Ombudsmann für die private Kranken- und Pflegeversicherung schlichten. Gingen 2003 noch 2208 Beschwerden bei seiner Stelle ein, waren es 2008 mit 4376 bereits fast doppelt so viele. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der neu registrierten Streitfälle noch einmal deutlich auf "mehr als 5000", wie Ombudsmann Helmut Müller auf Anfrage von Spiegel Online mitteilte. Die privaten Krankenversicherer haben für den Anstieg der Beschwerden eine einfache Erklärung: Dieser sei den zurückgehenden Eingängen bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) geschuldet. Allerdings sank die Zahl der bei der BaFin eingegangenen Beschwerden über private Krankenversicherer von 2001 bis 2008 laut amtlicher Statistik lediglich von 2919 auf 2159. Die Zunahme der beim Ombudsmann registrierten Streitfälle lässt sich damit also nur zu einem geringen Teil erklären.

Weniger Kulanz als früher

Ob der Anstieg der Beschwerden damit zu tun hat, dass die Versicherer tatsächlich weniger Leistungen zahlten als früher, lässt sich laut Ombudsmann Müller "mit der vorhandenen Datenmenge jedoch nicht feststellen". Ursächlich für den Anstieg der Beschwerden könne der steigende Bekanntheitsgrad der im Oktober 2001 ins Leben gerufenen Institution sein. Der Schlichter geht davon aus, dass Fälle, in denen Anbieter ihre vertraglichen Verpflichtungen nicht einhalten, selten sind. "Mein Bauchgefühl sagt mir jedoch, dass die Versicherer weniger kulant sind als noch vor einigen Jahren", sagt Müller, dessen Arbeit von den Versicherern finanziert wird.

Es geht ums nackte Überleben

Um Kulanz geht es bei den Menschen, die sich an Anwalt Brodski wenden, längst nicht mehr, eher ums nackte Überleben. "Immer häufiger zahlen manche Privatkassen auch bei schweren Krankheiten nicht die beste Behandlung", sagt er. So etwa bei einem an Prostatakrebs erkrankten Mann. Als sich seine Versicherung weigerte, für die Kosten einer neuen, aber besonders erfolgversprechenden Therapie aufzukommen, musste sich dieser sein Recht vor Gericht erkämpfen. Wer eh schon leidet, verliert durch lange Prozesse weitere Kräfte.

Beschwerden oft erfolgreich

Der Ansturm auf den Ombudsmann dürfte weiter anhalten. Denn laut Müller waren immerhin etwa 30 Prozent der Beschwerden im vergangenen Jahr erfolgreich. Und falls das nicht hilft, rät Anwalt Brodski seinen Mandanten, den Rechtsweg nicht zu scheuen: "Die Klageaussichten sind vielversprechend, weil die Gerichte eine andere Wahrnehmung von 'medizinisch notwendig' haben als die privaten Kassen." So wie im Fall Löffler.


Quelle: Spiegel Online

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