Stahlkonzerne suchen neue Rohstoff-Strategien (Foto: imago)Das Jahr 2010 werden die Stahlkonzerne so schnell wie möglich abhaken wollen: Im Frühjahr mussten sie sich nach harten Verhandlungen der Macht der Rohstoff-Lieferanten beugen. Das bislang praktizierte System von Jahresverträgen bei der Beschaffung von Eisenerz ist seitdem Geschichte. Die Preise werden nun nur noch quartalsweise festgelegt - und das bedeutet im Endeffekt steigende und stark schwankende Preise. Das Problem für ThyssenKrupp, Salzgitter und Co.: Sie können die höheren Preise nicht so ohne weiteres an ihre Kunden weiterreichen. Die Stahl-Branche sucht nun nach Auswegen aus dem Preisdiktat.
Die Stahlkonzerne sind bislang nicht einmal zu den Preisverhandlungen eingeladen worden - dafür sind sie einfach zu klein. Weit mehr als die Hälfte der Weltproduktion an Erz kommt aus Asien. Deshalb führen die großen drei Bergbaukonzerne - Vale, Rio Tinto und BHP Billiton - dort ihre Preisgespräche. Was dabei herauskommt, hat Vorbildcharakter für den Rest der Welt.
Allein im April stiegen die Preise nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl um 91 Prozent, im folgenden Quartal noch einmal um 34 Prozent. "Die Kosten für die Stahlindustrie erreichten ein bisher nicht gekanntes Niveau", sagt Verbandschef Hans Jürgen Kerkhoff.
Salzgitter blickt mit Sorge auf den Erzpreis
Der scheidende Chef des zweitgrößten deutschen Stahlherstellers Salzgitter, Wolfgang Leese, nennt die neue Rohstoffsituation die größte Herausforderung für das künftige Management. Die Gesellschaft versucht über geschickte Verträge Beschaffung und Verkauf in Einklang zu bringen. Im Laufe des Jahres sei das auch ganz gut gelungen, sagt der künftige Firmenchef Heinz Jörg Fuhrmann. Der bisherige Finanzvorstand muss aber auch einräumen, dass dies im Frühjahr noch nicht so war.
ArcelorMittal sucht selbst nach Erz
Der größte Stahlkonzern der Welt, ArcelorMittal, versucht die Abhängigkeit von den Rohstoffkonzernen durch den Ausbau der eigenen Rohstoff-Förderung zu reduzieren. Seit Jahren investiert Vorstandschef Lakshmi Mittal schon in eine eigene Rohstoffbasis. Bis 2015 will das in Luxemburg ansässige Unternehmen seine Erzförderung nun auf 100 Millionen Tonnen verdoppeln und so praktisch zum Selbstversorger werden. Vier Milliarden Dollar soll das kosten. Schwerpunkt ist dabei Afrika, wo auch Chinas Regierung versucht, den Rohstoffhunger der eigenen Wirtschaft zu stillen. In einigen Projekten arbeiten die Chinesen bereits mit ArcelorMittal zusammen.
ThyssenKrupp setzt auf Berlin
Die deutschen Unternehmen schauen bei dieser Entwicklung noch zu - die Unruhe wird allerdings größer. ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz schlug daher bereits die Gründung einer deutschen Rohstoff AG vor. In dieser könnten verschiedene Unternehmen ihre Rohstoff-Geschäft bündeln, meint der Manager. Ihm schwebt dabei auch vor, dass dieses gemeinsame Unternehmen sich an Minen weltweit beteiligen könnte. Das könnte teuer werden, da die Preise für Minen im Einklang mit den Rohstoffpreisen gestiegen sind.
Die Bundesregierung hat Unterstützung signalisiert. Für seltene Erden ist bereits eine Rohstoffagentur geplant. Ähnliches wünschen sich die Stahlhersteller auch für Massenrohstoffe.
Kooperation mit Vale
Bis es so weit ist, probiert ThyssenKrupp einen anderen Weg aus dem Preisdiktat. Es verbündet sich mit seinem Hauptlieferanten Vale. Der brasilianische Erzförderer ist zu fast 30 Prozent an dem neuen ThyssenKrupp-Stahlwerk in Brasilien beteiligt. Und dem Vernehmen nach bekommt dieses Werk von Vale beim Erz Vorzugspreise. Es soll sogar schon Gedanken bei ThyssenKrupp geben, dass sich Vale an der gesamte Stahlsparte beteiligt. Dagegen sind die Widerstände beim Ruhrkonzern aber noch groß.