03.12.2009, 09:22 Uhr | Financial Times Deutschland
Ein Überschuss an Windkraft führt zeitweise zu negativen Strompreisen (Foto: imago)Energie verbrauchen und dafür noch Geld kassieren - zu schön, um wahr zu sein? Nein. Temporäre Überkapazitäten von Windrädern führen zu einem lukrativen Handel an der Strombörse EEX. Endkunden haben davon aber nichts. #
Wer letzten Sonntag zwischen sieben und acht Uhr Strom konsumierte, erhielt Bares. Vorausgesetzt, er zählt zu den rund 200 Teilnehmern der Leipziger Strombörse EEX. Je Megawattstunde gab es 0,06 Euro. Nicht viel, aber besser, als zahlen zu müssen. Am Dienstag voriger Woche kassierten Stromkonsumenten zwischen drei und vier Uhr in der Frühe sogar 149,94 Euro je Megawattstunde. Auch in der Nacht davor gab's Geld für den Stromverbrauch.
"Solche negativen Strompreise ergeben sich immer häufiger, wenn hohes Stromaufkommen mit einer geringen Nachfrage zusammentrifft", sagt Tobias Federico, Chef der Berliner Researchfirma Energy Brainpool. An windigen Herbsttagen ist die Wahrscheinlichkeit hoch: Bläst es kräftig, schicken Windräder eine Leistung von bis zu 20.000 Megawatt ins Netz. Das sind nicht einmal alle Windanlagen in Deutschland, denn nie weht es überall stark. Doch die Power ist auch dann noch so groß, dass sie der Produktion von 16 Atommeilern entspricht.
Im Netz kann es eng werden
Dämpfen gleichzeitig milde Außentemperaturen den Konsum, wird es eng im Netz. Den Windstrom müssen die Netzbetreiber abnehmen - so will es das Gesetz. Speichern können sie ihn nicht - so will es die Physik. Bleibt nur, Marktteilnehmer dafür zu bezahlen, dass sie überschüssige Mengen verbrauchen. "Buchhalterisch gibt es keine negativen Preise", stellt Federico klar, "es handelt sich eigentlich um ein Dienstleistungsentgelt für Stromentnahme." Eine Art Entsorgungsgebühr für Elektrizität mithin.
Pumpspeicherkraftwerke als Lösung
"Aus unserer Sicht ist das die marktorientierte Lösung eines temporären Problems", sagt Martin Keiner, beim Konzern RWE für die Optimierung des kurzfristigen Kraftwerkseinsatzes zuständig. Überschüssigen Strom gibt es nur stundenweise am Kurzfristmarkt der EEX. "Wir kommen damit zurecht", so Keiner. Logisch: Der Manager dirigiert nicht nur die Kohleblöcke von RWE, sondern auch das Pumpspeicherkraftwerk Vianden und weitere Anlagen mit 2500 Megawatt Kapazität. Das sind Wasserkraftwerke, die, grob gesagt, je ein großes Becken oben und unten haben und dazwischen Röhren mit Generatoren und Pumpen. Damit kann Martin Keiner in Minutenschnelle zwischen Stromproduktion und -verbrauch umschalten.
Wer flexibel ist, profitiert
Die Flexibilität zahlt sich aus. Wer Pumpen am 4. Oktober tief in der Nacht einschalten konnte, kassierte kurzzeitig über 500 Euro je Megawattstunde - ein Rekord. Ließ er dasselbe Wasser wenige Stunden später, als die Sonntagsbraten in den Elektroröhren brutzelten, wieder durch die Generatoren strömen, bekam er wieder Geld - diesmal für den erzeugten Strom. 43,47 Euro zahlte die Abwicklungsstelle der EEX jetzt. "Ein schönes Geschäft", freut sich ein Vorstandsmitglied eines Energiekonzerns. Insgesamt verfügen deutsche Stromerzeuger über 8000 Megawatt Pumpspeicherkapazität, darunter Vattenfalls Anlage Goldisthal in Thüringen als größte. Profitieren können aber alle EEX-Teilnehmer, die den Stromverbrauch flexibel organisieren.
Herkömmliche Kraftwerke können gleichmäßiger laufen
Für die Betreiber von Kraftwerksparks wie RWE ist es von Vorteil, wenn negative Strompreise den Konsum kurzfristig hochtreiben. Eine gleichmäßigere Verbrauchskurve erspart ihnen das teure Herunterfahren konventioneller Kraftwerke. Bei einem Braunkohlekraftwerk etwa dauert das vier bis sechs Stunden, erläutert Keiner: "Außerdem können Kraftwerke bei zu schnellem Lastwechsel Schäden davontragen." Da sei es wirtschaftlicher, für Stromverbrauch zu zahlen. RWE zählte 2008 zu den Protagonisten, die dafür sorgten, dass die EEX-Software jetzt auch unter null rechnen kann.
Dem Verbraucher nützt das Spiel kaum etwas
Und was hat Otto Normalverbraucher davon? Wenig. Tobias Federico: "Wenn die Spotpreise an der Börse dauerhaft niedrig oder unter null liegen, können auch die Langfristnotierungen sinken. Das bedeutet niedrigere Beschaffungskosten für die Versorger, die diese an die Endkunden weitergeben können." Tun sie aber nicht. Stattdessen haben 139 Stromversorger für 2010 Preiserhöhungen bis 16 Prozent angekündigt, rechnete das Portal "Toptarif" am Dienstag vor.