28.05.2010, 08:18 Uhr | Spiegel Online
Stress und Hektik im Job macht immer mehr Menschen krank. (Foto: Imago)
Raubt die moderne Arbeitswelt den Deutschen den letzten Nerv? Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse melden sich heutzutage 40 Prozent mehr Beschäftigte aus psychischen Gründen krank als noch vor zehn Jahren. Auch die Einnahme von Psychopharmaka steigt deutlich an.
Stress und hohe Belastung am Arbeitsplatz führen zu immer mehr Krankschreibungen. In den vergangenen zehn Jahren sei die Anzahl psychisch bedingter Krankschreibungen bundesweit um fast 40 Prozent gestiegen, teilt die Techniker Krankenkasse (TK) in ihrem aktuellen Gesundheitsreport mit, in dem erstmals Daten aus einem Jahrzehnt berücksichtigt wurden.
Psychische Störungen sind demnach einer der Hauptgründe für Fehlzeiten bei Beschäftigten. "Die Arbeitswelt hat sich in diesen zehn Jahren deutlich gewandelt", erklärte der Vorsitzende des TK-Vorstandes, Norbert Klusen. Der Arbeitsrhythmus sei weniger selbstbestimmt als noch vor zehn Jahren, sagte Klusen. Als Stress-Gründe nannte er vor allem die Zunahme befristeter Jobs sowie die Beschleunigung und Hektik durch massenweise E-Mails und die ständige Erreichbarkeit über Handy. "Das geht an den Menschen nicht spurlos vorbei."
Der Sozialmediziner Thomas Grobe sagte: "Wir wissen alle, wie die Arbeitswelt sich verändert hat - und das geht auf die Nerven." Patienten mit psychischen Erkrankungen sind der Studie zufolge meist sehr lange arbeitsunfähig, oftmals mehrere Monate. Umso schwerer falle dann die Wiedereingliederung des Mitarbeiters in den Arbeitsalltag, sagte Klusen. Fehlzeiten mit Krankengeldbezug, also Ausfälle länger als sechs Wochen, nahmen laut Gesundheitsreport allein im vergangenen Jahr um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr zu.
Psychopharmaka wurden 2009 mehr als ein Drittel so oft verschrieben als noch vor zehn Jahren. Bei Frauen hat sich die Einnahme von Antidepressiva verdoppelt, bei Männern liegt der Zuwachs sogar bei fast 120 Prozent. Auch Herz-Kreislauf-Präparate werden heute mehr als doppelt so häufig verschrieben. Nur ein Drittel des Anstiegs lässt sich laut Klusen durch das gestiegene Durchschnittsalter erklären. Bei der TK sind derzeit rund 3,4 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Arbeitslosengeld I-Empfänger versichert.
Von den Belastungen der neuen Arbeitswelt seien Arbeitslose nicht ausgeschlossen, sagte Klusen. Ganz im Gegenteil: "Arbeitslose sind von nahezu allen Diagnosen häufiger betroffen als jede andere Gruppe. Besonders groß ist die Schere jedoch bei den psychischen Störungen", sagte Grobe, der die Daten für die TK auswertete.
Im vergangenen Jahr waren Arbeitslose mit durchschnittlich 20,3 Tagen mehr als fünf Tage länger arbeitsunfähig als noch vor zehn Jahren. Arbeitslose Frauen erhielten doppelt so viele Antidepressiva wie berufstätige Frauen, arbeitslose Männer lagen sogar um 200 Prozent über dem Volumen der Berufstätigen.
Da Arbeitnehmer mit besseren Arbeitsbedingungen zufriedener und leistungsfähiger seien, fordert Klusen ein betriebliches Gesundheitsmanagement innerhalb der Unternehmen. Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen würde aus Sicht des Krankenkassenvorstands in Unternehmen zu weniger Fluktuation und Fehlzeiten sowie zu einer höheren Produktivität führen.
Spiegel Online
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