13.07.2009, 08:58 Uhr | Financial Times Deutschland
Stahl und Werften belasten den Mischkonzern ThyssenKrupp schwer. (Foto: dpa)Die Rezession treibt den Stahl- und Industriegüterkonzern ThyssenKrupp tief in die roten Zahlen. Nach Informationen der "Financial Times Deutschland" (FTD) geht der Vorstand für das gesamte Geschäftsjahr nach internen Schätzungen zurzeit von einem Vorsteuerverlust von über 1,5 Milliarden Euro aus.
Erstmals seit Fusion rote Zahlen im operativen Geschäft
Von den insgesamt fünf Sparten werde einzig das Aufzuggeschäft positiv abschließen, hieß es. Der Konzern wollte die Informationen am Sonntag nicht kommentieren. Diese düstere Prognose zeigt, wie stark die deutsche Industrie von der aktuellen Krise erschüttert wird. Der Verlust wäre der erste seit der Fusion von Thyssen und Krupp vor zehn Jahren. Zwar hatte es zuletzt vermehrt Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung gegeben - etwa einen starken Anstieg der Aufträge für die deutsche Industrie. Bis dieser Trend auch in den Konzernbilanzen ankommt, werden allerdings noch einige Monate vergehen.
Stahl und Werften belasten Konzern schwer
Den Berechnungen des ThyssenKrupp-Vorstands zufolge werden aus heutiger Sicht die Dienstleistungs- und die Industriegütersparte Technologies (Werften, Autozulieferung, Anlagenbau, Transrapid) im Gesamtjahr jeweils operative Verluste in dreistelliger Millionenhöhe schreiben. 2007/08 wies das Servicegeschäft noch einen Gewinn vor Steuern von 750 Millionen Euro aus. Der Gewinn der Industriegütersparte lag bei 741 Millionen Euro. Zudem rechne der Vorstand in diesem Jahr beim Flachstahl, vor allem aber beim Edelstahl mit Verlusten, hieß es. Das Geschäftsjahr endet bei ThyssenKrupp am 30. September.
Konkurrenz blutet ebenfalls
Auch die Konkurrenten ArcelorMittal und Salzgitter hatten zuletzt rote Zahlen im operativen Geschäft geschrieben. Die Stahlhersteller mussten bei vollen Lagern einen abrupten Auftragsstopp der Kunden aus der Auto-, Maschinenbau- und Bauindustrie verkraften. Außerdem kann ein Stahlwerk nur bei einer Auslastung von mindestens 60 Prozent kostendeckend arbeiten. Die Konzerne hatten ihre Produktion jedoch teilweise um mehr als 50 Prozent drosseln müssen.
Im Vorjahr noch Milliardengewinne verzeichnet
In seiner im Mai veröffentlichten Prognose hatte ThyssenKrupp einen Konzernverlust vor Steuern in mittlerer bis höherer dreistelliger Millionen-Euro-Höhe in Aussicht gestellt - allerdings ohne Sondereffekte. Hierzu zählt der Vorstand die Kosten für den Konzernumbau, Belastungen wegen neuer Stahlwerke in Nord- und Südamerika sowie Abschreibungen. Zur voraussichtlichen Gesamthöhe dieser Sondereffekte macht ThyssenKrupp bisher keine Angaben. Im Vorjahr erzielte der Konzern bei 53,4 Milliarden Euro Umsatz noch einen Vorsteuergewinn von 3,1 Milliarden Euro.
Aufzüge noch gefragt
Insbesondere die Werften bereiten dem Konzern große Probleme. Nach "FTD"-Informationen wurden mittlerweile Aufträge für zehn Containerschiffe und sechs Megayachten storniert. Ein Lichtblick bleibe hingegen die Aufzugsparte, die stark von der Nachfrage nach Serviceleistungen profitiere. Hier sei sogar ein Gewinnplus zu erwarten, hieß es. Den Bericht zum dritten Quartal veröffentlicht ThyssenKrupp am 14. August.
Konzern will Zwischenholdings abschaffen
Konzernchef Ekkehard Schulz steuert mit Kostensenkungen gegen. Die Abschaffung von Zwischenholdings und ein Effizienzprogramm sollen rund zwei Milliarden Euro sparen helfen. Mindestens 900 Millionen Euro könnten dem Konzern Analysten zufolge aus dem Verkauf weiterer Anteile an den brasilianischen Joint-Venture-Partner Vale zufließen. Dies könnte die Bilanz entsprechend entlasten.
Brasilianer wollen ihren Anteil am Geschäft erhöhen
Schulz hatte sich vor Kurzem zuversichtlich geäußert, das Geschäft bis Anfang September abzuschließen. Der brasilianische Eisenerzkonzern will seinen Anteil von zehn auf bis zu 30 Prozent aufstocken. In Brasilien baut ThyssenKrupp derzeit für 4,5 Milliarden Euro ein neues Werk, das rund 1,5 Milliarden Euro teurer wird als ursprünglich geplant.