28.02.2011, 09:33 Uhr | FTD, Jarka Kubsova
Erfinder Udo Peters mit seinem Kipp-Tester für Grabsteine. (Foto: Udo Peters)
Friedhöfe sind ein gefährliches Pflaster: Jedes Jahr verursachen umstürzende Grabsteinen Dutzende Unfälle. Deshalb kommen nach dem Frost die Grabsteinprüfer zum Zuge - und die Erfindung eines pfiffigen Bastlers.
Einmal im Jahr, meistens wenn die Sonne wieder etwas kräftiger scheint, schließt Petra Piorek die Friedhofsgärtnerei auf, holt einen kleinen dunklen Koffer aus dem Regal, ruft ihre Kollegen zusammen, dann geht's los: Grabsteinrütteln.
Piorek ist Verwalterin des evangelischen Friedhofs Sonnborn in Wuppertal, im Koffer ist ihr Grabstein-Kipp-Tester: eine silberne Büchse, groß wie eine Haarspraydose, mit schwarzen Griffen rechts und links, in der Mitte eine Messuhr. Piorek presst die gummierte Vorderseite gegen die verwitterte Stele von Pastor Voßwinkel aus dem Jahre 1889. Für mehr Hebelwirkung könnte sie auch noch eine Stahlstange an den Kipp-Tester montieren: Dann ließe sich mit dem gesamten Körper drücken. Aber heute ist das nicht nötig: Piorek drückt, drückt noch fester, der Zeiger schlägt aus, die Dose tutet - Test bestanden. Voßwinkels Ruhestätte ist keine Bedrohung.
Das lässt sich nicht von jedem Grabmal behaupten; Friedhöfe sind gefährliche Pflaster. Etwa 70 bis 80 Friedhofsmitarbeiter werden dort Jahr für Jahr verletzt, bisweilen schwer. Die Unfallstatistik der Gartenbau-Berufsgenossenschaft liest sich wie die Bestandsaufnahme nach einem Erdbeben: lädierte Brustkörbe, gequetschte Weichteile, verdrehte Lendenwirbel und viele gebrochene Finger. In mehreren Fällen begruben die Steine einen Menschen gar völlig unter sich. Und die Genossenschaft erfasst nur die eigenen Versicherten. "Die Zahl der verletzten Zivilisten ist sicher noch sehr viel höher", sagt Frank Gutheil, Leiter der Präventionsabteilung.
Einer der tragischsten Fälle ereignete sich in Deutschland zuletzt 2003 in Bayern, als ein sechsjähriges Mädchen vom umgestürzten Grabstein der Großmutter erschlagen wurde. In einem typischen Unfallszenario allerdings stützen oder lehnen sich Menschen an gelockerte Grabsteine, stürzen mit um oder landen drunter. Am gefährlichsten seien die schwarzen Granitsteine aus den 60er-Jahren, sagt Gutheil. Zu der Zeit hätten die Steinmetze beim Aufstellen oft geschlampt.
Auf dem Friedhof von Petra Piorek ist noch nie ein Unglück passiert. Er liegt im Westen der Stadt auf einem Hügel, 4000 Grabsteine auf 1,8 Hektar Fläche, an den Wegen Rhododendren und Blautannen, in einer der vorderen Reihen steckt ein Landschaftsgärtner gerade hüfthoch in der Erde und hebt ein Gemeinschaftsgrab für Urnen aus, eine ältere Dame arrangiert an einem Grab das Blumengesteck neu, jede Viertelstunde schlägt ein Glockenturm. Ruhe ist alles, was der Ort verspricht.
Damit das so bleibt, zieht Piorek einmal im Jahr los und überprüft sämtliche Gräber. Immer nach der Winterperiode, denn Bodenfrost kann viel anrichten. "Nach so harten Wintern wie den vergangenen beiden", sagt Piorek, "sind die Schäden größer als sonst. Der Boden senkt sich, die Fundamente bröckeln." Wenn ein Grabstein zu locker sitzt, kommt ein Aufkleber drauf: "Achtung, Unfallgefahr!" Der Rest ist dann Sache der Angehörigen.
Der Tüftler ersann Technik fürs pietätvolle Rütteln Die Prüfung ist Vorschrift, und sie hat nach der "Technischen Anleitung zur Standsicherheit von Grabmalanlagen" zu erfolgen. 61 Seiten umfasst das Regelwerk der Gartenbau-Berufsgenossenschaft. Unter anderem schreibt sie vor, dass jeder Grabstein einer Druckkraft von 300 Newton standhalten muss, was etwa 30 Kilo entspricht. Jahrelang haben die Friedhofsverwalter die Standprüfung per Hand durchgeführt, daher auch der Name "Rüttelprüfung". Der wird allerdings nur inoffiziell verwendet. Denn Rütteln und alle anderen ruckartigen Bewegungen verstoßen gegen die Vorschrift.Doch selbst wenn sich Friedhofsverwalter vorschriftsmäßig gegen die Steine stemmen, Kontrolle darüber, wie viel Gewicht sie aufwenden, haben sie nicht. "Die Handprüfung ist gefährlich und unzureichend", sagt Udo Peters. Dass er das sagt, überrascht nicht weiter. Denn Peters hat den Kipp-Tester erfunden.1997 war das, und er erzählt gern, wie ihm seine Geschäftsidee kam: auf einem Friedhof, bei der Beerdigung seines Vaters. Peters wollte nicht heulen, so suchte er Ablenkung in der Umgebung. Da entdeckte er einen schiefen Grabstein. Ob der nicht umfallen könne, fragte er einen Friedhofsangestellten später. "Nein, nein", sagte der, "den haben wir überprüft, wie jedes Jahr." Da erfuhr Peters vom Rütteltest - und sah die Nische.
Schließlich arbeitete er für eine Firma für Messtechnik und Materialprüfung. Also tüftelte Peters zusammen mit einem Ingenieur an einem entsprechendem Gerät, ließ es von einem befreundeten Dreher und Fräser bauen, taufte es Kipp-Tester und ging schon bald in den Vertrieb. 630 Euro kostet das Gerät, viele Steinmetze führen es in ihrem Sortiment. "Das Geschäft läuft gut", sagt Peters, "Ich kann davon leben."
Es ist tatsächlich eine Marktlücke gewesen, die er da entdeckte: In Deutschland gibt es gut 50.000 Friedhöfe mit unzähligen Grabsteinen, die Jahr für Jahr überprüft werden müssen. Aber Peters hat sich den Kipp-Tester nie patentieren lassen, und so muss er sich das lukrative Geschäft mit Konkurrenten teilen. Mit Torsten Köster etwa. Auch er bietet ein Gerät an - und er nimmt den Friedhofsverwaltern bei Bedarf gleich noch die Prüfarbeit ab. "Ich verstehe mich als Dienstleister", sagt Köster. "Ich komme, prüfe und verschwinde wieder." Pro Grab kassiert er zwischen 80 Cent und 1 Euro.
Köster selbst sei bei der Arbeit in der Gefahrenzone noch nichts passiert, aber an schlimme Unfälle kann er sich erinnern. An eine Landschaftsgärtnerin etwa, die sich die Hand zwischen zwei Grabplatten so unglücklich gequetscht hat, dass eine Fingerkuppe amputiert werden musste. "Früher konnte sie das Zehnfingertippsystem", sagt Köster, "jetzt ist das K weg." Und trotzdem: "Es fließt noch viel zu wenig Blut", sagt er, "eigentlich müsste noch viel mehr passieren, damit die Verwalter die Notwendigkeit für eine professionelle Prüfung erkennen."
Kipp-Tester-Erfinder Peters sieht das etwas gelassener, schon allein aus demografischen Gründen. "Gestorben wird ja immer mehr", sagt er.
Quelle: Financial Times Deutschland
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