General Motors vor der Insolvenz (Foto: Reuters)Für GM läuft die Zeit ab, ein Ultimatum der US-Regierung ist verstrichen - nun droht die größte Pleite, die Amerika je erlebt hat. Politiker, Gewerkschafter und Mitarbeiter bangen um Jobs, doch eine Branche wittert das große Geschäft: Heerscharen von Anwälten wollen von der Abwicklung profitieren.
Eigentlich wollte Martin Bienenstock Arzt werden. Zunächst studierte er Medizin, bevor er sich der Betriebswirtschaft und Jura widmete. Es war der Beginn einer steilen Karriere, die ihn schließlich, per aktueller Rangliste des US-Juristenblatts "National Law Journal", in den Olymp der "100 einflussreichsten Anwälte in Amerika" erhob. Die Kombination aus Medizin, BWL und Jura dürfte Bienenstock jetzt zupass kommen. Sein Team bei der New Yorker Kanzlei Dewey & LeBoeuf kennt sich aus mit schwierigen Operationen. Die Truppe ist auf Insolvenzen und aufwendige Firmen-Umstrukturierungen spezialisiert und hat schon bei etlichen schlagzeilenträchtigen Pleitefällen mitgemischt: Enron, MGM Mirage, Chrysler, Lehman Brothers, Bally Total Fitness.
Folgenschweres Verfahren
Doch jetzt hat Bienenstock, 56, den wohl größten Job auf dem Schreibtisch. Er soll den Autobauer General Motors (GM) durch die Insolvenz steuern - und damit das größte, komplizierteste und folgenschwerste Verfahren seiner Art begleiten, das die USA je erlebt haben. Branchenkolumnist Matthew DeBord spricht vom "dunkelsten Tag in der Wirtschaftsgeschichte Amerikas". Für Bienenstock hingegen ist es der Höhepunkt seiner Karriere: eine Mega-Herausforderung, die nicht nur juristische Brillanz erfordert, sondern geradezu chirurgische Präzision.
Frist für GM-Gläubiger abgelaufen
Denn seit der Nacht zum Mittwoch ist die GM-Insolvenz so gut wie beschlossene Sache: Um Mitternacht (Ortszeit) verstrich die Frist für die US-Gläubiger der Opel-Mutter, das staatliche Ausgleichsangebot anzunehmen, das als letzte Chance einer außergerichtlichen Einigung galt. Wie viele dem Plan zustimmten, war zunächst nicht bekannt. Eine Gruppe von Gläubigern verließ die Verhandlungen allerdings bereits vorzeitig. Für sie sei der Plan untragbar. Schon im Vorfeld hatten die meisten Beobachter mit einem Scheitern der Gespräche gerechnet. Die US-Regierung hatte den GM-Anlegern im Gegenzug für die 27 Milliarden Dollar, die der Konzern ihnen schuldet, einen zehnprozentigen Anteil an dem umstrukturierten Unternehmen offeriert. Die Gläubiger hatten aber 58 Prozent gefordert. Das Ultimatum lief ab, die Geldgeber blieben nach Informationen von US-Medien hart. Offenbar in der Hoffnung, bei einer Insolvenz mehr herauspressen zu können - ein Wunsch, der sich als Trugschluss erweisen könnte.
Strom aus Sonne, Wind und Wasser -
Düstere Aussichten
Das Weiße Haus deutete zwar an, bis zum allerletzten Moment am Montag weiter verhandeln zu wollen. "Dies ist ein Prozess", sagte Regierungssprecher Robert Gibbs am Dienstagmittag, "der andauern wird." Doch die Aussichten sind düster - zumal GM das Geld ausgeht: Intern rechnen US-Regierungskreise schon diese Woche mit dem Insolvenzantrag. "Insolvenz", schreibt auch David Welch, Autoblogger der "Business Week", "scheint eine abgemachte Sache." Daran ändert auch nichts, dass sich das Finanzministerium zuvor mit der Spitze der US-Autogewerkschaft UAW geeinigt hatte. Demnach sollen die Arbeitnehmer, unter schmerzhaftesten Zugeständnissen, nur noch rund 18 Prozent am sanierten GM-Konzern erhalten - erheblich weniger als versprochen. Der Staat würde 70 Prozent übernehmen. "Government Motors", lästerte die "Washington Post" daraufhin.
Ende einer Ikone
Und so wird ein Industriegigant zerschlagen - eine der letzten großen Ikonen des "American Way of Life". "GM definierte die US-Wirtschaftskultur des 20. Jahrhunderts", schreibt DeBord, dessen Kolumnen in der "Washington Post", der "Los Angeles Times" und auf der Finanz-Website "Big Money" erscheinen. "Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass es ohne GM kein 'business' im modernen Sinne geben würde."
"Jüngstes Gericht" für Detroit
Für Amerikas Autobranche und ihre kaputte Hochburg Detroit dürften die nächsten Tage zum "jüngsten Gericht" (CNN) werden. Auch GM-Rivale Chrysler quält sich schon seit fast vier Wochen vor einem Konkursgericht in New York durch seinen eigenen, vergleichsweise bescheidenen Gläubigerschutzprozess. Die GM-Notare beobachten das Chrysler-Schicksal genau: Hier soll sich bald entscheiden, ob der Hersteller seine erhaltenswerten Bestandteile - Werke, Marken, Händler - aus dem Insolvenzverfahren befreien und daraus in Allianz mit Fiat einen neuen, kleineren Konzern gründen darf. Das letzte Wort hat Richter Arthur Gonzalez, der zuvor schon die Konkurse von Enron (2001) und WorldCom (2002) überwachte. Beide endeten in Liquidation.
Von der Nr. 2 der Welt zum Pflegefall
Auch für GM, das anders als Chrysler keinen Partner hat, bleibt die Auflösung eine theoretische Option. Doch selbst ein gesundgeschrumpfter Konzern wäre nur noch ein Schatten des Autobauers, der ehemals mehr als 250.000 Leute beschäftigte, ein Jahrhundert lang die globale Autobranche beherrschte und selbst 2008 noch die Weltmarkt-Nummer zwei war, nach Toyota.
Schockwellen drohen
Eine GM-Insolvenz - deren Details die hausinternen Juristen bereits seit Monaten prüfen, damit es im Ernstfall flott geht - würde Schockwellen in das ganze Land senden. Der Hersteller hat schon 1100 seiner 6000 Händler gekündigt. Abertausende Zulieferer fürchten um ihre Existenz, fast eine Million GM-abhängige Amerikaner bangen um ihre Krankenversicherung und Pensionsgelder.
Anwälte im Goldrausch
Dieses gigantische Knäuel, komplexer als der Kollaps des Energieriesen Enron, ist ein gefundenes Fressen für Spezialisten - Anwälte, Banker, Berater, Buchhalter, Fondsmanager. Jede Seite will sich juristisch absichern, nicht nur GM, sondern auch die Gewerkschaft, die Regierung, die Gläubiger. Angepeilt wird eine Art Insolvenz im Schnelldurchlauf, nach einem Plan, der von Bienenstock mit entworfen wurde. Alle "guten" GM-Elemente sollen an eine neue Firma gehen - den somit "verschlankten" GM-Konzern. Die "schlechten" Verlustposten würden im "alten" GM bleiben und letztendlich liquidiert. Das soll binnen eines Monats über die Bühne gehen.
Alle namhaften Wirtschaftsjuristen
So ein Eingriff bedarf eines Heeres an Anwälten. Schon sind die Namen der damit betrauten Kanzleien durchgesickert. Auf der GM-Seite identifizierte das Fachmagazin "American Lawyer" vier Top-Firmen: Bienenstocks Dewey & LeBoeuf, seine frühere Heimat Weil, Gotshal & Manges sowie Jenner & Block (Chicago) und Honigman Miller Schwartz and Cohn (Detroit). Es liest sich wie ein Who's Who der Wirtschaftsjuristen-Szene. Das GM-Board hat seine eigenen Experten angeheuert, ebenso die GM-Finanztochter GMAC. Das US-Finanzministerium, die UAW und die von der Schließung bedrohten Händler verlassen sich wiederum auf andere Kanzleien.
Stundensatz von 950 Dollar
Wie lukrativ das alles für die Juristen ist, lässt sich aus früheren Insolvenzen ableiten. Allein für drei Monate Mitarbeit am Untergang der Investmentbank Lehman Brothers stellte Weil, Gotshal & Manges ("nur die anspruchsvollsten Klienten") 55 Millionen Dollar in Rechnung. Die Kanzlei Jones Day verlangte nach Recherchen des "American Lawyer" für die Chrysler-Insolvenz bisher fast 20 Millionen Dollar. Stundengebühr pro Anwalt: bis zu 950 Dollar.
Hunderten Millionen Dollar Anwaltskosten
Diese astronomischen Summen - Experten rechnen mit Anwaltskosten in Höhe von Hunderten Millionen Dollar - kommen zu den Milliarden Dollar hinzu, die die Regierung bereits in die Sanierung der US-Autobranche gesteckt hat, und die weiteren 50 Milliarden Dollar, die eine GM-Insolvenz kosten dürfte.
Detroit will Gerichtsverfahren
Die meisten der begünstigten Kanzleien sind internationale Firmen mit Hauptsitz in New York City. Es wird deshalb erwartet, dass auch das Gerichtsverfahren, wie bei Chrysler, in Manhattan stattfindet. Trotzdem hoffte Detroit bis zuletzt auf den Zuschlag: Eine Insolvenz würde der Stadt kurzfristig ähnliche Gewinne bringen wie eine Industriemesse, mit Scharen von auswärtigen Geschäftsleuten, die Hotels, Restaurants und leere Mietbüros stürmen. Das zuständige Gericht in Manhattan - der United States Bankruptcy Court for the Southern District of New York - ist bereits mit dem Chrysler-Fall voll ausgelastet. In einem Pilotprojekt lässt es inzwischen alle Materialien und Mitschnitte in digitale Dateien umwandeln, um Lagerplatz zu sparen. Für GM wird nun extra ein weiterer Computer-Server installiert.
Interesse am Zerschlagen von Konzernen
Anwalt Bienenstock freut sich schon. Das Zerschlagen von Konzernen habe sein Interesse bereits als Student geweckt, sagte er dem "American Lawyer". Es sei "abenteuerlicher, spaßiger, unstrukturierter als andere Sparten". Und ertragreicher: Als Chef-Anwalt bei der Enron-Abwicklung verschaffte er seiner Kanzlei 150 Millionen Dollar Gebühren.