Die beschuldigten Manager arbeiteten bei Bear Stearns. (Foto: dpa)Zwei ehemalige Manager der Investmentbank Bear Stearns stehen in den USA vor Gericht. Ihr Hedge Fonds hatte sich mit Hypotheken massiv verspekuliert und die Finanzkrise mit ausgelöst. Ihnen droht nun Gefängnis.
Einsam sitzt der Angeklagte auf einer Holzbank vor dem Verhandlungssaal im US-Bundesgericht im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Matthew Tannin hat das rechte über das linke Bein geschlagen, liest in seinen Unterlagen und ist ausgesprochen höflich. Nein, er möchte nichts sagen, kein Wort, ganz sicher nicht. Nicht einmal wie es ihm geht, will er mitteilen. Kaum hat sich ein Reporter dem ehemaligen Top-Manager genähert, eilt Tannins Anwältin herbei und beendet harsch das Gespräch. Schließlich geht es um viel für ihren Mandanten. Hinter den dicken Holztüren von Gerichtssaal 10 C des ehrenwerten Richters Frederic Block wird sich in den kommenden Tagen und Wochen entscheiden, ob der 48-Jährige möglicherweise für Jahrzehnte ins Gefängnis muss.
Möglicherweise Finanzkrise mitverursacht
Die Staatsanwaltschaft wirft Tannin und seinem ehemaligem Chef, Ralph Cioffi, Insiderhandel und Betrug an ihren Anlegern vor. Rund anderthalb Jahre nach dem Fall ihrer Bank stehen die beiden als erste und bislang einzige mutmaßliche Mitverursacher der Finanzmarktkrise vor Gericht. Die zwei Manager leiteten bis zum Sommer 2007 einen Hedge Fonds der Investmentbank Bear Stearns. Mit vermeintlich innovativen Hypotheken-Geschäften verspekulierten sie sich so massiv, dass der Fonds schließlich kollabierte, 1,4 Milliarden Dollar verpufften - und das Mutterhaus mit sich riss. Durch einen Notverkauf an die Bank J.P. Morgan endete die Geschichte von Bear Stearns.
Finanzkrise geriet durch Hypotheken-Desaster ins Rollen
Das Hypotheken-Desaster von Cioffi und Tannin war der erste Dominostein, der fiel. Was folgte, war eine beispiellose Krise des weltweiten Finanzsystems, die bis heute nicht ausgestanden ist: Monate später musste die US-Regierung die Hypotheken-Finanzier Fannie Mae und Freddie Mac de facto verstaatlichen. Im September 2008 schließlich wurde Merrill Lynch zwangsverkauft, ging Lehman Brothers pleite und der Versicherungsgigant AIG wurde zum Staatskonzern.
Anleger scheinbar getäuscht
Cioffi und Tannin haben ihre Investoren belogen, sagt der Staatsanwalt. Als sie bereits ahnten, wie faul ihre Anlagen waren, sollen sie weiter auf eitel Sonnenschein gemacht haben. Monate vor dem Ende hätten sie gewusst, dass es abwärts geht und weiter geschwiegen. "Mir ist speiübel" angesichts der Lage soll Cioffi sinngemäß in einer privaten Email schon frühzeitig geschrieben haben. Nach außen demonstrierte er aber weiter Optimismus. Außerdem soll er sich seine privaten Pfründe zur Seite geschafft haben, indem er eigenes Geld aus dem Fonds abzog. Zwei Millionen Dollar soll er auf diese Weise gerettet haben. "Insiderhandel" nennt das der Staatsanwalt.
PR-Agentur soll Ruf retten
Die Angeklagten haben nicht nur teure Anwälte um sich geschart, die sie aus dieser Sache rausboxen sollen. Eine PR-Agentur arbeitet daran, sie nicht allzu schlecht in der Öffentlichkeit dastehen lassen. Das dürfte schwierig werden. Besonders Cioffi eignet sich für die Boulevardpresse als Haudrauf-Objekt. Dem 53-Jährigen gehörten unter anderem eine 12 Millionen Dollar teure Villa und drei Ferraris. Er war nicht in einem, sondern gleich in mehreren noblen Country Clubs als Mitglied registriert. Dabei war er unter den gefallenen Stars an Wall Street nicht einmal einer der Besserverdienenden. Sein Ex-Boss Warren Spector, damals oberster Hypotheken-Guru bei Bear Stearns, nahm bei seinem Rauswurf 300 Millionen Dollar für seine Aktien entgegen. Er sitzt nicht mit auf der Anklagebank.
Urteil frühestens in fünf Wochen
Der Gerichtstermin drehte sich vor allem um ein privates Email-Postfach des Angeklagten Tannin. Er soll Beweismaterial aus seinem Gmail-Account entfernt haben - obwohl er bereits die polizeiliche Anweisung hatte, die entsprechenden Emails der Staatsanwaltschaft zu übermitteln. Mittlerweile hat Google aber alle Dokumente den Ermittlern zugänglich gemacht. Der zuständige Richter Block meinte dazu sichtlich genervt zum Staatsanwalt: "Es würde mich sehr wundern, wenn sie bei 500 Dokumenten und 38 benannten Zeugen nicht genug Material beisammen haben, um eine Verurteilung zu erreichen. Dann hätten sie nicht herkommen sollen." Für die Ankläger ist es der bislang wichtigste Fall der Finanzkrise. Der Richter entschied, dass die Staatsanwaltschaft während der Verhandlungen nicht behaupten darf, der Angeklagte hätte versucht, die Emails geheim zu halten. Am kommenden Dienstag wird die Jury für den dann endgültig beginnenden Prozess ausgewählt. Mit einem Urteil wird in frühestens fünf bis sechs Wochen gerechnet.