18.04.2008, 16:45 Uhr | dpa
Immer mehr Polizisten haben Nebenjobs (Foto: Imago) Bevor der Polizeibeamte Dieter Kaiser seinen Schichtdienst antritt, fährt er noch schnell ein paar Stunden Taxi in Köln. Die 26-jährige Polizistin Tamara Schmidt trägt im Morgengrauen Zeitungen aus, um sich und ihre Kinder finanziell besser über Wasser zu halten. Kommissar Thomas Lenz (alle Namen geändert) verkauft nebenbei Grill-Zubehör und heuert ab und zu als TV-Statist an. "Mit meinem mickrigen Beamtengehalt komme ich kaum über die Runden", sagt der studierte Kriminalist. Von den 2000 Euro netto, die er in gehobener Laufbahn inklusive aller Schichtzulagen erhält, muss der geschiedene 32-Jährige auch Unterhalt für seine Kinder zahlen. "Da bleibt nichts übrig, ohne meine lukrativen Nebenjobs läuft nichts."
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Zahl der Nebenjobber wächst
Laut Gewerkschaft der Polizei (GdP) wächst die Zahl der Polizisten, die eine Genehmigung für einen Zweitjob beantragen. Hintergrund seien die seit dem Jahr 2000 um 10 bis 20 Prozent gesunkenen Realeinkommen für Polizisten, sagt ein Sprecher des Bundesvorstands. "Um nicht in die Schuldenfalle abzurutschen, üben immer mehr Beschäftigte im Öffentlichen Dienst, Arbeiter, Angestellte und Beamte, genehmigte und ungenehmigte Nebenjobs aus", erklärt die Berliner GdP. Berichte über Polizeibeamte, die sich als Hausmeister, Pizza-Boten oder Fitness-Trainer ein Zubrot verdienen, schaden dem positiven Image des Berufs und könnten auch zu Nachwuchsproblemen führen, sorgt sich der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK).
Hohe Dunkelziffer
In München gehen 1000 von insgesamt 6000 Polizisten einer genehmigten Nebentätigkeit nach, in Köln ist es jeder zehnte von 4800, ähnlich wie in Hamburg mit 1000 Nebenjobbern unter rund 9920 Polizeibeamten. In Berlin gehen diesen Weg 990 von 21 950 Polizisten, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Der BDK rechnet mit noch mehr Polizisten mit Zusatzjob. "Es kommt noch eine unbekannt hohe Dunkelziffer dazu", sagt der Bundesvorsitzende Klaus Jansen. Es gehe vor allem um junge Polizisten, die in teuren Großstädten im Einsatz seien und dort mit 1500 bis 1800 Euro netto im Monat nicht adäquat leben könnten. Eine Kölner Beamtin (27) bestätigt vor der Wache: "Da kennt man doch schon einige, die einen Nebenjob haben müssen."
Image in Gefahr
Das Problem sei ernst, da Überlastung der Betroffenen drohe und Ansehen und Attraktivität der Polizei in Gefahr geraten könnten. "Ich möchte voll konzentrierte Polizisten im Einsatz haben, die stolz sind auf ihren anspruchsvollen Job", betont Jansen. "Die Qualität leidet aber, wenn der Trend so anhält." Wer ohne Genehmigung bei der zuständigen Polizeibehörde eine Nebentätigkeit ausübe, mache sich "disziplinarrechtlich die Finger schmutzig".
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Türsteher-Jobs sind tabu
Wird ein Antrag gestellt, muss der Dienstherr prüfen, ob der angestrebte Zusatzjob mit den polizeilichen Pflichten kollidiere. Verboten ist, was mit der Tätigkeit eines Polizisten verwechselt werden könnte. Wachmann in einem Sicherheitsunternehmen, Türsteher in der Disco, Detektiv oder Sicherheitsbegleiter in der U-Bahn sind also tabu. "Es ist aber nicht auszuschließen, dass hier Polizisten tätig sind, da sehe ich einen Graubereich", meint der BDK-Chef. Aber auch wer vor dem Polizei-Dienst stundenlang ein Taxi steuert, im Sport-Center jobbt, Pizza von Tür zu Tür trägt oder als Dolmetscher über schwierigen Texten brütet, könne nicht im Anschluss mit voller Kraft seinen Polizeidienst verrichten, befürchtet Jansen. "Der Bürger hat aber einen Anspruch auf hundert Prozent Polizist."
Gewerkschaften fordern höhere Einkommen
Um das Problem einzudämmen, fordern GdP und BDK höhere Einkommen für die Polizisten. "Wenn ich als Berufsanfänger im Schichtdienst an einem besonders belasteten Einsatzort - im Kriminalitätsschwerpunkt einer Großstadt - arbeite, dann muss das auch fair belohnt werden", verlangt der BDK-Vorsitzende. Es solle eine einheitliche Bezahlung eingeführt werden, statt diese je nach Bundesland immer weiter auseinanderdriften zulassen. Auch Zulagen für teure Wohnlagen etwa in Hamburg und München könnten eine weitere Zunahme nebenjobbender Polizisten verhindern. Solange das nicht in Aussicht ist, wird Thomas Lenz seine - ungenehmigten - Zusatzjobs behalten: "Als Polizist verdient man eben nicht die Masse, man muss sehen, wo man bleibt."
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