07.05.2008, 18:04 Uhr | dpa / T-Online
Der Schriftsteller, Autor und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff (Foto: ddp) Die Zustände bei einem Brötchen-Lieferanten für den Discounter Lidl sind nach den vierwöchigen Fabrik-Erfahrungen von Enthüllungsautor Günter Wallraff "menschenverachtend" und unhaltbar. "Ich hatte den Eindruck, ich war in einem Straflager, und so fühlen sich auch die Arbeiter dort", sagte der 65-jährige Kölner Autor. "So ein Betrieb müsste eigentlich vorübergehend stillgelegt werden." Wallraff hatte im jüngsten Magazin der Wochenzeitung "Die Zeit" ausführlich über die Arbeitsbedingungen zu Niedriglöhnen und über Mängel bei Sicherheit und Hygiene berichtet und darüber auch in der TV-Sendung "Johannes B. Kerner" gesprochen.
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Menschenverachtung, Verrohung und Ignoranz
"Immerhin habe ich erreicht, dass die hygienischen Zustände verbessert wurden: Eine Putzkolonne hat vier Tage lang nur gesäubert und den Schimmel beseitigt, dafür haben die Bänder stillgestanden", erklärte der Journalist. "Ich habe aber Sorge, dass es bei den Arbeitsbedingungen bleibt, bei der Menschenverachtung, Verrohung und der Ignoranz gegenüber den Arbeitern", meinte Wallraff. "Viele werden da aber immer wieder vom Arbeitsamt hingeschickt, und wenn sie dort wegen der entsetzlichen Bedingungen aufhören, kriegen sie eine Sperre und erhalten kein Arbeitslosengeld mehr."
Schwerwiegende Sicherheitsmängel
Die Sicherheitsmängel seien schwerwiegend. "Die Anlage wird aus Schrott repariert. Menschen müssen in die laufenden Maschinen greifen, um abgesprungene Ketten wieder in ihre Halterung zu richten, ohne dass dafür das Band angehalten wird, weil es zu keinem Produktionsausfall kommen soll." Daher sei es mehrfach zu Verletzungen gekommen. "Ich habe visuelle Beweise dafür."
Zeugen brennen darauf, eine Aussage vor Gericht zu machen
Er verfüge über Fotos, zahlreiche Zeugenaussagen von ehemaligen wie derzeit beschäftigten Arbeitern und über Dutzende eidesstattliche Erklärungen, sagte Wallraff. "Ich will, dass sich grundlegend etwas verbessert", betonte der Autor, den seine Undercover-Einsätze als türkischer Arbeiter Ali oder als "Bild"-Reporter Hans Esser berühmt gemacht hatten. "Ich habe bei einer Reportage noch nie so viele Zeugen gehabt, die aufgrund des eigenen Leidensdrucks geradezu darauf brennen, eine Aussage vor Gericht zu machen." Dem Schriftsteller ("Ganz unten") zufolge wird den Bäckern auch immer wieder ein Teil ihres Lohns vorenthalten oder das Geld zu spät ausbezahlt. "Das ist illegal."
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Hausverbot und Anzeige wegen Hausfriedensbruch
"Ich habe ein Hausverbot erhalten und bin vom Fabrikbesitzer angezeigt worden wegen Hausfriedensbruchs", sagte Wallraff, der zuletzt für seine Reportagereihe in einem Callcenter angeheuert und mit Berichten über häufig betrügerisches Vorgehen in der Branche für Aufsehen gesorgt hatte. Es sei aber auch im Hunsrücker Fabrik-Fall bereits einiges in Bewegung geraten. "Der rheinland-pfälzische Landtag will einen Untersuchungsausschuss dazu einrichten." Eine Veröffentlichung im Fernsehen sei anvisiert. Auch eine öffentliche Diskussion sei in Gang gebracht: "Der Verbraucher muss sich fragen, ob das sein kann, dass man zehn Brötchen für einen Euro und fünf Cent produziert und ob man das mit einer Billig-Billig-Mentalität unterstützen sollte."
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Arbeiter schuften bis zur Erschöpfung
Wallraff hatte als angeblich 51 Jahre alter Frank K. in der Fabrik in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Stromberg gearbeitet, die ausschließlich für Lidl in Europa Aufbackbrötchen herstellt. In der Magazinbeilage "Leben" der Wochenzeitung "Die Zeit" schildert der Schriftsteller, wie die Arbeiter bis zur Erschöpfung für deutlich weniger als acht Euro brutto Stundenlohn schuften, wie es immer wieder zu Unfällen kommt, Sicherheitsvorkehrungen am Fließband nicht eingehalten werden und der Schimmel an den Wänden blüht.
Putzkolonnen-Einsatz nach Enthüllung
Zwar habe ihm der Lidl-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Gehrig in der Talkshow "Johannes B. Kerner" zugesagt, er werde sich für bessere Arbeitsbedingungen bei dem Lieferanten einsetzten, sagte Wallraff. Er habe aber Sorge, dass es nicht zu Veränderungen kommen werde, auch wegen des Preisdrucks in der Produktion. Allerdings habe nach seiner Veröffentlichung zumindest eine Putzkolonne den Schimmel entfernt, wofür die Bänder vier Tage lang angehalten worden seien. Auf der Lidl-Homepage hieß es, es sei dem Discounter nachgewiesen worden, dass die Fabrik nach dem höchsten Standard für Lebensmittelbetriebe zertifiziert worden sei. Lidl habe dem Hersteller in den vergangenen zwei Jahren mehrere deutliche Preiserhöhungen gezahlt.
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Quelle: t-online.de
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